Kroatien

Ausschabung ohne Betäubung

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In Kroatien protestieren immer mehr Frauen gegen brutale Operationsmethoden

Das Zeichen der Gruppe ist ein roter Händeabdruck, der an Blut erinnern soll. „Stoppt das Schweigen!“, ist der Slogan. Seit Oktober melden sich in Kroatien immer mehr Frauen zu Wort, die gynäkologische Operationen ohne jegliche Anästhesie am eigenen Leibe erfahren mussten. Die Praxis ist verbreitet. Den Frauen wird einfach mitgeteilt, dass sie den Schmerz ertragen müssten; einen medizinischen Grund für die Torturen gibt es nicht.

Am Freitag gab es deshalb in Zagreb und anderen Städten erneut Protestveranstaltungen von „Stoppt das Schweigen“. Initialzündung für die Bewegung war eine Rede der Abgeordneten Ivana Nincevic-Lesandric, die im Oktober im Parlament in Zagreb das jahrzehntealte Tabu brach und davon berichtete, wie ihr Uterus ohne jegliche Anästhesie ausgeschabt worden war. „Sie banden Arme und Beine zusammen und begannen eine Kürettage ohne Anästhesie, dies waren die schrecklichsten 30 Minuten meines Lebens“, sagte die junge Frau. Bezeichnend für das fehlende Bewusstsein in Kroatien: Gesundheitsminister Milan Kujundžic behauptete nach der Aussage von Nincevic-Lesandric einfach, sie würde lügen.

Wie Tiere behandelt

Doch Hunderte Frauen meldeten sich in der Folge und erzählten, dass es ihnen gleich ergangen sei. Etwa 400 Berichte wurden gesammelt. Zu den Operationen, die ohne Betäubung durchgeführt werden, gehören neben Ausschabungen der Gebärmutter Fehlgeburten, Entfernungen der Plazenta, Nähte nach der Geburt oder Dammschnitte ohne Einwilligung. Die Aktivistin Daniela Drandic von der NGO Roda sagt, die Erklärung, die die Frauen erhielten, wenn sie um eine Betäubung bäten, sei immer die gleiche: „Wir machen das seit Generationen ohne Anästhesie.“

Doch der Widerstand gegen die menschenfeindliche Praxis wächst. Eine der Frauen, die sich trauten an die Öffentlichkeit zu gehen, ist Ana Kovacevic. Der Zeitung „Standard“ berichtete sie von einer Gebärmutterhalsbiopsie: „Mir wurden im Juli 2018 neun Proben entnommen. Von Anästhesie war absolut keine Rede. Ich sagte, dass ich Schmerzen habe und nach der dritten Ausschabung diese nicht mehr aushalten kann.“ Das Geräusch des Ausschabungsgeräts und der Geruch von verbranntem Gewebe seien widerlich gewesen. Kovacevic wünscht sich, dass betroffenen Frauen nicht der Eindruck vermittelt wird, dass sie sich schämen oder dies aushalten sollten. Zurzeit würden Frauen noch wie Tiere behandelt.

Laut Aktivistin Drandic verweigern nicht alle Krankenhäuser die Anästhesie, aber in manchen gehöre sie zum „institutionellen Erbe“. Auch neues medizinisches Personal werde in die alten Praktiken eingeführt und diese würden nicht hinterfragt. Ziel sei es nun, dass Ärzteverbände verbindliche Richtlinien schaffen, die die Frauen vor den sinnlosen Qualen bewahren.

Eine Gruppe von UN-Menschenrechtsexperten forderte Kroatien im Februar offiziell auf, die Missachtung der Rechte der Frauen in der Sexual- und Fortpflanzungsmedizin sofort zu beenden. Die Zuständigen müssten zur Verantwortung gezogen werden.

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