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FR vom 4. Oktober 2002

Leitartikel: Krieger im Blindflug

Warum Irak? Warum jetzt? Mit wem? Mit welchem Risiko, mit welchem Ziel? Wohl noch nie seit Vietnam gab es in den USA so viel Unsicherheit und offene Fragen am Vorabend eines Krieges. Von Dietmar Ostermann (Washinton).

Wohl nie seit der berühmten Gulf of Tonkin Resolution, mit der die USA 1964 endgültig ins Vietnam-Debakel stolperten, gab es in den Vereinigten Staaten am Vorabend eines Krieges ein solches Maß an Unklarheit und offenen Fragen. Warum Irak? Warum jetzt? Mit wem? Mit welchem Risiko? Mit welchem Ziel? Mit welchem Plan für den Tag danach? Die Bush-Regierung hat bislang auch für den US-amerikanischen Hausgebrauch keine befriedigenden Antworten geliefert.

Trotzdem wird der Kongress wohl schon bald mit großer Mehrheit eine Kriegsvollmacht erteilen. Zweifel werden sich in leicht abgeschwächten Formulierungen manifestieren, die der Präsident jetzt mit den Führern des Repräsentantenhauses verabredet hat. Der so genannte Kompromiss aber bindet George W. Bush nicht die Hände. Die Kritiker eines allzu forschen Vorgehens haben ihre Bauchschmerzen zu Protokoll gegeben, ohne den Versuch zu unternehmen, einen Gegenkonsens zu organisieren. Die Opposition hat beschlossen, vor der Novemberwahl auf eine ernsthafte Erörterung der Frage von Krieg und Frieden zu verzichten.

Nur wird das nicht das Ende der Irak-Debatte in den Vereinigten Staaten sein. Es ist der Anfang. Entscheidet sich die Bush-Regierung für den Angriffskrieg, dann werden sich alle Fragen von selbst stellen, denen die Administration bislang so hartnäckig ausweicht.

Drei Jahrzehnte lang hätte sich das Land auf einen solchen Blindflug nicht eingelassen. Nach Vietnam wollte das US-Volk von seinen Führern vorab wissen, warum es in den Krieg ziehen muss, was das Ziel und was die Risiken sind und vor allem, wann es vorbei ist und die Truppen wieder heimkehren. Abenteuer mit ungewissem Ausgang waren tabu. Die Handlungsmaxime dieser Ära trägt den Namen des heutigen Außenministers. Nun wirft die Bush-Regierung die Powell-Doktrin auf den Müll.

An ihre Stelle tritt das Konzept präventiver Kriegführung. Was das über völkerrechtliche Fragen hinaus für die gesellschaftlichen Kontrollmöglichkeiten heißt, hat die Kolumnistin Maureen Dowd dargelegt: "Es ist unmöglich, eindeutige Beweise zu finden, dass etwas später passieren wird, weil man nur weiß, dass etwas passiert ist, nachdem es passiert ist."

Militärische Vorbeugung muss mit "Vor-Beweisen" auskommen. Die sind hochgradig manipulierbar, vor allem, wenn sie aus der Gerüchteküche geheimdienstlicher Erkenntnisse stammen. Übersetzt auf Irak heißt das: Ob Saddam Hussein und seine vermuteten Massenvernichtungswaffen wirklich die von der Bush-Regierung behauptete Bedrohung darstellen, wird die US-Bevölkerung erst einschätzen können, wenn Bagdad erobert ist.

Es spricht einiges dafür, dass die Menschen in den USA sich mit dieser neuen Realität nicht ganz so unbefangen abfinden wie die politische Führung. Kriegsbegeisterung gibt es nur im Weißen Haus und bei den zivilen Hardlinern im Pentagon. Anders als beim Afghanistan-Feldzug, der als direkte und notwendige Reaktion auf den Terrorangriff vom 11. September 2001 empfunden wurde, steht das US-Volk einem Krieg gegen Irak wenn nicht skeptisch, so doch überwiegend abwartend gegenüber. Die Unsicherheit spiegelt sich in den Umfragen: Eine Mehrheit ist dafür, aber nur, wenn der Rest der Welt mitmacht - nicht, weil man es sich allein nicht zutraut, sondern, weil man noch ein paar Meinungen einholen will.

FR vom 4.10.2002

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