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London, Ende Januar 2003: Demonstranten protestieren gegen den Kurs von Bush und Blair in der Irak-Politik.

Kriegsrat mit dem lieben George

Von dem Treffen ihres Premiers Blair mit US-Präsident Bush versprechen sich die Briten mäßigenden Einfluss

Von Peter Nonnenmacher (London)

Der Premier macht sich auf die Reise und lässt die Briten mit gemischten Gefühlen zurück. Tony Blair ist auf dem Weg nach Washington. Dort trifft er am heutigen Freitag den US-amerikanischen Präsidenten. Drei Tage nach dessen Rede zur Lage der Nation und über die missionarische Aufgabe Washingtons. Blairs Landsleute halten das Treffen der beiden Regierungschefs während des britisch-amerikanischen Truppenaufmarschs am Golf für einen entscheidenden Augenblick. Jenseits des Atlantiks, in Camp David, soll der Premier den US-Präsidenten ermuntern, sich in Geduld zu üben, ihn anspornen, einer verlängerten Frist für die Inspektoren der UN zuzustimmen, auf Bush einwirken, sich an den Vorgaben der Vereinten Nationen zu orientieren: So wollen es die Minister im Kabinett Blair, fast alle Abgeordneten seiner Labour-Party und laut Umfragen drei Viertel der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs. Ob Blair aber Bush für einen solchen Kurs gewinnen, ob er letztlich, so er es ernsthaft versuchte, einen Krieg hinauszögern könnte, das bezweifeln die meisten Briten dann aber doch - schließlich hatte der US-Präsident in seiner Rede deutlich gemacht, dass seine Nation "nicht von den Entscheidungen anderer abhängig" sei.

Immerhin kann sich der britische Regierungschef über mangelnde Aufmerksamkeit bei seinem Gastgeber nicht beklagen. Nachdem Bush sich bereits im September mit Blair über eine gemeinsame Taktik zunehmenden Drucks auf Bagdad beraten hatte, widmet er dem Gast aus dem wohlgelittenen Teil des "alten Europa" auch diesmal wieder einen ganzen Tag in Camp David - einen Tag, den die sonst eher unterkühlte BBC feierlich zum "Tag des Kriegsrats" erklärt hat.

Als einer, der keine Kommunikationsprobleme mit dem Präsidenten hat, der sich trotz seiner alten Liebe zu Vorgänger "Bill" auch mit "George W." von Anfang an unmittelbar verstand, der sich und sein Land nach dem 11. September spontan und demonstrativ an die Seite der USA stellte und der ohne Zögern in Afghanistan gegen die Taliban zu Felde zog - als ein solcher ist der britische Premier der US-Administration selbstverständlich willkommen. Auch in Sachen Irak ließ Blair schließlich keinen Zweifel daran, dass er "der engste Verbündete der Amerikaner" bleiben will. Geopolitisch lässt der Brite keinen Abstand zwischen sich und Bush entstehen. Im UN-Sicherheitsrat zieht Britannien wacker hinter den Amerikanern her. Auch in Taten stehen die Briten "Schulter an Schulter" mit der Großmacht der "Neuen Welt". Als einzige Verbündete setzten sie bereits ein beträchtliches Truppenkontingent in Richtung Irak in Bewegung. Ein Viertel der Streitkräfte, eine Truppe von rund 35 000 Soldaten, soll bis Ende Februar am Golf einsatzbereit sein.

Als hilfreich hat sich Blair auch bei der Beschaffung der für einen Krieg nötigen Alliierten erwiesen. Mit seinem Trommeln für Amerika sucht der Brite französische Skepsis und deutschen Unmut über die Kriegsvorbereitungen der USA zu übertönen. Als Mitbringsel für Bush hat Blair den Aufruf zum notwendigen "Zusammenstehen von Europa und Amerika" in seinem Gepäck, den außer ihm sieben andere europäische Staats- und Regierungschefs - Spaniens, Italiens, Portugals, Dänemarks, Polens, Ungarns und Tschechiens - unterzeichnet haben. In dem Appell, vom spanischen Regierungschef José María Aznar zusammengetragen, aber deutlich die britische Handschrift tragend, priesen die Unterzeichner "das transatlantische Band als Garantie unserer Freiheit", das zu bewahren "lebenswichtig" sei. Amerikanische Tapferkeit, für die den USA ewiger Dank gebühre, habe Europa in der Vergangenheit von "zwei Formen der Tyrannei", dem Nazismus und dem Kommunismus, befreit. Nun müsse man verhindern, dass die Beziehung zu den USA "ein Opfer der hartnäckigen Versuche des gegenwärtigen irakischen Regimes, die Sicherheit der Welt zu bedrohen", werde und müsse gemeinsam mit Washington den UN-Sicherheitsrat ermahnen, sich in dieser Frage endlich "seiner Verantwortung bewusst zu werden". Dass es notwendig sei, "das transatlantische Band" gegen "schnöden Anti-Amerikanismus" zu schützen, gehört zu der festen Überzeugung Blairs. Gerade zu Zeiten drohender US-Isolation müsse man alles tun, um Washington zu unterstützen und vor Alleingängen zu bewahren. Nur im Innern, als guter Partner, nicht mit Kritik oder Widerborstigkeit von außen, könne man Einfluss auf amerikanische Präsidenten nehmen, versucht Blair seinen Landsleuten seit Monaten zu vermitteln. Als mäßigende Kraft, die Bush bereits vor riskanten Aktionen bewahrte, die Pentagon-Falken zügelte und Washington auf den Weg zur UN nach New York brachte, sehen Blairs engste Mitarbeiter "den besten Freund des Präsidenten" in Europa.

Einige Kommentatoren im Königreich wissen "die undankbare Rolle", die Blair mit dieser Unterordnung übernahm, zu schätzen. Mit seiner "einsamen" Mission, angefeindet zu Hause wie in anderen Ländern, habe Blair "geschickt" und "geradezu heroisch" seinen Einfluss auf Bush gewahrt, lobten jüngst mehrere Kolumnisten auch liberaler Blätter den Premier. Kein "Pudel Bushs" sei Blair, wie so viele Kritiker in Großbritannien höhnten, sondern eher "der britische Blindenhund" des Präsidenten, der diesen sicher durch ein gefährliches politisches Minenfeld zu führen suche.

Andere Beobachter halten dies allerdings für eine hoffnungslose Selbstüberschätzung. Gehör finde Blair zwar bei Bush, meinen sie, aber an den wohl schon getroffenen Entscheidungen Washingtons sei er letztlich überhaupt nicht beteiligt: Und wiewohl Bush auf einen militärischen Verbündeten wie Britannien angewiesen bleibe, schon um die eigene Bevölkerung bei der Stange zu halten, habe sich Blair zu sehr auf die gemeinsame Sache eingelassen, als dass er nun noch "Nein" sagen könne.

Ob Blair denn wirklich nach Camp David fliege, "um die Situation zu diskutieren, um guten Rat zu geben, zu drängen und zu warnen", fragte die Guardian-Kolumnistin Jackie Ashley am Donnerstag nicht ohne Zweifel - "oder nur, um sich seine Befehle abzuholen?"

Pessimistische Beobachter wie John le Carré werfen Blair vor, mit seiner Fehleinschätzung die Front der Kriegsgegner geschwächt zu haben: "Die barmherzigste Interpretation der Rolle Tony Blairs in dieser ganzen Geschichte ist wohl die, dass Blair geglaubt hat, er könne den Tiger lenken, wenn er auf ihm reite. Natürlich kann er das nicht - stattdessen hat er ihm eine faule Legitimität und eine samtweiche Stimme verschafft."

Im Grunde, meinen Briten, denen Blairs Nähe zu Bush missfällt, habe der Premier sich zu lange im Glauben gewogen, gleichzeitig heimische Erwartungen erfüllen und den Anforderungen Washingtons nachkommen zu können. Beim Treffen mit Bush in Camp David könnte Blair jedenfalls an die Grenzen seiner Kunst des Brückenschlags stoßen. Noch hofft der Premier zwar, mit geschickten Manövern Druck auf Frankreich zu machen und mit Beweisen gegen Iraks Diktator Saddam Hussein den Rest der Welt an Bushs Seite zu bringen. Aber im eigenen Land nehmen die Zweifel an seinem Kurs, an seiner Position als Junior-Partner des US-Präsidenten, allerdings eher zu.

Wenn man "mit Irak fertig" sei, werde man sich "Nordkorea und anderer Staaten annehmen", ließ Blair in dieser Woche im britischen Unterhaus bereits keinen Zweifel daran, wie er sich vorstellt, an der Seite Washingtons die geopolitischen Koordinaten künftig etwas anders abstecken zu wollen. Ganz anders als die Stimme des Großen Bruders in Übersee, befanden Abgeordnete seiner Labour-Party nach den Worten ihres Chefs nur kopfschüttelnd, klinge das wahrhaftig nicht.

Dossier: Krieg gegen Irak?

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