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Ukraine-Konflikt: Russlands Angst vor den Folgen der Sanktionen

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Von: Stefan Scholl

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Die Ungewissheit, die der Kreml seit Monaten im In- und Ausland verbreitet, zieht nun auch die eigene Wirtschaft in Mitleidenschaft.

Moskau - Es hat den Fußballverein ZSKA Moskau erwischt. Der Tabellenvierte der russischen Premjerliga landete als eines von 25 Tochterunternehmen der staatlichen Wneschekonombank (WEB) auf der Sanktionsliste der USA. Jetzt rätseln Fans und Funktionäre über die Folgen für den Uefa-Cup-Sieger von 2005. Verträge mit US-Sportartikelherstellern verbieten sich damit, der Zahlungsverkehr mit Reklame-Plattformen wie Youtube auch.

Das gilt auch für Spielertransfers, je nachdem welche Aktiva die Gegenseite in den USA besitzt. „Wenn sich die EU und Großbritannien mit ähnlichen Sanktionen anschließen, wird alles viel schlimmer“, warnt die Zeitung Sowetski Sport. Dann könne ZSKA wohl sämtliche Spielerkäufe aus dem Ausland vergessen.

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Ungewissheit des Ukraine-Konflikts quält jetzt auch Russland

Der Westen hat nach der Anerkennung der ostukrainischen Rebellenrepubliken durch Moskau erste Sanktionen gegen Russland verhängt. Die Ungewissheit, die der Kreml seit Monaten in der Ukraine und im Westen verbreitet, quält jetzt auch die eigene Wirtschaft. Die USA verbieten vom 1. März an den Kauf russischer Staatsobligationen vollständig, dazu alle Geschäfte mit der WEB sowie der Promswjasbank, sie gilt als Hausbank der russischen Rüstungsindustrie. Außerdem friert Washington die Aktiva enger Gefolgsleute von Wladimir Putin und ihrer Verwandten ein.

Die russische Wirtschaft - im Bild Moskau - sieht unsicheren Zeiten entgegen.
Die russische Wirtschaft - im Bild Moskau - sieht unsicheren Zeiten entgegen. © AFP

Auch Großbritannien setzte fünf russische Banken und drei kremlnahe Milliardäre auf die Sanktionsliste. Deutschland legte die Lizenzierung von Nord Stream 2 auf Eis, die EU verkündete Strafmaßnahmen gegen 27 Beamt:innen, Institutionen und Banken, die an der Aggression gegen die Ukraine beteiligt seien. Betroffen sind außerdem die 351 Duma-Abgeordneten, die für die Anerkennung der Separatistenrepubliken gestimmt hatten. Ihr Vermögen in Europa wird eingefroren, ihre Einreise verboten. Der Westen droht, dieses „erste Sperrfeuer“, wie es der britische Premier Boris Johnson nennt, zu verschärfen, sollte Russland seine Aggression fortsetzen.

Ukraine-Konflikt: Russland reagiert nach außen hin unbeeindruckt auf Sanktionen

Das offizielle Russland reagierte unbeeindruckt. „Auf die Sanktionen wird es eine starke Antwort geben“, verlautbarte das russische Außenministerium zu den US-Strafmaßnahmen. „Nicht unbedingt symmetrisch, aber ausgewogen und spürbar für die amerikanische Seite.“ Kein Sanktionspressing sei imstande die Entschlossenheit Russlands zu beeinflussen, seine Interessen fest zu vertreten.

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PräsidentWolodymyr Selenskyj

Mehr Unruhe herrscht in Wirtschaftskreisen. „Die Sanktionen gegen die WEB sind unangenehm“, sagt Waleri Mironow, Finanzexperte der Moskauer Hochschule für Wirtschaft, der Frankfurter Rundschau. Die Regierung betrachte die WEB als Geldgeber ihrer Reformen und Großprojekte. Jetzt müsse der Staat sie in dieser Eigenschaft wohl mit Haushaltsgeldern unterstützen. „Aber da die WEB außerhalb des üblichen Finanzverkehrs agiert, ist das übrige russische Bankensystem und seine Zahlungsfähigkeit nicht davon betroffen.“

Sanktionen wegen Ukraine-Konflikt machen russische Wirtschaft nervös

Und laut Mironow profitiert der Fiskus derzeit von den krisenbedingt hohen Rohstoffpreisen. Solche Mehreinnahmen dämpfen die Wirkung der Sanktionen. Aber viele Geschäftsleute fürchten weniger die Folgen der schon bekannten und überschaubaren Strafmaßnahmen, als das, was noch kommen könnte. Laut der Agentur Reuters drohen auch anderen russischen Geldhäusern Sanktionen, die sie vom internationalen Zahlungsverkehr abschalten. Die Zeitung Kommersant schließt eine Blockade des Swift-Überweisungssystems für ganz Russland nicht aus. In den Branchen kursieren Ängste vor Lieferverboten für Smartphones, Mikrochips und weitere Hightech-Ersatzteile, auch für die Automobilindustrie. Selbst ein möglicher Umstieg Europas auf die USA als Hauptgaslieferant wird debattiert.

Nervosität, die Geld kostet. Seit Jahresbeginn haben Russlands 23 reichste Geschäftsleute laut der Agentur Bloomberg schon 32 Milliarden Dollar verloren, ihr Gesamtvermögen soll noch 343 Milliarden betragen. Die Moskauer Börsen taumeln, der Rubel auch, gestern kostete ein Dollar wieder über 80 Rubel, der Rubel ist inzwischen nach Angaben Bloombergs die instabilste Währung der Welt. „Schalten Sie die Terminale aus“, rät der Börsenmakler Grigori Sosnowski Investor:innen auf dem Portal forbes.ru. „Die Märkte könnten länger unvorhersehbar bleiben, als Sie zahlungsfähig.“ (Stefan Scholl)

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