Gastronomie, Kultur und Sport

Weitreichende Kritik an Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern

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Diverse Verbände aus den Bereichen Sport, Kultur und Freizeit haben die neuen Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern kritisiert. Einige fürchten um ihre Existenz.

  • Die neuen Corona-Regeln von Bund und Ländern stoßen auf harsche Kritik
  • Mehrere Branchen fürchten um ihre Existenz.
  • Sport, Kultur und Gastronomie sind von weitreichenden neuen Corona-Maßnahmen betroffen.

Frankfurt/Berlin – Die umfassenden neuen Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern stoßen bei vielen Verbänden aus den Bereichen Freizeit, Kultur und Sport auf Kritik. Von „Willkür“ und „völlig unangemessenen“ Schließungen ist die Rede.

Hotels und Gastronomie besonders von Corona-Maßnahmen betroffen

Eine Branche, die besonders von den Corona-Regeln betroffen ist, ist die Gastronomie. Hotels, Gaststätten und Restaurants sollen ab dem 2. November bis Dezember geschlossen bleiben. Für die Hauptgeschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA), Ingrid Hartges, sind die Regeln nicht sorgfältig genug ausgearbeitet. „Das muss besser gemacht werden als die Beherbergungsverbote und Sperrstundenregelungen, die vielfach von Gerichten kassiert wurden“, sagte sie. Sie schloss Klagen gegen die Beschlüsse nicht aus. Aber Harges übte nicht nur Kritik. Sie begrüßte die Hilfen für Unternehmen, die direkt von den Corona-Schließungen betroffen sind. Es sei wichtig, dass diese Hilfen „schnell und unbürokratisch“ gewährt würden.

BGA-Vorsitzender kritisiert Corona-Regeln als „völlig unangemessen“

Deutlichere Worte fand der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) der rund 70 Mitgliedsverbände vertritt. BGA-Vorsitzender Anton Börner bezeichnete die Corona-Maßnahmen als „völlig unangemessenen“. In seiner Kritik sprach Bröner davon, dass die Regeln für viele mittelständische Betriebe den Todesstoß bedeuten könnten. Hygienekonzepte in der Gastronomie hätten sich bewährt, so Börner. Vielmehr müssten sich Corona-Maßnahmen auf den privaten Bereich konzentrieren, auch wenn das „unpopulär“ sei. Zwar hält er es für sinnvoll, bisherige Maßnahmen zu überprüfen und nachzuschärfen, aber Planbarkeit und „effiziente, handhabbare und verständliche Regelungen“ seien ebenso wichtig.

Familienunternehmer fürchten „Kahlschlag“ durch Corona-Regeln

Ebenfalls drastisch fiel die Kritik des Hauptgeschäftsführers des Verbandes „Die Familienunternehmer“, Albrecht von der Hagen, aus. Hagen sprach von „Wut und Verzweiflung“, die sich in der Hotellerie und Gastronomie breit machten. Es könnte ein Kahlschlag ganzer Branchen drohen, so von der Hagen. Er sieht Defizite bei der Kontrolle der Corona-Maßnahmen. „Hier muss der Staat nachsteuern und beispielsweise Personalressourcen in den Ministerien und Ämtern umschichten“, sagte von der Hagen. Damit sollten die „schwarzen Schafe“ in der Branche gefunden werden.

Kulturbranche sieht sich durch Corona-Maßnahmen bedroht

Neben der Gastronomie- und Hotelleriebranche ist auch die Kulturbranche stark von den Einschränkungen durch die neuen Corona-Regeln betroffen. „Wir haben überhaupt kein Verständnis mehr für das ständige Auf und Ab der ergriffenen Maßnahmen“ formuliert der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino) seine Kritik. HDF-Vorstand Christine Berg zeigte sich „fassungslos“ über die Beschlüsse. Kinos trügen eine große Verantwortung, welcher sie auch gerecht würden. Dennoch habe dies nichts genutzt. Der Deutsche Museumsbund, der Deutsche Bühnenverein, die Deutsche Orchestervereinigung und die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) schlossen sich der Kritik an den Corona-Maßnahmen an. SPIO-Präsident Thomas Negele betonte, dass sämtliche Regeln in Kinos strikt umgesetzt wurden, der Deutsche Museumsbund wies darauf hin, dass Museen als Infektions-Hotspots bisher nicht in Erscheinung getreten sind.

Vorwurf der „Willkür“ bei Corona-Maßnahmen

Die Chefin der Münchener Kammerspiele, Barbara Mundel, bezichtigte die Politik der „kompletten Willkür“. Die Regeln für den Umgang mit der Corona-Pandemie müssten in einer Demokratie verhandelt werden, es könne nicht einfach „durchregiert“ werden, sagte Mundel der Süddeutschen Zeitung. Und weiter: „Das höhlt auf Dauer Demokratie und die offene Gesellschaft aus, die wir doch sein wollen. Krise kann als Gefühl kein Dauerzustand sein.“ Ihrer Ansicht nach hätten es Kulturschaffende versäumt, sich selbst eine Lobby zu schaffen.

Der Jazzmusiker Till Brönner forderte in einer Videoansprache Hilfe für die Branche von der Politik. Weltweit brechen durch die Corona-Pandemie nicht nur Auftritte, sondern auch Tantiemen für viele Kulturschaffende weg. Der internationale Dachverband der Verwertungsgesellschaften CISAC geht von einem Rückgang um 20 bis 35 Prozent aus. „Millionen von Urhebern verlieren gerade ihre Lebensgrundlage“, sagte Ex-Abba-Star und CISAC-Präsident Björn Ulvaeus.

Sportverbände zeigen wenig Verständnis für Corona-Regeln

Viele Beschränkungen treffen auch den Breiten- und Amateursport. Der Vorsitzende des Deutschen Leichtathletikverbands, Jürgen Kessing, sieht in der Schließung von Sportstätten eine „harte Entscheidung“, die allerdings zu erwarten gewesen sei. Er betonte, dass künftig mit Hygienekonzepten überzeugt werden müsste. Der Präsident des Sächsischen Fußball-Verbandes (SFV), Hermann Winkler, äußerte ebenfalls Kritik an die neuen Corona-Maßnahmen.

„Ich bin entsetzt über die Ignoranz und Geringschätzung gegenüber dem Sport und den Vereinen“, so Winkler. Trotz aufwändiger, in meist ehrenamtlicher Arbeit erstellter Hygienekonzepte und ohne Infektionsgeschehen werde „dicht gemacht“. Der Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes äußerte sind Unverständnis darüber, dass in Schulen Kinder und Jugendliche dicht zusammensitzen, aber sie „draußen an frischer Luft keinen Sport zusammen treiben dürfen“.

Auch Einzelhandel fürchtet Corona-Maßnahmen

Zwar ist der Einzelhandel von den am Mittwoch (28.10.2020) beschlossenen Corona-Regeln nicht betroffen. Dennoch übte auch der Handelsverband Deutschland (HDE) Kritik an den Maßnahmen. „Wenn die Geschäfte als einzige geöffnet sind, alle anderen Branchen rundherum schließen müssen und die Menschen zu Hause bleiben, dann sind die Händler in einer sehr schwierigen Lage“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Das Einkaufen sei in der Pandemie sicher.

Neue Corona-Regeln gelten ab dem 2. November

Ungeachtet der umfassenden Kritik sollen am 2. November bundesweit neue Corona-Maßnahmen in Kraft treten. Das hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Bundesländer im sogenannten Corona-Kabinett entschieden. Kernpunkt sind umfassende Kontaktbeschränkungen in der Öffentlichkeit. Um diese zu erreichen, sollen die Freizeitgestaltung möglichst stark eingeschränkt werden, um Anlässe, das Haus zu verlassen, zu verringern. (Marcel Richters)

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow / dpa

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