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"Mangelnde Demokratieerfahrung ist ein Problem unter Jugendlichen sowohl im Osten wie im Westen", bringt Helge Eikelmann auf den Punkt.

Politische Bildung

"Krudes Verständnis von Demokratie"

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Zwei Aktive des Vereins "Die Politiksprecher" sprechen im Interview über ihre Arbeit an Schulen, Unterschiede zwischen Ost und West und das politische Interesse von Schülern und Lehrern.

Herr Eikelmann, Herr Kiesel, wie kommt man dazu, an Schulen Demokratie-Seminare zu geben, ist das Thema nicht sowieso Teil des Lehrinhalts?
(Beide lachen.)
Marcus Kiesel: Wir haben auf der Geschichtsmesse dieses Jahres in Suhl eine Statistik gesehen, die zeigt, wie viel Zeit das Thema Demokratie an Schulen in den Bundesländern einnimmt und zu meiner geringen Überraschung war Sachsen auf dem letzten Platz. Und das ist nicht etwa nur dem G8 geschuldet, sondern auch politischen Entscheidungen. Wenn gesagt wird, da müsse man nicht mehr viel tun, wir hätten ja Demokratie, dann ist das äußerst bedenklich.

Nach den rechten Aufmärschen in Chemnitz steht Sachsen derzeit besonders im Fokus, Sie beide geben Demokratie-Seminare in Ost wie West – unterscheiden sich die Probleme tatsächlich so stark?
Helge Eikelmann: Wir hören aus dem Schulbetrieb, dass Demokratie vor allem als Geschichte oder als Institution vermittelt wird: Wie funktioniert eine Wahl, wofür ist ein Bundespräsident da und so weiter. Das ist ein Abklopfen von Fakten. Aber was es bedeutet, als Demokrat sich in dieser Gesellschaft einzubringen – das fehlt.

Erwarten Sie von den Jugendlichen, dass Sie sich politisch interessieren?
Kiesel: Mittlerweile erwarten wir das nicht mehr. Wir haben deswegen beim Projekt Grundrechte-Arena das Level auf null gesetzt. Uns mahnen auch viele Lehrer, dass wir überhaupt kein Grundinteresse an Demokratie oder Grundrechten erwarten dürfen. Es ist weder im Unterricht vorgesehen, noch wird das von zu Hause mitgegeben. Und wenn es das Fach Politik überhaupt gibt, wird es in ein, zwei Wochenstunden behandelt.

Ist es überall so düster?
Eikelmann: Nein, aber in der Gesamtheit. Eine Schule, die uns besonders positiv aufgefallen ist, ist ein Gymnasium in Hanau. Da haben wir durch die Bank weg politisch interessierte Schüler erlebt, da hatten wir ein Kollegium, das begeistert war, einen Grundrechtetag machen zu können. Die waren vorbereitet und haben sich auf die Podiumsgäste gestürzt. Der Schulleitung ist es so wichtig, dass sie jedem Schüler und jeder Schülerin das Grundgesetz in die Hand drücken, wenn sie an diese Schule kommen. Sie fahren nicht nur zu Gedenkstätten, was sowieso schon super ist, sondern auch nach Straßburg und nach Berlin. Aber man muss sich klar machen, dass viele Lehrer sich dafür neben ihrer eigentlichen Aufgabe engagieren.

Wie kommen Sie überhaupt an eine Schule?
Kiesel: Wir informieren die Schulleiter, reden mit den Fachlehrern. Am Ende macht vielleicht jede achte Schule mit. Oft heißt es, es gebe keine Unterstützung im Kollegium oder es gebe im Lehrplan keinen Raum dafür. Einmal sagte eine Schule, sie sei musisch geprägt und hätte für das Thema Grundrechte keine Zeit. Die Gründe für Absagen sind unterschiedlich, aber wir merken, dass wir einen großen Aufwand betreiben müssen, damit mal so ein Projekt stattfindet.

Wie sagen es Ihnen die Lehrer denn konkret, wenn sie nicht über Demokratie reden wollen
Kiesel: Wir werden oft gefragt, woher wir kommen. Und wenn ich sage, dass ich aus Hamburg bin, der Verein in Frankfurt sitzt, dann heißt es im Osten schon mal, ,Ach, dann wollen die Westler uns wieder Demokratie beibringen‘. Es kam so häufig vor, dass ich aufpassen musste, dass bei mir nicht wieder eine innere Mauer entsteht. Ein Schulleiter eines Gymnasiums in Bautzen sagte im Gespräch über Pressefreiheit: ,Naja, machen wir uns nichts vor, die Aktuelle Kamera war nichts anderes als die heutige Tagesschau‘.

Gibt es noch etwas, was Ihnen im Osten auffällt?
Eikelmann: Unser Eindruck ist, dass die ländlichen Gebiete im Osten von den politischen Stiftungen über Jahre ignoriert wurden. In Leipzig, in Dresden, in anderen Landes- und Großstädten im Osten gab es Demokratieseminare, gab es politische Bildung. Auf dem Land wurde das weitgehend ignoriert. Wir erleben auch ein sehr krudes Verständnis von Demokratie, wenn zum Beispiel Verschwörungstheorien über – ich zitiere – ,Horden‘ von Sinti und Roma geäußert werden, die in Rostock-Lichtenhagen unterwegs waren. So etwas ist keine Meinung, das können wir dann auch nicht stehen lassen, wir fordern Quellen für solche Aussagen und widerlegen das dann. Aber dann gibt es Lehrer, die uns unterstellen, wir indoktrinieren.

Warum reagieren die Lehrer so?
Eikelmann: Uns fallen zwei Dinge auf: Zum einen wird Demokratie als ein von oben vorgegebenes System erlebt, dass man selbst aktiv dazu beitragen kann, ist kein Thema; zum anderen merken wir, dass die eigene Lebensgeschichte wenig reflektiert wird. Wir begegnen Menschen, die sich als Objekte einer fremden Politik begreifen. Solche Haltung nehmen dann auch die Schüler an.

Unterschätzen wir das Demokratieproblem im Osten?
Kiesel: Ja. Ein klares Ja. Dazu eine Geschichte: 2013 saß ich mit einer Landtagsabgeordneten im sächsischen Landtag zusammen, sie suchte im Haushalt die Mittel für Bildungsprojekte gegen Extremismus. Sie brauchte damals 45 Minuten, um den Posten zu finden: Es waren 100.000 Euro. Davon wurden später nur 23.000 abgerufen, eben weil sie so versteckt waren. Wir selbst haben mehrfach angeboten, Projekte zu machen, bekamen aber keine Reaktion. Der damalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat 2014 gesagt, dass die niedrige Nachfrage nach den Mitteln zeigen würde, dass Sachsen kein Demokratieproblem hat. Und wenn ich jetzt die Rede von seinem Nachfolger Michael Kretschmer über Chemnitz höre, dann ist klar: Da wird offensichtlich etwas totgeschwiegen.

Stoßen Sie denn im Westen nicht auch auf Probleme?
Eikelmann: Zurzeit sind wir vor allem in Hessen unterwegs und was wir hier feststellen, ist, dass es viel Verunsicherung gibt beim Thema Religion, vor allem im Umgang mit muslimischen Jugendlichen. Wenn zum Beispiel Jugendliche sagen, dass sie ihre religiöse Identität über die Gesellschaft stellen; wenn sie Gleichberechtigung ablehnen; wenn sie ein krudes Verständnis von Toleranz haben; wenn sie sich als Opfer darstellen und über andere nicht reden wollen. Viele Schulen sind damit überfordert, haben ein falsches Toleranzverständnis, diskutieren nicht offen über das Kopftuchtragen, das bei immer Jüngeren zu sehen ist, oder wenn Schüler in der vierten und fünften Klasse umkippen, weil sie den Ramadan nicht durchhalten, oder über den Schwimmunterricht. Darüber muss man doch diskutieren.

Kiesel: Gerade in Hessen habe ich mehrfach erlebt, dass Lehrer mich in den Pausen gebeten haben, Probleme wie den Schwimmunterricht nicht zu hoch zu hängen.

Ist die fehlende Bereitschaft, sich mit jeweiligen Problemen auseinanderzusetzen, das, was Schulen im Osten und Westen verbindet?
Kiesel: Es sind die wenigsten Schulen und Lehrer, die sich aktiv mit einem Problem auseinandersetzen im Osten wie im Westen. Engagierte Lehrer und Lehrerinnen verlieren oft ihre Motivation und Kraft.

Eikelmann: Und die wenigsten vermitteln Demokratie als etwas, das verhandelt werden muss. Es wird zu oft nur gestreift und über Extremismus nicht wirklich gesprochen. Aber Schülern zu vermitteln, wie sie mit extremen Meinungen oder mit Fake News umgehen können, das kommt zu selten vor.

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