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Kroatien vor der Zeitenwende

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Von: Thomas Roser

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Zagreb tritt der Euro- und Schengenzone zum Jahreswechsel bei - und erhofft sich mehr Wachstum. Die starke Nachfrage nach Bargeld macht kurz vor dem Wechsel selbst die Kuna knapp.

Zagreb - Der Countdown läuft im Adriastaat. Aus allen Landesteilen vermelden Kroatiens Banken einen verstärkten Andrang vor der Euro-Einführung am 1. Januar. Entweder zahlen Kund:innen ihre letzten Bargeld-Bestände oder Ersparnisse in der bisherigen Kuna-Währung zum automatischen Euro-Umtausch auf ihre Konten ein. Oder sie decken sich sicherheitshalber bereits mit Euros für die Silvesternacht ein: Für eine kurze Zeit werden Kredit- und andere Bankkarten nach Mitternacht nicht funktionieren.

Der „Marder“ (Kuna) geht, der Euro kommt. Vom 1. Januar an sollen die 2700 Bankautomaten im Land nur noch mit Euro bestückt werden. In den Läden können Kund:innen zwar noch bis zum 15. Januar mit Kuna bezahlen, doch werden sie das Rückgeld in Euro erhalten. Verbraucherverbände klagen derzeit aber nicht nur über geringe Euro-Vorräte bei Banken und Postämtern, sondern auch über leere Bankautomaten: Die starke Nachfrage nach Bargeld macht derzeit selbst die Kuna knapp.

Der „Marder“ (Kuna) geht, der Euro kommt.
Der „Marder“ (Kuna) geht, der Euro kommt. Foto: Imago Images. © imago

Kroatien: Viele Grenzposten werden überflüssig

An den Landesgrenzen zu den Schengen-Partnern Slowenien und Ungarn werden zu Jahresbeginn 73 überflüssig gewordene Grenzübergänge aufgehoben. Gleichzeitig werden rund 1000 Grenzbeamt:innen, die dort bisher im Einsatz waren, an Kroatiens neue Schengen-Grenze mit den EU-Anwärtern Serbien, Montenegro sowie Bosnien und Herzegowina verlegt.

Während Slowenien seine 2015/2016 installierten Stacheldrahtzäune an der Grenze zu Kroatien bereits entfernt hat, behält Ungarn diese vorerst bei. Man sei „im engen Kontakt mit den ungarischen Kollegen“, versichert Terezija Gras, die für die Schengen-Vorbereitungen zuständige Staatssekretärin im Innenministerium, der Frankfurter Rundschau. Zagreb wolle die Grenzregionen beider Staaten durch den Bau neuer Straßen besser verbinden: „Wir setzen auf eine intensivierte Polizeikooperation in der Grenzregion und hoffen, dass Ungarn die Zäune abbaut.“

Kroatien: Tourismusbranche hofft

Leichter vergleichbare Preise, eine Reduzierung der Staus an den Grenzen und eine schnellere Abfertigung an den Flughäfen dürften viele Tourist:innen erfreuen. Kräftige Zuwachsraten von fünf Prozent erhofft sich für 2023 deswegen Kroatiens starke Tourismusbranche, die ein Fünftel des Sozialprodukts ausmacht.

Mit dem Euro entfalle das Währungsrisiko, zugleich mache das gestiegene Rating Kroatien auch für Investoren interessant, die das Land bisher links liegen ließen, sagt Zdenko Lucic, Staatssekretär für Wirtschaftsfragen im Außenministerium.

Kroatien: Angst vor Preisaufschlägen

Um Trittbrettfahrenden, die die Umstellung und die Inflation für Preisaufschläge nutzen wollen, das Handwerk zu erschweren, müssen die Preise seit September sowohl in Kuna als auch in Euro ausgezeichnet werden: eine Vorgabe, die noch bis Ende 2023 laufen soll. Zumindest auf den 1-Euro-Münzen soll der Kuna in Form eines abgebildeten Marders weiter erhalten bleiben.

Wehmut über den Abschied kommt beim Analysten Zarko Puhovski jedoch keine auf: Er sei „erleichtert“, dass sich Kroatien mit der Kuna endlich des letzten Symbols des faschistischen Ustascha-Staats während des Zweiten Weltkriegs entledige. (Thomas Roser)

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