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Opposition reicht nicht: Katrin Göring-Eckardt, Winfried Kretschmann und Cem Özdemir (von links).

Grünen-Parteitag

Kritik an Özdemir und Göring-Eckhardt

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Beim Grünen-Parteitag müssen die Spitzenkandidaten harsche Kritik einstecken. Trost kommt vom Stuttgarter Regierungschef Kretschmann.

Kaum hatte der Grünen-Parteitag begonnen, war die Stimmung schon auf einem Tiefpunkt – jedenfalls wenn man die Mienen auf dem Tagungspräsidium zum Maßstab nimmt. Da sprach nämlich die grüne Bundestagskandidatin für Friedrichshain-Kreuzberg, Canan Bayram. Und sie ließ verlauten, die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir erinnerten manche „an Ortsvereinsvorsitzende der CDU“. Später nahm sich Bayram Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer vor. Dessen im August erscheinendes Buch „Wir können nicht allen helfen“ übersetzte sie mit „in meinen SUV passen keine fünf afghanischen Männer“ – um Palmer hörbar aggressiv zu raten: „Einfach mal die Fresse halten!“

Daraufhin konnte man sehen, wie es in Bundesgeschäftsführer Michael Kellner zu arbeiten begann. Schließlich ging er ein weiteres Mal ans Pult und sagte, ohne Bayram zu erwähnen, Göring-Eckardt und Özdemir seien in der Urwahl auserkoren worden. Und nun könne man erwarten, dass alle sich hinter ihnen versammelten.

Kein Zweifel: Der Parteitag begann spektakulär.

Als erster Prominenter sprach Jesse Klaver, Chef der Grün-Linken in den Niederlanden, der mit Göring-Eckardt und Özdemir auf die Bühne kam. Klaver – weißes Hemd, jugendliche Erscheinung – nannte es „nicht akzeptabel, dass große Unternehmen Steuern vermeiden“ und mahnte: „Wir müssen für Gleichheit kämpfen.“ Die etablierten Parteien seien „nicht fähig, eine überzeugende Alternative zum Status quo zu präsentieren“. Das war ein Ton, den man von deutschen Spitzengrünen nur noch selten hört. Klaver („Steht für Eure Ideale!“), dessen Partei bei der letzten Parlamentswahl 9,1 Prozent holte, bekam viel Applaus. Und er leitete Özdemirs Auftritt ein, der seine Rede in Englisch begann.

Özdemir zeigte sich hingegen eher als Modernisierer. Er sagte zwar, es gebe im Deutschen ein „wunderbares Wort: Solidarität“. Der Fokus lag aber auf Angeboten wie dem an die deutsche Automobilindustrie. „Wir können den Übergang zu 100 Prozent emissionsfreien Fahrzeugen so schnell wie möglich gemeinsam organisieren“, betonte der grüne Spitzenkandidat. „Aber keine Tricks mehr!“ Seine Partei habe ein besseres Angebot als das, die deutschen Autobauer dem Untergang zu überlassen. Überhaupt unterstrich der Schwabe aus Bad Urach: „Viele Menschen schauen auf uns. Lasst uns in diesem Bewusstsein Beschlüsse fassen. Die Leute sollten nicht das Gefühl haben, dass ihre Probleme zu klein sind für uns.“ Er schloss mit den Worten: „An uns Grünen soll ab September keiner mehr vorbei kommen.“

Özdemir zielte nicht nach links, sondern ins Zentrum. Und: Er will regieren.

Daran konnte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann nahtlos anknüpfen. Er sagte: „Wir leben in einer Zeit existenzieller Herausforderungen. Deshalb braucht es die Grünen mehr als je zuvor. Der Klimawandel macht keine Pause. Es geht darum, ob dieser Planet vor die Hunde geht oder nicht.“ Die Frage sei mithin, „ob wir die ökologische und digitale Revolution gebacken bekommen“. Dazu sei „Leadership“ erforderlich  – Leadership der Bundesregierung. Und Leadership der Regierung werde es bloß geben „wenn wir an ihr beteiligt sind“. Der Regierungschef würdigte das Spitzenduo übrigens als „erfahren und seriös“. Özdemirs Programm rühmte er als „realitätstüchtig und umsetzbar“. Spätestens da war Canan Bayrams Rede fast vergessen.

Die hatte übrigens während ihres kurzen Auftritts gesagt, an dessen Ende werde man sie vielleicht besser kennen als vorher. Zumindest darin dürften ihr alle zustimmen.

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