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Jens Spahn und Angela Merkel erwarten, dass sich das Alltagsleben ändern wird.

Merkel

Der Krisenmanager und die Kanzlerin

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Bei der Bundespressekonferenz machen Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn klar, dass das Virus sich noch weiter ausbreiten wird.

Es gibt ein paar Sätze, die es in der deutschen Politik zu einiger Berühmtheit gebracht haben. Einige stammen von Angela Merkel.

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise am 5. Oktober 2008 bemerkte die Kanzlerin: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“ Damals stand sie neben Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Beide waren erkennbar nervös.

Noch bekannter ist Merkels Satz, den sie am 31. August 2015 sprach, als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen: „Wir schaffen das.“

Am Mittwoch – am selben Ort, in der Bundespressekonferenz – sagte die Kanzlerin mit Blick auf die Ausbreitung des Coronavirus’ zwei Sätze, die es zu ähnlicher Berühmtheit bringen könnten: „Unsere Solidarität, unsere Vernunft und unser Herz sind auf eine Probe gestellt. Mein Wunsch ist, dass wir die Probe bestehen.“ In jedem Fall zeigen die Sätze die Dimension der anstehenden Herausforderung an.

Mehr Menschen erkranken

Merkel trat am Mittwoch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) und dem Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, vor die Presse. Das Thema: das Coronavirus und seine Konsequenzen für Deutschland und Europa. Dies war auch deshalb bedeutsam, weil Merkel – anders als Spahn – als Krisenmanagerin bisher kaum in Erscheinung getreten und darum schon teilweise in die Kritik geraten war. Sie brachten zwei Botschaften mit.

Die erste Botschaft lautete: Die Lage ist besorgniserregend. „Wir sind in einer Situation, wo wir vieles noch nicht wissen“, sagte Merkel beispielsweise und fügte hinzu: „Das, was wir wissen, müssen wir ernst nehmen.“ Nun gehe es neben der Bekämpfung der Epidemie und der Verlangsamung ihrer Ausbreitung vor allem darum, „das wirtschaftliche Leben“ einigermaßen „aufrecht zu erhalten“.

Wieler betonte: „Wir werden weiter in diese Epidemie hineinkommen. Mehr Menschen werden krank werden, und mehr Menschen werden sterben.“ Und zwar in erster Linie chronisch kranke und alte Menschen. Das alles werde Monate, „vielleicht auch Jahre“ dauern, diagnostizierte der Mediziner. Mit einem Impfstoff sei erst 2021 zu rechnen. Spahn erklärte: „Unser Zusammenleben muss trotz der Epidemie funktionieren.“ Selbst in dieser sehr sachlichen Bemerkung klang an, was auf dem Spiel steht: „unser Zusammenleben“. Gemeint war: das gesamte Zusammenleben.

Die zweite Botschaft lautete: Die Politik ist vorbereitet, um die Krise abzumildern – so gut es eben geht. Denn ob es tatsächlich gut geht, steht auf einem anderen Blatt. Spahn unterstrich, dass die Absage von Großveranstaltungen erforderlich sei. Auch wenn 80 Prozent der Infizierten milde bis keine Symptome aufwiesen und besonders für die Jüngeren das Risiko einer schweren Erkrankung gering sei, dürften diese nicht denken: „Was habe ich denn damit zu tun?“ Die Menschen müssten verstehen, dass alle auf ein Stück Alltag verzichten müssten, „um sich selbst zu schützen und andere zu schützen“. Die anderen, das sind die Schwächeren. Dabei sei es verständlich, wenn manche für diese Erkenntnis etwas länger bräuchten.

Neue Lasten erwartet

Merkel erinnerte an die Liquiditätshilfen für deutsche Unternehmen sowie auf die jüngste Vereinbarung im Rahmen der Europäischen Union, den Stabilitäts- und Wachstumspakt flexibel zu handhaben. Sprich: Kein Land wird bis auf Weiteres dazu angehalten, bei der Verschuldung maßvoll zu sein – schon gar nicht Italien, das sowohl von der Wirtschaftskrise als vom Coronavirus stark betroffen ist.

Merkel übernimmt übrigens in der zweiten Jahreshälfte die EU-Ratspräsidentschaft. Das wird ihr im vorletzten Jahr der eigenen Amtszeit neue Lasten auf die Schultern legen.

Als die Kanzlerin gefragt wurde, wie sie denn die Warnung von Christine Lagarde, der Präsidentin der Europäischen Zentralbank, vor einer neuen Finanzkrise einschätze, antwortete sie, man müsse auch das ernst nehmen – was im Klartext wohl bedeutet, dass sie die Sorge teilt. Freilich dürfe man „nicht zusätzliche Verunsicherung in die Wirtschaft hinein tragen“, befand die CDU-Politikerin, denn: „Unser gesamtes Wirtschaftsleben ist ein fragiles Konstrukt.“ Grenzschließungen seien jedenfalls „keine adäquate Antwort auf die Herausforderung“.

Gerade in dem Versuch, das Drama zu bannen, wurde dieses Drama erst richtig sichtbar. So sprach Merkel von einer „Notsituation“ sowie davon, dass sich Hamsterkäufe zwar verbieten würden, es aber durchaus Sinn haben könne, kleinere Vorräte anzulegen. „Auch hier ist Maß und Mitte die richtige Antwort.“

Gegen Ende wollte ein Journalist von Merkel und Spahn wissen, wie es eigentlich um ihr persönliches Verhältnis bestellt sei. Dies galt häufiger als belastet – und er galt zumindest bei mehreren Sachfragen als ihr Herausforderer. Merkel sagte, was sie schon am Tag zuvor in der Sitzung der Unionsfraktion gesagt hatte – „dass Jens Spahn einen tollen Job macht in einer schwierigen Situation“. Spahn, der eines Tages auch gern Kanzler werden würde, sagte, ihr persönliches Verhältnis sei „schon immer besser“ gewesen, als es beschrieben worden sei.

Auf die 65-Jährige und den 39-Jährigen – das wissen sie – wird es in den nächsten Monaten mehr denn je ankommen. Die Coronakrise nämlich hat gerade erst begonnen. Und sie wird gewiss nicht so rasch vergehen.

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