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„Wurden alle reingelegt“ – Russischer Deserteur klagt an

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Von: Tim Vincent Dicke

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Seine Einheit war in Butscha stationiert: Ein Ex-Soldat der russischen Armee will zu Kriegsverbrechen im Ukraine-Krieg aussagen.

Madrid/Moskau – Massaker in Butscha, Bombardierungen der Stadt Mariupol, Folter von Kriegsgefangenen: Berichte über russische Kriegsverbrechen im Ukraine-Konflikt gibt es zahlreich. Nun will ein früherer Angehöriger der Truppen von Kreml-Chef Wladimir Putin zu Verbrechen aussagen – und bittet um politisches Asyl in Europa.

Bei dem ehemaligen Kämpfer handelt es sich einem Guardian-Bericht zufolge um den 27-jährigen Nikita Chibrin. Gegenüber dem Blatt sagte der Ex-Soldat, dass er mehr als vier Monate in der Ukraine als Mitglied der 64. Motorschützenbrigade der 35. Armee der Russischen Föderation verbracht habe. Dabei handelt es sich um eine Einheit des russischen Militärs, die in Butscha stationiert war und gegen die es massive Anschuldigungen gibt.

News zum Ukraine-Krieg: Soldat aus Russland will über Kriegsverbrechen sprechen

Die Ukraine wirft der Einheit schlimmste Kriegsverbrechen vor. Kiews Geheimdienst spricht von „Massenmord“, den die Angehörigen der Motorschützenbrigade begangen hätten. Russland bestreitet, etwas mit den Gräueltaten zu tun zu haben. Im Gegenteil: Nach dem Abzug aus Butscha würdigte Putin die Brigade für besondere Verdienste, Heldentum und Tapferkeit. Putin lobte die „versierte und entschlossene Handlungen“ der Soldaten im Zuge der „militärischen Spezial-Operation“.

Verabschiedung von Rekruten in Kasan
Hunderttausende Russen kämpfen in der Ukraine, um die politischen Ambitionen von Putin durchzusetzen. (Archivbild) © Yegor Aleyev/imago

Deserteur Chibrin war laut Guardian am Dienstag (15. November) in der spanischen Hauptstadt Madrid gelandet und im Anschluss von den Behörden festgehalten worden. In einem Telefoninterview bestritt der 27-Jährige gegenüber der britischen Tageszeitung, an Kriegsverbrechen seiner Einheit beteiligt gewesen zu sein. „Kein einziges Mal“ habe er eine Waffe im Ukraine-Krieg benutzt.

Eigenen Angaben nach will er mithelfen, Vergehen seiner früheren Kameraden aufzuklären. Auch scheue er sich nicht, vor einem internationalen Gericht auszusagen. „Ich habe nichts zu verbergen“, sagte Chibrin, um dann hinzuzufügen: „Dies ist ein verbrecherischer Krieg, den Russland begonnen hat. Ich möchte alles tun, was ich kann, damit er aufhört.“

Russischer Deserteur über Ukraine-Krieg: „Wurden alle reingelegt“

Schon am ersten Tag der russischen Invasion habe Chibrin seinen Vorgesetzten gesagt, dass er den Krieg gegen das Nachbarland ablehne. „Sie drohten damit, mich ins Gefängnis zu stecken. Schließlich beschlossen meine Befehlshaber, mich als Reinigungskraft und Logistiker einzusetzen. Ich wurde vom Schlachtfeld ferngehalten“, erklärte er dem Guardian. Chibrin gab an, dass man ihn und seine Kameraden bis zum 24. Februar im Unklaren gelassen habe, dass Russland das ukrainische Staatsgebiet attackieren werde. „Wir hatten keine Ahnung, dass wir in der Ukraine kämpfen würden“, sagte er. „Wir wurden alle reingelegt.“

Dass viele Kombattanten zu Beginn der Kampfhandlungen überhaupt nicht wussten, dass sie in einen Krieg geschickt werden, belegen Aufnahmen abgehörter Telefongespräche, die Ende September von der New York Times veröffentlicht wurden. „Niemand hat uns gesagt, dass wir in den Krieg ziehen würden. Sie haben uns einen Tag vor unserer Abreise gewarnt“, sagte ein Soldat am Handy.

G7 sprechen von „grausamste Verbrechen“ in der Ukraine

Zuletzt hatten die Innenminister:innen der G7-Staaten Russland „grausamste Verbrechen“ in der Ukraine vorgeworfen. Bei dem zweitägigen G7-Treffen im hessischen Kloster Eberbach sei „intensiv“ über ein gemeinsames Vorgehen beraten worden, „damit die Kriegsverbrecher sich eines Tages vor Gerichten verantworten müssen“, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) am Freitag (18. November).

„Nach wie vor erreichen uns täglich Bilder grausamster Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung und der Zerstörung ziviler Infrastruktur in der Ukraine“, sagte Faeser. „Das muss aufhören, Putin muss diesen brutalen Krieg beenden.“ (tvd/dpa)

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