+
Die Altstadt von Dubrovnik an der kroatischen Adriaküste.

EU-Beitritt Kroatien

Kroatien - ein Sanierungsfall?

  • schließen

Hinter der reichen Adria-Kulisse verstecken sich Korruption, Armut und katastrophale Wirtschaftsdaten. Sorgen, dass die EU mit Kroatien einen neuen Sanierungskandidaten bekommen könnte, sind allerdings wenig begründet.

Hinter der reichen Adria-Kulisse verstecken sich Korruption, Armut und katastrophale Wirtschaftsdaten. Sorgen, dass die EU mit Kroatien einen neuen Sanierungskandidaten bekommen könnte, sind allerdings wenig begründet.

Visionen gebe es in Kroatien keine, sagt Ivan Grubisic, einer der originellsten Politiker des Landes. „Höchstens Provisionen.“ Wenn von der Wirtschaft die Rede ist, gedeiht unter Kroaten der Sarkasmus. Hinter der reichen Adria-Kulisse verstecken sich Korruption, Armut und katastrophale Wirtschaftsdaten.

Das neue EU-Land steckt das fünfte Jahr in Folge in der Rezession. Anders als die Mitgliedsländer hat Kroatien seit Einbruch der Krise keine Erholung erlebt; gegenüber 2008 liegt der Einbruch bei erschreckenden zwölf Prozent. Die Arbeitslosigkeit hat sich auf knapp 15 Prozent verdoppelt, bei den Jugendlichen sind es 43 Prozent, der zweitschlechteste Wert hinter Griechenland. „Für die Entwicklung des Landes sind das verlorene Jahre“, sagt Sandra Svaljek, bis vor kurzem Leiterin des unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstituts in Zagreb.

Es ist nicht nur die Krise, es ist die Struktur – besonders die Industrie. „Noch die Beitrittskandidaten der Jahre 2004 und 2007 haben im Durchschnitt 55 Prozent ihrer Produktion exportiert“, hat Svaljek ausgerechnet, „und wir exportieren nur 20 Prozent.“ Nur mit Zigaretten machen kroatische Produzenten traditionell gute Geschäfte, und nur die Lebensmittelindustrie hat sich seit den kriegerischen 90er Jahren gefangen.

Ausgerechnet diese beiden Branchen jedoch müssen unter dem EU-Beitritt am meisten leiden: Sie haben ihre Märkte in den ex-jugoslawischen Nachbarländern, vor allem Bosnien und Serbien. Mit dem 1. Juli fallen dort für kroatische Produkte künftig Zölle an. Versuche der EU-Kommission, eine neue Freihandelszone auszuhandeln, waren bisher nicht von Erfolg gekrönt. „Und selbst wenn“, sagt Svaljek: „Dann würde die Zollfreiheit nicht nur kroatischen, sondern allen EU-Exporteuren zugutekommen.“

Den Werften droht das Aus

High Tech hat nur einen verschwindenden Anteil. Den Werften, einst der Stolz der kroatischen Industrie, droht das Aus, wenn sich nicht rasch Investoren finden. Die hohen Subventionen, die sie verschlingen, sind nicht EU-konform. Andere Branchen der Schwerindustrie sind schon in den 90er Jahren verschwunden. Von Rohstoffen und Absatzmärkten gleichermaßen abgeschnitten, schaffte die Industrie es nicht, die Abhängigkeit von den jugoslawischen Nachbarrepubliken zu kompensieren.

Hinzu kam eine gescheiterte Privatisierung, mit deren Folgen das Land noch heute zu kämpfen hat. Getreu seiner nationalistischen Orientierung wollte Staatsgründer Franjo Tudjman für die kommende kapitalistische Ära eine nationale Wirtschaft aufbauen, gestützt auf „200 Familien“ und einige „kroatische Rockefellers“. Staatsfirmen wurden gezielt in die Hände eines Kreises aus national zuverlässigen Landsleuten privatisiert, die ihre Betriebe filettierten und den unproduktiven Rest dem Staat überließen. Ausländische Banken, allen voran die Kärntner Hypo-Alpe-Adria, bildeten Netzwerke mit lokalen Politikern und schütteten Kredite an umstrittene Geschäftsleute aus.

Regionalentwicklung fand so gut wie nicht statt. In den einstigen Kriegsgebieten wurde schon deshalb nicht investiert, um die vertriebene serbische Minderheit nicht zur Rückkehr anzureizen. Zwischen dem armen Ostslawonien und dem reichen Zagreb liegt der Einkommensunterschied bei eins zu drei – im zwanzigmal größeren Deutschland stehen das arme Mecklenburg-Vorpommern und das reiche Bayern nur im Verhältnis 1:1,8.

Die Küste hat noch Potenzial

Vor dem Kollaps bewahrte Kroatien seine wichtigste Ressource: eine Küste von 1778 Kilometern, länger als die spanische, dazu mit 1185 Inseln. Mit dem Fremdenverkehr wird in Kroatien jede vierte Kuna verdient. Dabei hat die Branche noch starke Reserven: Die Saison ist kurz, und vor allem die Inseln sind für die immer beliebteren Kurzurlaube nur schwer zu erreichen.

Weil die Anlieger in Dalmatien ihren überkommenen Zimmer-frei-Tourismus nicht aufgeben wollen, haben es Konzepte zur Tourismusentwicklung schwer. Ausländische Investoren sind eher unwillkommen. Seit zwanzig Jahren mahnen die Consultants, dass das Angebot bereinigt gehört und Platz für kleine, familiäre Hotels geschaffen werden muss – vergeblich. Immerhin hat das Ausbleiben von Investoren die Küste vor Verschandelung bewahrt.

Sorgen allerdings, dass die EU mit Kroatien einen neuen Sanierungskandidaten bekommen könnte, sind trotz der schwachen Wirtschaft wenig begründet. Eine überdimensionierte Finanzwirtschaft, wie etwa Zypern, hat Kroatien nicht. Weil es auf absehbare Zeit keine Chance hat, Mitglied der Eurozone zu werden, ist das Land auch ohnehin kein Anwärter auf den Euro-Rettungsschirm.

Für ihr 28. Mitglied hat die Union in den Finanzrahmen bis 2020 zusätzliche 500 Millionen Euro eingestellt. Der Zugang zu den großen Fonds der EU – Sozialfonds, Kohäsionsfonds, regionale Entwicklung – ist für Neumitglieder eher schwierig. Schon seit der Tudjman-Ära betreibt Kroatien eine konsequente Hartwährungspolitik, die dem Tourismus hilft, der Industrie aber schadet. Sollte die Währung Kuna dennoch unter Druck geraten, würde die EU sich nach dem Vorbild Ungarns und Rumäniens zwar wohl beteiligen; der Löwenanteil der Haushaltshilfen müsste aber vom Weltwährungsfonds kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion