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Visionen für, von, statt Europa, für die eine, kommende, gerechtere und solidarische Welt: das ist es, was Künstlerinnen und Künstler schon lange entwerfen und beschwören.

Europa

Krise der Vorstellungskraft

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Europa als Imaginations- und Aktionsraum der Phantasien - ein Gastbeitrag von Matthias Pees, Leiter des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm.

Vor einigen Jahren eröffnete der deutsch-belgische Künstler Thomas Bellinck in Brüssel eine Wanderausstellung aus der Zukunft: „Domo de Europa Historio en Ekzilo“ hieß das Science-Fiction-Projekt in schönstem Esperanto, und präsentierte uns, als einem imaginierten Publikum irgendwann in den 2050er Jahren, angestaubte Dokumente und verschimmelte Artefakte aus der Zeit der Europäischen Union, gesammelt und durch die Lande geschickt von irgendeiner idealistisch-nostalgischen, offensichtlich längst obskuren post-proeuropäischen Vereinigung.

Denn die EU, die Idee eines vereinten Europa, der Euro, der Schengen-Raum – und mit alldem auch die längste und friedlichste innereuropäische Zwischenkriegszeit – sind da längst aus und vorbei, untergegangen gar nicht lange nach unserem Heute, nach dem Brexit und ein paar wenigen fatal antieuropäischen Wahlausgängen; Jaroslaw Kaczynski muss als letzter Präsident der EU wohl auch einer ihrer Totengräber gewesen sein. Allzu viel, so suggeriert die Ausstellung, wird es nicht gebraucht haben, um den fragilen, auch auf allerlei Fragwürdigem basierenden Staatenbund zu kippen. Letzten Sommer machte die Ausstellung auch bei der Wiesbaden Biennale Station.

Der holländische Künstler Jonas Staal hingegen hat Anfang dieses Jahres in Berlin erstmals seine Initiative „New Unions“ vorgestellt: Eine raumhohe Landkarte Europas stand dabei verkehrt herum und mit dem Süden oben im Theatersaal des HAU, und ein Halbkreis aus großen und weißen, unten angeschnittenen europäischen Sternen schien im Bühnenboden zu versinken. Doch die auf den Kopf gestellte Landkarte war statt mit Nationalflaggen gespickt mit Hunderten von Fähnchen nichtstaatlicher, zivilgesellschaftlicher politischer Organisationen, und mit den Zuschauerinnen und Zuschauern saßen Vertreter dieser alternativen und emanzipatorischen Vereinigungen im großen Kreis rund um diese Installation und stellten ihre Initiativen und Aktivitäten vor, diskutierten in fünf „Akten“ drei Tage lang ihre Positionen und verhandelten mögliche neue Allianzen, mögliche andere Entwürfe und Konzepte von Gemeinwesen, demokratischem Handeln und Solidarität.

Neben einer Europäischen Union von unten, in der solche Organisationen grenzüberwindend zusammenfänden, schlägt Staal mit seinem Projekt noch weitere „neue Unionen“ vor: eine Parallelunion etwa, die von den Peripherien und autonomen Regionen dominiert würde und etwa in Edinburgh und Athen ihren Sitz nähme. Eine „Progressive Union“, mit der sich progressive Länder auf Initiative des europäischen Südens von der bestehenden EU abspalteten und ein neues Bündnis auf der Basis politischer und ökonomischer Solidarität begründeten, das etwa das bedingungslose Grundeinkommen, kostenfreie Bildung und Mobilität für alle realisierten. Oder eine transkontinentale Union, zu der sich die Südeuropäer statt in der EU mit Staaten in Nordafrika und im Nahen Osten zusammenschlössen, um die Zuordnungen, Konzepte, und Klassifizierungen von „Nordafrika“, „Naher Osten“ und „Europa“ endgültig zu überwinden und eine transkontinentale Staatsbürgerschaft zu etablieren.

Visionen für, von, statt Europa, für die eine, kommende, gerechtere und solidarische Welt: das ist es, was Künstlerinnen und Künstler schon lange entwerfen und beschwören. Es ist, selbst noch in den messerscharfen Analysen Heiner Müllers (dazu unbedingt lesenswert die Neuerscheinung: „Für alle reicht es nicht. Texte zum Kapitalismus“, Suhrkamp), die konstruktivmöglichste System- und Kapitalismuskritik, weil sie sich aus alternativen, utopischen Entwürfen speist, weil sie emanzipatorische, kreative und transformative Praktiken beherrscht und modelliert, Perspektivwechsel vornimmt. Weil sie teilnimmt, sich proaktiv ekelt, einverständig ist. „Könntest Du die Welt endlich verändern, wofür wärest Du dir zu gut?“, fragt Brecht in der „Maßnahme“, und antwortet selbst: „Wärest Du doch der letzte Schmutz, den Du entfernen musst!“

Insofern, meint Jonas Staal, rühren die gegenwärtigen europäischen Krisen – die politische Krise, in der sich die EU angesichts des Rechtspopulismus und der Rückwendung zum Nationalstaatsdenken befindet, die ökonomische Krise, die von der strukturellen Ungleichheit ihrer Mitglieder ausgelöst wurde, und die humanitäre Krise, die sich aus den Flüchtlingsströmen von Menschen ergibt, die vor Kriegen und Notlagen nach Europa fliehen, für welche die EU-Staaten selber Mitverantwortung tragen – an einer tiefer liegenden Krise der Vorstellungskraft.

Vom Frankfurter Mousonturm aus hat der japanische Künstler Akira Takayama deshalb im März mit der „McDonald’s Radio University“ sein mehrjähriges Projekt „European Thinkbelt“ gestartet, ein Modell für ein alternatives Bildungswerk als Imaginations- und Aktionsraum, der sich entlang der Balkanroute quer durch Zentral- und Südosteuropa ziehen und ausbreiten soll. Denn wir glauben an ein solches anderes, solidarisches, postnationales, universelles, weil zugleich lokal verortetes Europa der Zukunft. Und arbeiten weiter an Vorschlägen.

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