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Kriegsmüde Faschisten

Gabriele Hammermann erinnert an die italienischen Militärinternierten unter Hitler

Von Rolf Wörsdörfer

Der Friedhof Westhausen in der Nähe der gleichnamigen, von Ernst May am Rande Frankfurts errichteten Siedlung birgt die Gräber von über viertausend italienischen Soldaten und Zivilisten. Auf einem Gedenkstein aus dem Jahr 1958 heißt es, die Italiener seien im Zweiten Weltkrieg gefallen. Ein Blick auf die Grabsteine zeigt, dass fast alle in der zweiten Kriegshälfte, also in den Jahren 1943 bis 1945, ums Leben gekommen sind. Tatsächlich sind diese angeblichen "Gefallenen" durchweg Menschen, die als so genannte Militärinternierte, im Grunde als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, an Entkräftung, Hunger und Krankheiten starben; manche wurden in den letzten Kriegstagen von der SS ermordet.

Gabriele Hammermann hat das Schicksal der italienischen Militärinternierten erforscht - nicht nur das der in Frankfurt begrabenen. Auf der Grundlage langjähriger Recherchen in Archiven nördlich und südlich der Alpen bringt sie neue Einsichten in einige vergessene Kapitel der deutsch-italienischen Beziehungen. Vorab die Frage, wann, wo und wie die Internierten überhaupt in deutsche Gefangenschaft gerieten: Im Sommer 1943 waren italienische Truppen noch im ganzen nördlichen Mittelmeerraum stationiert, obwohl die Alliierten zu diesem Zeitpunkt schon in Süditalien standen. In den Tagen und Wochen nach dem 8. September 1943, dem Datum der Kapitulation Italiens vor den Alliierten, wurden italienische Offiziere und Mannschaften von der Wehrmacht entwaffnet und in die Lager transportiert.

Die Internierten kamen von unterschiedlichen Kriegsschauplätzen, viele aus Italien selbst, andere aus Griechenland und Jugoslawien, manche aus Frankreich. Sie waren von ihrem aus Rom geflohenen König und vom Oberkommando der Streitkräfte im Stich gelassen worden. Den meisten hatten deutsche Militärs versprochen, sie könnten nach Hause zurückkehren, wenn sie nur die Waffen niederlegten.

Die Mehrheit der Soldaten des Königs vertrauten dem ehemaligen Verbündeten, nicht ahnend, dass die Wehrmacht wortbrüchig würde und ausnahmslos alle entwaffneten Italiener als Militärinternierte auf das Reichsgebiet oder in den besetzten Osten Europas bringen würde. Nur wer bereit war, auf deutscher Seite weiter am Krieg teilzunehmen, durfte die Lager verlassen, um in der Armee der Republik von Salò - Mussolinis ganz von Berlin abhängigem Kleinstaat in Norditalien - zu dienen. Das wollte wiederum nur ein Viertel der Militärinternierten. In den Augen vieler Offiziere war der Faschismus schon zu sehr diskreditiert, die Mannschaften waren meist kriegsmüde. Wer sich auf italienischer Seite im September 1943 gegen die Entwaffnung durch den ehemaligen Verbündeten wandte, den ermordeten die Deutschen erbarmungslos. Das bekannteste Beispiel sind die mehr als 5000 Soldaten der italienischen Division Acqui, die auf der griechischen Insel Kephalonia von der Wehrmacht umgebracht wurden.

Die Besetzung Italiens und aller bis dahin von italienischen Truppen okkupierten Territorien, die Entwaffnung der königlichen Streitkräfte und die Verschleppung der Soldaten ist bisweilen als "der letzte Sieg der Wehrmacht" bezeichnet worden. Immerhin hatte sich das Regime von Salò gegenüber Berlin eine gewisse Schutzmachtfunktion über die Militärinternierten gesichert. Dies gab ihm zugleich die Möglichkeit, auf die Soldaten propagandistisch einzuwirken.

Das Schicksal der italienischen Militärinternierten wurde in der Vergangenheit unter dem Gesichtspunkt untersucht, auf welcher Stufe sie in der Lagerhierarchie standen, beispielsweise im Vergleich zu Kriegsgefangenen aus Frankreich oder aus Osteuropa. Die Forscher fragten sich, ob bei der durchweg miserablen Behandlung der italienischen Zwangsarbeiter auf deutscher Seite rassistische Motive ausschlaggebend waren oder ob der situativen, vom angeblichen Verrat Italiens gegenüber dem deutschen Verbündeten beeinflussten Motivationslage die größere Bedeutung zukam.

Obwohl das Regime von Salò Anstrengungen unternahm, die Militärinternierten angemessen zu versorgen, kam es immer wieder zu Engpässen. Letztlich ging es den italienischen Gefangenen dann deutlich schlechter als den britischen oder französischen. Die überwiegend politisch begründete Verachtung, der sie ausgesetzt waren, ähnelte der rassenbiologisch motivierten, wie sie gegenüber den sowjetischen Kriegsgefangenen verbreitet war.

Hammermann schreibt, dass deutsche Zivilisten und Soldaten den Italienern zumindest im ersten Moment vielfach vorwarfen, sie seien traditori, Verräter. Restriktiv und von Ressentiments geprägt war das Verhalten der Reichsbehörden. Wie, so fragt die Verfasserin, kann man die Tatsache erklären, dass es italienischen Kriegsgefangenen strikt verboten war, sexuelle Kontakte zu deutschen Frauen zu unterhalten? War dies eine Konsequenz der NS-Rassenideologie oder war es einfach die Sorge um die Kampfmoral der deutschen Soldaten, denen an der Front hätte zu Ohren kommen können, dass sich die Ehefrau oder Freundin in der Heimat mit einem Italiener eingelassen hätte?

Die Behandlung der italienischen Militärinternierten, auch das zeigt Hammermanns Studie, war letztlich uneinheitlich. Zu viele Interessen waren mit im Spiel; das Rüstungsministerium etwa förderte die Eigeninitiative der großen Industriebetriebe bei der Ausbeutung der Zwangsarbeiter, was die Lage der Militärinternierten keinesfalls verbesserte.

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