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„Ich werde als dumm und naiv beschimpft“: Expertin über feministische Außenpolitik

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Von: Bascha Mika

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Die Autorin Kristina Lunz. Foto: F. Castro
Die Autorin Kristina Lunz. © F. Castro

Kristina Lunz, Expertin für feministische Außenpolitik, spricht im Interview über patriarchale Strukturen, Gewalt-Institutionen und Vorwürfe an die Friedensbewegung.

Frau Lunz, es herrscht Krieg in Europa. Wäre die Situation in der Ukraine eine andere, wenn wir eine feministische Außen- und Sicherheitspolitik verfolgt hätten?

Entscheidend ist doch, dass wir keine feministische Außenpolitik haben. Die Welt agiert weder feministisch noch auf der Basis von Menschen- und Völkerrechten. Deshalb gibt es auf Ihre Frage keine wirkliche Antwort. Was aber gesagt werden muss: Hätten wir in den vergangenen hundert Jahren statt einer patriarchalen eine feministische Außenpolitik betrieben, hätten wir eine weniger gewaltbereite Welt. Und möglicherweise auch nicht diese krasse russische Aggression. Eine patriarchale Außenpolitik beruht auf Dominanz, Zerstörung und Gewalt. Eine feministische geht gegen das Patriarchat vor – und damit gegen Gewalt und Zerstörung.

Ist es nicht ganz schön platt, das Patriarchat pauschal mit Zerstörung und Gewalt gleichzusetzen?

Nee, das ist eine akkurate Analyse. Patriarchale Strukturen bedeuten, dass der Mann in der Familie, in der Politik und der Wirtschaft das Sagen hat. National und global. Seine Vormachtstellung und Deutungshoheit sichert er über Hierarchien ab und um die aufrechtzuerhalten, braucht es Gewalt. Schauen wir doch hierzulande. Was ist das für eine gewaltgetränkte Gesellschaft, in der jeden Tag ein Mann versucht, seine Partnerin zu töten ...

... aber im Krieg sterben zuerst die Soldaten ...

Ja, auch Männer sind von männlicher Gewalt betroffen. Das Patriarchat richtet seine Gewaltstrukturen ebenso gegen sich selbst. Nicht umsonst gibt es unter jungen Männern die höchste Suizidrate. Doch festzuhalten bleibt: Fast alle Gewaltakte in der Gesellschaft gehen von Männern aus, auf eine gewalttätige Frau kommen zehn gewalttätige Männer. Und kriegerische Gewalt ist ein konstitutiver Bestandteil des Patriarchats! Das wiederhole ich, obwohl ich deswegen massiv angefeindet werde.

Kristina Lunz: Die Welt agiert weder feministisch noch auf der Basis von Menschen- und Völkerrechten

Wahrscheinlich haben die Beschimpfungen seit dem russischen Angriffskrieg zugenommen?

Und ob. Vielleicht wird die Wut gegen Wladimir Putin auf mich projiziert. Seitdem ich öffentlich feministische Arbeit mache, sind Diffamierungen und Delegitimationsversuche meine ständigen Begleiter. Das geht bis zur Androhung von Vergewaltigungen. Es begann, als ich gegen die Frauenverachtung in der Bild-Zeitung auftrat, setzte sich bei der Kampagne „Nein-heißt-Nein“ zur Änderung des Sexualstrafrechts fort und geht beim Thema Machtverteilung in der Außen- und Sicherheitspolitik weiter.

Und die aktuellen Schmähungen richten sich konkret gegen Ihren friedenspolitischen Ansatz?

Ganz klar. Ich werde als dumm und naiv beschimpft, ich müsse doch einsehen, dass meine Arbeit nichts bringt. Schließlich könne ich im aktuellen Krieg ja auch keine Lösung bieten. Was für eine absurde Verdrehung. Diese verkehrte Welt erleben derzeit auch andere Menschen und Organisationen – wie beispielsweise die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen. Seit Jahren warnt diese Kampagne vor einer Bedrohungssituation, wie sie jetzt durch Putin eingetreten ist; seit Jahren arbeitet sie dafür, die Systeme zu ändern. Und ausgerechnet ihr wird jetzt vorgeworfen, dass sie es nicht geschafft hätte.

Ähnliches war bei der großen Anti-Kriegs-Demonstration in Berlin zu hören. Da wurde die Friedensbewegung stellenweise lächerlich gemacht.

Was mich daran besorgt, ist der Mangel an Komplexität. In den Diskussionen heißt es: Wir können Leute wie Putin nur mit Militarisierung in die Schranken weisen. Ihr Pazifisten und Feministinnen werft doch nur mit Wattebäuschchen und hängt eurem Wunschdenken nach. Das ist Komplexitätsreduktion. Denn es ist im Grundansatz militaristisches Denken, das zum Krieg in der Ukraine geführt hat. Ein hochgerüstetes Russland, das sich von der Militarisierung auf der anderen Seite provoziert gefühlt hat.

Kristina Lunz: „Feministische Außenpolitik verlangt inklusivere Friedensprozesse“

Nun hat die Bundesregierung feministische Außen- und Sicherheitspolitik zwar im Koalitionsvertrag verankert, sich aber nach der Eskalation in der Ukraine für neue Waffen, ein stärkeres Militär und mehr kriegerische Schlagkraft entschieden. Was bedeutet dieser radikale Paradigmenwechsel?

Dass jetzt Waffen an die Ukraine geliefert werden, kann ich nachvollziehen, denn hier geht es um eine akute Notsituation. Doch was mich völlig irritiert, ist die Glorifizierung dieser sogenannten Zeitenwende. Die unkritische Freude darüber auch in Szenen, in denen ich mich bewege. Es kommt mir fast wie ein Militarisierungsrausch vor. Eine Bestätigung von militaristischen Strukturen, die oft Hand in Hand mit einer Verunglimpfung anderen Denkens geht. Wir erleben gerade, wie sich Diskurse verändern und frühere Ansätze zunichte gemacht werden. Als hätte Deutschland seine bisherige Position nicht aus gutem Grund verfolgt und versucht, die Welt damit friedfertiger zu gestalten.

Aber da ist dieser machtbesessene Autokrat, der seine imperialen Fantasien mit allen Mitteln durchpeitschen will. Was hat eine feministische Sicherheitspolitik dem entgegenzusetzen?

Gute Frage. Wahrscheinlich haben wir es bei Putin mit einem pathologischen Narzissten zu tun und unter Machtpolitikern ist er da ja nicht der einzige. Narzisstische Persönlichkeitsstörungen werden zu 75 Prozent bei Männern diagnostiziert. Die Wut und Aggression, wenn diese Menschen nicht bekommen, was sie verlangen, kennen wir aus dem privaten Umfeld und erleben sie nun auf der politischen Ebene ...

Zur Person

Kristina Lunz ist Mitbegründerin und Mitgeschäftsführerin des Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP). Zwischen Januar 2019 und Januar 2020 war sie externe Beraterin im Auswärtigen Amt, wo sie das feministische Netzwerk Unidas für Bundesaußenminister Maas mit aufbaute. Davor war sie Gender und Coordination Officer des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen .

Am 24. 2. 2022 erschien ihr Buch „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“ im Ullstein/Econ Verlag. (mik)

Was hilft die Pathologisierung, wenn Kerle wie Putin dennoch in Positionen gelangen, wo sie ihre Vernichtungswut austoben können?

Das lässt sich vielleicht nicht verhindern. Aber es lassen sich Vorkehrungen treffen, damit sie nicht mehr so viel Unheil anrichten. Dass Putin jetzt mit Atomwaffen drohen kann – gegen so einen Irrsinn arbeitet die feministische Bewegung ja seit langem an. Dafür gibt es unendlich viele Beispiele. Frauen wie Beatrice Fihn setzen sich seit Jahrzehnten für atomare Abrüstung ein, die Friedensnobelpreisträgerin Jody Williams für ein Verbot von Landminen. Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit kämpft als älteste feministische Friedensorganisation seit über 100 Jahren für eine Entmilitarisierung. Genau darum geht es bei feministischer Außenpolitik.

Im Koalitionsvertrag bezieht sich die Bundesregierung explizit auf die UN-Resolution 1325 „Frauen, Frieden, Sicherheit“. Die Resolution fordert, das Mädchen und Frauen bei Krieg und Krisen besonders geschützt werden sollen. Aber feministische Außen- und Sicherheitspolitik sieht Frauen ja nicht nur als Opfer.

Auf keinen Fall. Feministische Außenpolitik sieht alle Menschen als gleichberechtigte Akteur:innen, die zu einer friedlicheren und gerechteren Welt beitragen können. Und sie verlangt inklusivere Friedensprozesse. Viel zu oft werden in Krisensituationen große Teile der Bevölkerung ausgeschlossen und ihre Bedürfnisse missachtet. Dabei wissen wir, dass Friedensabkommen länger halten, wenn Frauen an ihrer Aushandlung beteiligt sind und zwar deshalb, weil politische Entscheidungen immer nur so gut und inklusiv sein können, wie die Köpfe dahinter. Ohne Diversität geht es nicht.

Dennoch fließen diese Erkenntnisse kaum in den öffentlichen Diskurs ein. Als der Begriff „feministische Außenpolitik“ im Koalitionsvertrag auftauchte, war er selbst für einige Mitarbeiter:innen im Auswärtigen Amt neu.

Dabei haben Studien gezeigt, dass die Gefahr des Scheiterns von Friedensabkommen um 64 Prozent sinkt, wenn die Zivilgesellschaft und Frauen maßgeblich an ihrer Formulierung beteiligt sind. Zudem steigt dann auch die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass sie mindestens 15 Jahre halten. Zwischen 1992 und 2019 lag der Frauen-Anteil bei Friedensprozessen aber durchschnittlich nur bei 13 Prozent bei den Verhandelnden, bei sechs Prozent bei den Mediator:innen und bei sechs Prozent bei den Unterzeichnenden. Die Hälfte der Friedensprozesse finden gänzlich ohne weibliche Beteiligung statt. Das hat Konsequenzen.

Alle Bereiche, in denen es um Ressourcen, Macht und Ansehen geht, sind noch immer männerdominiert

Kaum ein anderer politischer Bereich ist so männlich geprägt und in altem Geschlechterdenken verhaftet wie die Außen- und Sicherheitspolitik. Das hat selbst Ex-Außenminister Heiko Maas öffentlich eingestanden. Warum hat sich daran bis heute so wenig geändert?

Alle Bereiche, in denen es um Ressourcen, Macht und Ansehen geht, sind noch immer männerdominiert. Und dort ist die Bereitschaft zu teilen auch am geringsten. Insbesondere die Diplomatie ist ein exklusiver Club. In Deutschland wurde erst Ende der 1960er Jahre eine Frau zur Botschafterin ernannt. International sind noch nicht einmal ein Viertel der Botschafterposten weiblich besetzt. Und es gibt nur etwa zehn Prozent Frauen als Staats- und Regierungschefinnen. Historisch gesehen haben immer Männer mit Männern über Krieg und Frieden geredet.

Sicherheitspolitik stützt sich traditionell auf Waffen und Militär, ebenfalls eine klassische Männerdomäne.

In patriarchalen Gesellschaften ist es ein männliches Privileg, Gewalt ausüben zu dürfen, während Friedfertigkeit und die Fähigkeit zur friedlichen Konfliktlösung Frauen zugeschrieben werden. Diese Stereotypen müssen aufgebrochen werden. Seit 2020 gibt es den Shecurity-Index. Der misst, wie es um die Geschlechtergleichheit in der Außen- und Sicherheitspolitik steht. Wann wir Parität in verschiedenen Bereichen wie Politik, Polizei und Wirtschaft erreicht haben ...

... der Index misst aber auch, wie stark Frauen im Militär und der Rüstungsindustrie vertreten sind. Was bitteschön soll daran feministische Friedenspolitik sein?

Zunächst macht der Index ja nichts anderes, als die Männerdominanz in den verschiedenen Bereichen zu messen. Und Militär gehört nun mal traditionell zur Außen- und Sicherheitspolitik dazu. Deshalb finde ich es schon fair, da zu zählen. In der feministischen Community gibt es zu dieser Frage unterschiedliche Positionen. Für die einen heißt Gleichberechtigung, dass es so viele Soldatinnen wie Soldaten geben soll ...

Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP): Feministische Außenpolitik setzt stark auf Klimagerechtigkeit

Dieser Ansicht sind doch nur Frauen, die das männliche System als erfolgversprechend übernehmen und sich zu dessen Komplizinnen machen ...

Selbst wenn ich einige Argumente fürs Militär nachvollziehen kann, vertreten weder meine Organisation noch ich diese Haltung. Wir wollen Gewalt-Institutionen nicht noch durch Frauen stärken. Wir kämpfen nicht dafür, dass Frauen gleichberechtigt in den Krieg ziehen dürfen, sondern dafür, dass weder Männer noch Frauen in den Krieg ziehen müssen. Denken wir nur mal an die schrecklichen Bilder von der polnischen Grenze, wo Frauen und Kinder aus der Ukraine fliehen und Männer dableiben und kämpfen müssen ...

Als die schwedische Außenministerin Margot Wallström den Begriff der feministischen Außenpolitik 2014 prägte, hat sie ihn mit drei „R“ verbunden: Rechte, Ressourcen und Repräsentanz für Frauen. Sind das noch immer die entscheidenden Forderungen?

Die drei „R“ sind griffig und deshalb nützlich. Aber für mich gehört viel mehr zur feministischen Außenpolitik. Zum Beispiel, die drei „R“ auf alle marginalisierten Gruppen zu beziehen und einen intersektionalen Ansatz zu verfolgen. Einen, der reflektiert, wie sich unterdrückende Systeme auf unterschiedlichen Politikfeldern gegenseitig bedingen. Wir sehen es jetzt konkret bei Russland. Feministische Außenpolitik setzt ja sehr stark auf Klimagerechtigkeit. Und weil wir keine klimagerechte Politik machen und von fossilen Energien abhängig sind, füllen wir Putin die Kriegskasse. Ein früherer Einsatz für erneuerbare Energien wäre ganz klar Friedenspolitik gewesen. (Interview: Bascha Mika)

Am Valentinstag findet auch der Aktionstag gegen Gewalt an Frauen statt. Doch das reicht nicht – auch Politik und Gesellschaft sind gefragt.

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