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Trümmerteile einer indischen Militärmaschine nach dem Abschuss über pakistanischem Luftraum.

Pakistan

Plötzlich Luftkrieg

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Die Krise zwischen den Atommächten Pakistan und Indien eskaliert. 

Die Stimmung in Pakistans Hauptstadt Islamabad ist angespannt wie lange nicht mehr. „Hier arbeitet seit Tagen niemand mehr“, sagt der 28-jährige Irfan, „wir machen uns große Sorgen. Jetzt sind auch noch alle Flugplätze geschlossen worden.“ Im Minutentakt berichten die Fernsehsender des Landes – wie im benachbarten Indien – über die rasend schnelle Zuspitzung. Islamabad behauptet, man habe zwei indische Kampfflugzeuge abgeschossen und einen Piloten gefangengenommen.

Delhi bestätigte den Abschuss einer Maschine und erklärte, auch ein pakistanisches Flugzeug sei am Boden zerschellt. Binnen weniger Stunden war eine indische Vergeltungsaktion zu einem ausgewachsenen Luftkrieg eskaliert – mit massiven Auswirkungen auf die internationale Luftfahrt.

Das deutsche Auswärtige Amt betrachtet die Spannungen zwischen den Atommächten Pakistan und Indien in der Region Kaschmir mit großer Sorge. Die Konfrontation gefährde Frieden und Stabilität, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums.

In dem von Indien kontrollierten Teil Kaschmirs blieben alle Geschäfte geschlossen. Delhi hatte in der vergangenen Woche Hunderte von Bewohnern verhaftet, denen Sympathien für Separatisten nachgesagt werden. Indien schloss den Luftraum über Kaschmir. Die im Minutentakt beflogene Route von Europa nach Südostasien, die an der pakistanischen Stadt Lahore und anschließend nördlich von Delhi vorbeiführt, ist von dem Konflikt stark beeinträchtigt. Die Fluggesellschaften sind zu langen Umwegen gezwungen.

USA ergreifen offen Partei

Die Krise rief China auf den Plan. Peking rief beide Seiten zur Besonnenheit auf. Das Washingtoner Außenministerium ergriff unverblümt Partei für Indien und forderte Islamabad auf, Terrorgruppen entschlossen zu bekämpfen. Islamabad und Delhi überbieten sich gegenseitig mit Lippenbekenntnissen, sie hätten kein Interesse an einer weiteren Zuspitzung. Doch im Luftraum über Kaschmir diktieren Kampfflugzeuge das Geschehen in einem Gebiet, das vom damaligen US-Präsidenten Clinton einmal als „gefährlichste Region der Welt“ bezeichnet wurde.

Beide Länder sind laut dem Stockholmer Sipri-Institut mit jeweils 130 bis 150 Atomsprengköpfen und den entsprechenden Trägerraketen ausgerüstet. Pakistan verfügt nach eigenen Angaben über „taktische Bomben“, eine harmlose Umschreibung für sogenannten Schlachtfeld-Atomwaffen, die mit „begrenzter Wirkung“ beispielsweise gegen heranrückende Panzerarmeen benutzt werden. Bislang soll das Kommando über diese Hochrisiko-Waffen noch beim Oberkommando und nicht bei den Generälen vor Ort liegen.

Ein schwacher Trost angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der die jüngste Krise zwischen den beiden Atommächten ihre eigene Dynamik entwickelt. Premierminister Imran Khan rief am Mittwoch zu „Weisheit“ auf, nachdem er sich mit den für Nuklearwaffen zuständigen Kommandeuren getroffen hatte. Der hindunationalistische Premierminister Narendra Modi schweigt, seitdem er am Dienstag seiner Nation versichert hat, die „Sicherheit der Inder befindet sich in guten Händen“. 

Islamabad beharrt auf „Erstschlag-Option“ 

Tatsächlich steht bei dem Konflikt die Militärdoktrin der beiden Staaten auf dem Spiel. Islamabad beharrt seit seiner Atombewaffnung Ende des vergangenen Jahrhunderts auf der „Erstschlag-Option“. Pakistan ist bereit, mit Atomwaffen auf konventionelle Angriffe zu antworten. Indien konnte nie verwinden, dass mit den Atombomben seine konventionelle Übermacht nutzlos wurde. Delhi entwickelte die „Cold-Start“-Taktik: kurze und schnelle Schläge seiner Streitkräfte unterhalb der Schwelle zum Atomkonflikt. Pakistan wiederum, das in der gegenwärtigen Krise noch nicht an den Einsatz von Atomwaffen denkt, muss mit gleicher Münze zurückzahlen, um seine Glaubwürdigkeit zu wahren.

In der Vergangenheit setzte Islamabad Untergrundgruppen gegen die indische Kontrolle in Kaschmir ein, nachdem das Land im Krieg gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans mit westlicher Unterstützung die Wirksamkeit der Mudschaheddin oder Gotteskrieger erprobt hatte. Schon wenige Monate nach der Gründung der beiden Staaten kam es 1947 zum ersten Kaschmir-Krieg. In den Jahren 1965 und 1999 gab weitere bewaffnete Konflikte wegen Kaschmir. Lediglich der Krieg von 1971 entzündete sich an der Trennung des damaligen Ost-Pakistan – heute Bangladesch – von Islamabad.

Pakistans Militärs haben nie verwunden, dass die einzige indische Region mit überwiegend muslimischer Bevölkerung nicht zu Pakistan gehört. Die Generäle rechtfertigen ihre immensen Ausgaben und ihre Kontrolle über die Außenpolitik des Landes mit Kaschmir. Die Streitkräfte kontrollieren mit ihren zahlreichen Unternehmen rund 50 Prozent der Wirtschaft des Landes.

Modi im Wahlkampfmodus

Im benachbarten Indien kommt die Krise für Premierminister Modi wie gerufen. Er will im April wiedergewählt werden. Seine Hoffnung: Härte gegen Pakistan soll ihm die Wähler zurückbringen, die seinen Hindunationalisten ob der miserablen Leistungsbilanz der vergangenen Jahre den Rücken gekehrt haben. Doch Modi und sein pakistanischer Kollege Khan müssen achtgeben: Wenn der eskalierende Konflikt zwischen den beiden Atommächten nicht schnell unter Kontrolle gebracht wird, gibt es beide Nationen im April nicht mehr.

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