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Kritik an der WHO: „Wie sollen Menschen im globalen Süden, die in Slums oder als Tagelöhner zu leben gezwungen sind, Abstand halten?“, fragt Gebauer.

Interessenskonflikte und Strukturprobleme

„Gesundheit entsteht von unten“: Wie die WHO die Corona-Krise lösen könnte

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Thomas Gebauer von Medico International über die Rolle der WHO in der Corona-Krise, Interessenskonflikte und private Geldgeber wie Bill Gates.

  • Thomas Gebauer von der Stiftung Medico International im Interview
  • Er spricht über die Rolle der WHO und private Investoren wie Bill Gates
  • Die Strukturprobleme der WHO könnten sich nur durch drei Maßnahmen lösen lassen

Frankfurt – Thomas Gebauer ist Sprecher der Stiftung Medico International in Frankfurt und war von 1996 bis 2018 Geschäftsführer der Hilfsorganisation. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die sozialen Bedingungen globaler Gesundheit. Der Psychologe engagiert sich im „People’s Health Movement“, einem globalen Netzwerk von Basisgesundheitsaktivisten, Organisationen der Zivilgesellschaft und akademischen Institutionen.

Herr Gebauer, Sie üben seit Jahren öffentlich Kritik am Einfluss privater Geldgeber – und insbesondere der Gates-Stiftung – auf die globale Gesundheitspolitik. Jetzt ist das Thema in aller Munde – allerdings vor allem wegen eines Youtube-Videos voller Pauschalisierungen und Falschbehauptungen. Wie blicken Sie auf die Debatte?

Mit großer Sorge. Seit Längerem schon beobachten wir, wie die berechtigte Kritik an bestehenden Missständen von Verschwörungsphantasien überlagert und für obskure politische Zwecke missbraucht wird. Corona hat die Welt unvorbereitet getroffen. Regierungen haben Maßnahmen beschlossen, die teilweise massiv in die Freiheitsrechte eingreifen. Diese Situation hat Existenzängste und Unsicherheit ausgelöst, und verständlicherweise sind nun alle auf der Suche nach Antworten. Verschwörungsphantasien aber führen in die Irre, weil sie für komplexe Zusammenhänge scheinbar einfache Antworten anbieten. Wo differenzierte Kritik notwendig wäre, ist dann ein Sündenbock schuld.

Bleiben wir erst mal bei der Kritik. Welche Missstände sehen Sie denn bei der WHO?

Letztlich kritisieren wir weniger die WHO als deren Mitgliedstaaten. Denn die sind für den prekären Zustand der Organisation verantwortlich. Die WHO ist eine von mehreren wichtigen multilateralen Einrichtungen, die dafür sorgen sollen, dass zentrale Grundrechte – in dem Fall das Grundrecht auf Gesundheit – weltweit verwirklicht werden. Diese Idee ist wunderbar. Wenn es die WHO nicht gäbe, müsste man sie heute erfinden. Gerade in Zeiten einer globalen Pandemie, während sich einzelne Staaten in innen- und außenpolitischen Streitereien verkämpfen, wäre eine starke internationale Autorität sehr wichtig.

Aber?

Sie müsste komplett unabhängig sein, und das ist die WHO nicht. Nicht mehr. Es gab eine Zeit, in der die WHO sich fast vollständig aus Pflichtbeiträgen der Mitgliedsstaaten finanzierte und unabhängig von den Interessen einzelner Geldgeber handeln konnte. Bis in die 80er Jahre hinein konnte sie so eine Politik entfalten, die dem Ziel, das Recht aller Menschen auf Gesundheit durchzusetzen, sehr nahe kam. Eine wichtige Grundlage war die Erkenntnis, dass Gesundheit im Wesentlichen von sozialen Faktoren bestimmt wird – von Wohnverhältnissen, Ernährung, Bildung, dem Zugang zu sauberem Wasser und so weiter. Sie spielen für das Wohlbefinden eine viel größere Rolle als kurative Angebote – also Krankenhäuser, Medikamente, Impfungen. Das hat kürzlich selbst die Unternehmensberatung McKinsey noch einmal festgestellt.

Gebauer über WHO: „Sind zunehmend die Interessen privater Geldgeber und mächtiger Mitgliedsstaaten wichtiger geworden“

Der Fokus lag damals auf der Verbesserung der sozialen Verhältnisse?

Ja, und damit geriet die WHO wohl in Konflikt mit den Interessen vieler Industriestaaten. Die jedenfalls wollten nicht von ihren Privilegien lassen und lieber in aller Welt Medikamente und medizinisches Gerät verkaufen. Damals haben die Mitgliedsstaaten – allen voran die USA – ihre Pflichtbeiträge eingefroren. Sie machen heute nur noch 20 Prozent des WHO-Etats aus. 80 Prozent sind freiwillige Zuwendungen von mächtigen Mitgliedsstaaten, aber eben auch von privaten Geldgebern wie der Gates-Stiftung, die zweckgebunden für bestimmte Projekte spendet.

Sie kann also nicht selbst entscheiden, welche Ziele sie verfolgt?

Zumindest sind zunehmend die Interessen privater Geldgeber und mächtiger Mitgliedsstaaten wichtiger geworden, während das demokratische Prinzip – ein Land eine Stimme – an Bedeutung verloren hat. Darin liegt für mich eine bedenkliche Refeudalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Aber es werden doch trotzdem sinnvolle Ziele verfolgt. Das Geld der Gates-Stiftung zum Beispiel fließt zu großen Teilen in die Kampagne zur Ausrottung von Polio.

Es spricht nichts gegen die Bekämpfung von Polio. Das ist eine schreckliche Krankheit, und wir können froh sein, dass es dagegen einen Impfstoff gibt. Problematisch aber ist es, wenn die WHO heute 20 Prozent ihres Etats für die Bekämpfung nur einer Krankheit ausgeben muss und die breitenwirksame Gesundheitsförderung zu kurz kommt. Polio lässt sich mit technischem Einsatz top-down bekämpfen. Diese Vorgehensweise passt zu einem unternehmerisch denkenden Menschen wie Gates, der vor allem auf schnelle, messbare Erfolge schaut. So wie er die Welt mit Computerprogrammen versorgt hat, versorgt er jetzt eben die Welt mit Impfstoffen. Die Menschen vor Ort und ihre Lebensbedingungen müssen dabei nicht weiter einbezogen werden. Gesundheit aber entsteht von unten; ohne die Partizipation der Menschen gibt es keine nachhaltigen Lösungen. Das sehen wir jetzt auch in der Corona-Krise.

Inwiefern?

Je nachdem, wie man schaut, kommt man zu ganz unterschiedlichen Handlungsempfehlungen. Es ist richtig, Milliarden in die Impfstoff-Forschung zu investieren, aber es ist eben nicht das einzige. In der Eindämmung von Epidemien kommt es wesentlich auf das Verhalten der Menschen an. Aber wie sollen Menschen im globalen Süden, die in Slums oder als Tagelöhner zu leben gezwungen sind, Abstand halten oder zu Hause bleiben? In vielen afrikanischen Ländern, in Indien und Pakistan, wo die Leute von einem Kurzarbeitergeld nur träumen können, brechen gerade Existenzen zusammen. Für diese Menschen müsste es soziale Transferleistungen geben. Und da sind wir wieder bei der WHO. Es bräuchte ein viel stärkeres Augenmerk auf die sozialen Verhältnisse.

WHO: Drei Dinge sind nach Ansicht des Sprechers von Medico International wichtig, um Strukturprobleme zu lösen

Thomas Gebauer ist Sprecher der Stiftung Medico International.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht langfristig verändern?

Um die Strukturprobleme der WHO zu lösen, sind drei Dinge nötig: Ihre Finanzierung muss wieder so gestaltet werden, dass sie unabhängig von wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen agieren kann. Sie muss dringend demokratisiert werden, damit diejenigen, um deren Gesundheit es schließlich geht, mehr Entscheidungsmacht bekommen. Derzeit gibt es bei der WHO nicht einmal solche Anhörungen, wie wir sie aus unserem parlamentarischen System kennen und beispielsweise Expertinnen und Experten aus dem globalen Süden Raum böten.

Und drittens?

Müsste sie mutiger werden. Die WHO hätte die Möglichkeit, multilaterale Verträge zu verhandeln. Das hat sie zweimal getan – mit der Tabakrahmen-Konvention, die 2005 in Kraft getreten ist, und den Internationalen Gesundheitsvorschriften. Beides sind völkerrechtlich bindende Vorschriften, an die sich alle Staaten halten müssen. Dieses mächtige Instrument nutzt sie aber zu selten.

Weil Bill Gates und Co. andere Interessen haben?

Wenn die Finanzierung einer Institution wie der WHO von zweckgebundenen, freiwilligen Beiträgen abhängt, können die, die am meisten Geld geben, auch am meisten Einfluss auf ihre Tätigkeit nehmen. Das ist keine geheime Verschwörung, sondern das Grundprinzip kapitalistisch geprägter Gesellschaften. Wäre Bill Gates morgen nicht mehr da, wäre das Problem nicht gelöst. Schuld sind nicht einzelne Personen. Schuld ist das herrschende neoliberale System, das die private Initiative und die Marktkräfte über das Gesellschaftliche gestellt hat. Die Deregulierung der Wirtschaft zusammen mit der ungerechten Steuerpolitik der letzten Jahrzehnte haben manche Menschen extrem reich werden lassen, während öffentliche Institutionen schwere Einschnitte erleiden mussten. Wenn wir der schleichenden Refeudalisierung Einhalt gebieten wollen, bedarf es zuallererst einer anderen, einer gerechten Steuerpolitik.

Thomas Gebauer: Strukturprobleme der WHO sind seit Langem bekannt

Sie sprechen von Systemen und Strukturen. Aber das eingangs erwähnte Youtube-Video mit dem Titel „Gates kapert Deutschland“ hat schon nach wenigen Tagen über drei Millionen Aufrufe gesammelt. Warum ist es soviel attraktiver, an geheime Verschwörungen einzelner Menschen zu glauben?

Das ist leider allzu bekannt: Es gibt Missstände, die verunsichern. Gelingt es aber, einen Sündenbock dafür verantwortlich zu machen, fühlt man sich plötzlich wieder stark. Dann sind nicht die Verhältnisse, in die man selbst verstrickt ist, schuld, sondern einzelne Personen wie Bill Gates, George Soros oder Fetullah Gülen in der Türkei oder Gruppen wie Flüchtlinge, Ausländer oder Juden.

In solchen Fällen kommt oft die Kritik auf, der sogenannte Mainstream habe bestimmte Missstände verschwiegen, alles werde unter den Teppich gekehrt, und diese Leerstelle besetzten dann Rechtsextreme und andere Nutznießer. Ist das im Fall der WHO so?

Es wurde nichts verschwiegen. All die strukturellen Probleme, mit denen sich die WHO herumschlägt, sind seit Langem bekannt. Nun aber werden sie auch von Leuten wahrgenommen, die sich vorher kaum damit beschäftigt hatten. Wenn die nun behaupten, alles werde verschwiegen, ist das ein selbstgerechter Vorwurf. Wie leicht ist es für Donald Trump, von eigenem Fehlverhalten abzulenken, wenn er nun die WHO kritisiert. Es ist gut, dass ihm die anderen Mitgliederstaaten der WHO dabei nicht folgen.

Sondern?

Es ist Zeit, die WHO zu stärken. Wie, darüber wird weiter zu streiten sein. Das wird innerhalb der WHO ohnehin schon getan. Und auch Gesundheitsaktivisten, soziale Bewegungen und NGOs aus aller Welt mischen sich ein. Noch immer drängen wir auf ein schärferes Rahmenwerk zur Kontrolle von Interessenskonflikten.

Interview: Alicia Lindhoff

Verschwörungstheorien zu Bill Gates, WHO und Corona - was steckt dahinter?

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