Bremen

Kritik an tödlichem Polizeieinsatz in Bremen

  • vonEckhard Stengel
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Polizei-Experten: Beim Vorgehen gegen den offenbar psychisch kranken Mann fehlte ein Psychologe.

Polizeiexperten haben den tödlichen Polizeieinsatz gegen einen Marokkaner in Bremen kritisiert: Die Beamten hätten nicht genügend berücksichtigt, dass der 54-Jährige wohl psychisch krank war. Die Polizei wollte den unter gesetzlicher Betreuung stehenden Mann zu einer sozialpsychiatrischen Begutachtung mitnehmen. Als er sich weigerte und ein Messer zückte, besprühte ein Beamter ihn nach längerem Zureden mit Pfefferspray. Daraufhin lief der Mann mit gezücktem Messer auf den zurückweichenden Polizisten zu, der ihm dann zweimal in den Oberkörper schoss.

Radio Bremen befragte dazu vier Polizeiexperten. Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes sagte, ein Psychologe oder speziell geschulter Beamter hätte den Einsatz führen müssen. Die Polizei hätte auch kein Pfefferspray einsetzen sollen, weil dies bei psychisch Kranken kaum oder gar nicht wirke, dafür aber aggressiv mache. Laut Feltes sind etwa 80 Prozent aller Polizeieinsatz-Todesopfer Menschen mit psychischen Problemen. Der Thüringer Polizeiwissenschaftler Martin Thüne sagte, Menschen mit akuten psychiatrischen Krisen hätten eine andere Reizwahrnehmung. Deshalb sollten Polizisten sie nicht anschreien oder bedrohen. Laut eines Augenzeugenvideos hatten die vier Beamten teilweise mit Pistolen auf den Marokkaner gezielt und ihm mehrfach „Messer weg!“ zugerufen. Nach Ansicht des Bremer Rechtsanwalts Helmut Pollähne fehlte eine Rechtsgrundlage dafür, dass die Polizei den Mann zwecks Untersuchung zur Wache mitnehmen wollte.

Nur der Bremer Rechtspsychologe Dietmar Heubrock äußerte den Eindruck, dass die Beamten deeskalierend vorgegangen seien. Sie hätten keine Uniformmützen getragen und angeboten, ihre Waffen niederzulegen, wenn der Mann sein Messer ablege.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) wies im „Weser-Kurier“ darauf hin, dass es nur im Krimi möglich sei, in hektischen Notwehrsituationen gezielt auf Beine oder Hände zu schießen. Die GdP erneuerte ihre Forderung, Distanz-Elektroschockgeräte („Taser“) auch für Bremer Streifenpolizisten und nicht nur für Spezialkräfte einzuführen. Offizielle Stellen wollten sich bisher nicht zur Polizeitaktik bei dem tödlichen Einsatz äußern.

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