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Ukraine: Russische Soldaten setzen Vergewaltigung als Kriegswaffe ein

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Von: Karolin Schäfer

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Die Berichte über Vergewaltigungen im Ukraine-Krieg mehren sich. Dabei seien das keine Einzelfälle, sondern Teil der Kriegsführung.

Kiew – Im Zuge der russischen Invasion in der Ukraine, die seit nunmehr 100 Tagen andauert, gehen die Kämpfe vor allem im Donbass weiter. Einstige Großstädte wie Sjewjerodonezk befinden sich unter ständigem Beschuss. Dabei mehren sich die Berichte von sexualisierter Gewalt im Ukraine-Krieg, etwa die Vergewaltigung von Müttern kurz nach der Entbindung.

Das ist nur einer von vielen Fällen, die ukrainische Frauen im Krieg berichten. Auch Kinder scheinen der Willkür des russischen Militärs ausgesetzt zu sein. Die UN erhob zuletzt Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen russische Soldaten. Eine genaue Zahl der Vergewaltigungen seit Russlands Angriffskrieges zu nennen, sei unmöglich, sagte die ehemalige Menschenrechtsbeauftragte Ljudmyla Denissowa.

Ukraine-Krieg: Berichte über Vergewaltigungen mehren sich

„Wenn sich die Situation weiterentwickelt und wir ukrainische Städte befreien, sehen wir dort einige Elemente von Kriegsverbrechen – es gibt also noch viel zu tun“, sagte Oksana Zolotareva, Leiterin der Abteilung für internationales Recht im ukrainischen Außenministerium, gegenüber der britischen Zeitung The Independent. Teile der Ukraine, die sich immer noch unter russischer Besatzung befinden, sei der Zugang zu Hilfe verwehrt. „Also wird es leider immer mehr Kriegsverbrechen geben, und wir werden sie untersuchen müssen“, so Zolotareva.

Eine Mutter wartet mit ihrer Tochter auf einen Bus, um aus der Stadt Slowjansk im Bezirk Donezk zu fliehen. (Archivbild)
Eine Mutter wartet mit ihrer Tochter auf einen Bus, um aus der Stadt Slowjansk im Bezirk Donezk zu fliehen. (Archivbild) © Petros Giannakouris/dpa

„Jeden Tag tauchen mehr Beweise von Frauen auf, die aus den besetzten Gebieten geflohen sind oder befreit wurden und berichteten, wie sie von den russischen Besatzern vergewaltigt wurden“, zitierte die britische Zeitung eine ukrainische Webseite, die russische Kriegsverbrechen verfolgt. „Russische Soldaten vergewaltigten diese Frauen nachts. Tagsüber. Vor den Augen ihrer Kinder. Nachdem die Russen die Ehemänner der Frauen ermordet hatten“, hieß es weiter.

Expert:innen, die sich mit den russischen Kriegsverbrechen befassen, sehen keine Einzelfälle in den Vergewaltigungen, sondern ein bekanntes Mittel, um einen Teil der ukrainischen Gesellschaft, vor allem Frauen und Kinder, zu brechen. „Bei einer Vergewaltigung verletzt der Täter das Gefühl der Würde des Opfers“, erklärte Solon Solomon, Dozent für Öffentliches Recht und Völkerrecht an der Brunel University London, gegenüber The Independent. Es sei kein Zufall, „dass das Recht auf Würde nach dem Holocaust und den Gräueltaten der Nazis im ersten Artikel des Grundgesetzes verankert wurde.“

Ukraine-Krieg: Täter:innen erfahren Genugtuung durch „Erniedrigung des Opfers“

Bei Vergewaltigungen würden die Täter:innen Genugtuung erfahren. „Durch die Erniedrigung des Opfers erhält der Täter neben der sexuellen Befriedigung auch die Genugtuung, dass er über das Opfer gesiegt hat“, erläutert Solomon. Solche Taten würde ohne „vorherige Planung begangen werden“.

„Bei schlecht geplanten Operationen, bei denen der Sieg nicht auf dem Schlachtfeld errungen werden kann, erhält dies eine andere Dimension. Die Soldaten ziehen ihre Genugtuung aus der Tatsache, dass sie zwar besiegt wurden, aber sie lassen auch unglückliche Menschen zurück, deren Leben durch die Vergewaltigungen psychisch und physisch zerstört wird“, erläuterte der Völkerrechter. Das deckt sich weitgehend mit Berichten über die schwindende Moral russischer Soldaten, die etwa ihre eigene Ausrüstung beschädigt oder sich selbst Verletzungen zugefügt haben sollen, um nicht weiter kämpfen zu müssen.

Ukraine leitet strafrechtliche Ermittlungen gegen Kriegsverbrechen ein

Fest steht, dass die Ukraine nicht „jahrelang darauf warten wird, dass die strafrechtlichen Ermittlungen und die gemeinsamen Ermittlungen mit anderen Ländern zu konkreten Ergebnissen führen“, kündigte die Juristin Zolotareva an. So wurde bereits Ende Mai der erste russische Soldat zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er einen Zivilisten getötet hatte. „Wir brauchen dieses Maß an Rechenschaftspflicht und die Menschen, die diese Kriegsverbrechen in der Ukraine begangen haben, sollten verstehen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden“, sagte Zolotareva gegenüber The Independent.

Neben Bombardierungen und Großoffensiven setzen russische Soldaten also auch Vergewaltigungen im Ukraine-Krieg als Waffe ein. „Aus rechtlicher Sicht ist es wichtig, so schnell wie möglich Beweise zu sammeln und die Strafverfolgung so schnell wie möglich einzuleiten. Die Indizien, die zu dem Verbrechen führen, sind frisch und leichter zu dokumentieren, was eine zügige Justiz gewährleistet", erklärte Anwältin Kathleen Hallisey, die mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt arbeitet. Auch wenn nicht alle Vergewaltigungen sichtbar werden, geben die Ermittlungen der ukrainischen Behörden Hoffnung. Dies würde anderen Überlebenden zeigen, dass etwas gegen die Verbrechen unternommen wird, betonte Hallisey gegenüber The Independent. (kas)

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