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Hoffen auf eine glückliche Fügung

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Von: Stefan Scholl

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Ehefrau und Mutter eines Ukrainers dekorieren sein Grab in Lwiw. Die tatsächliche Zahl der im Land seit dem 24. Februar Getöteten dürfte weitaus höher sein als bekannt.
Ehefrau und Mutter eines Ukrainers dekorieren sein Grab in Lwiw. Die tatsächliche Zahl der im Land seit dem 24. Februar Getöteten dürfte weitaus höher sein als bekannt. © Yuriy Dyachyshyn/afp

Der Kampf zwischen der Ukraine und Russland droht zum Langzeitkonflikt zu werden – möglicherweise über das Jahr 2023 hinaus. Eine Vorschau.

Er habe kürzlich geträumt, wie er seine Heimatstadt Simferopol auf der von den Russen annektierten Krim befreit, erzählt ein Offizier der ukrainischen Armee, der aus Simferopol stammt. „Ohne jede Gewalt, an einem trockenen sonnigen Tag, die Russen hatten sich sehr eilig zurückgezogen, in den Ascheimern glimmten noch ihre Zigarettenstummel.“ Dieser Traum sei eine Prophezeiung gewesen, er wisse jetzt, dass die Krim im kommenden Sommer wieder ukrainisch sein werde, sagt er.

Wladimir Putins „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine dauert Weihnachten zehn Monate. Auch im Jahr 2023 ist kein Ende absehbar, Militärfachleute reden von einem Abnutzungskrieg. Sein Ausgang aber lässt sich nicht kalkulieren. Im kommenden Jahr hoffen beide Seiten auf die Erfüllung ganz unterschiedlicher Träume, hoffen auf glückliche Fügungen. Aber es könnte auch katastrophal enden.

Das neue Kriegsjahr wird so beginnen, wie das alte endet: mit russischen Raketen- und Drohnenangriffen auf ukrainische Städte, vor allem auf deren Stromnetze. Aber es bleibt sehr fraglich, ob sie den von den Russen chronisch unterschätzten Widerstandswillen der Menschen in der Ukraine brechen werden. Der Europäischen Union, die der Kreml nebenher zermürben will, droht diesen Winter jedenfalls kaum eine neue ukrainische Flüchtlingsbewegung. Trotz Frosts und Stromausfällen sind im Dezember nicht einmal die Passagierzüge nach Polen ausverkauft. Und man darf gespannt sein, wann Putin zugeben wird, dass Russland statt seiner „Spezialoperation“ in der Ukraine längst einen ausgewachsenen Krieg führen muss.

Militärisch geht das Duell unentschieden ins neue Jahr. Was an sich schon eine Blamage für die Supermacht Russland darstellt. Immerhin, nach den erfolgreichen Gegenoffensiven der Ukrainer in den Regionen Charkiw und Cherson, hat Moskau die Lage mithilfe des Herbstmatsches und hastig an die Front geworfener Mobilisierter stabilisieren können. Und nach Silvester werden vor allem seine Söldnertruppen unter enormen Verlusten weiter die Stadt Bachmut im Donbass berennen. Aber Fachleute bezweifeln, dass der angeschlagene russische Goliath die strategische Initiative zurückerobern wird.

Dabei erwarten die Ukrainer:innen einen neuen russischen Großangriff aus Belarus unter Einsatz der im Herbst neu ausgehobenen Reservisten. Als mögliche Ziele gelten die westukrainischen Regionen Riwne oder Lemberg, aber vor allem Kiew. Allerdings riskierten die Russen dabei ein ähnliches Szenario wie zu Beginn des Krieges, als ukrainische Stoßtrupps im Großraum Kiew erfolgreich Jagd auf Nachschub-, aber auch Panzerkolonnen der selbsternannten Befreier machten. Seit Monaten warnen russische Militärblogger:innen umgekehrt vor einem neuen Überraschungsangriff der taktisch gewandteren Ukrainer, etwa einen Konter Richtung Süden zum Asowschen Meer.

Aber bisher hat keine Seite ein Manöver organisieren können, das zum Zusammenbruch der gegnerischen Front geführt hätte. Ein Lucky Punch scheint auch 2023 nicht wahrscheinlich. Es ist möglich, dass dieser Clinch auch 2024 in eine weitere Runde geht.

Wladimir Putin hält demonstrativ an seinen Zielen fest, die er immer wieder neu formuliert, die aber weiter eine Beseitigung der Ukraine als Staat verlangen. Und auf ukrainischer Seite lehnt Präsident Wolodymyr Selenskyj alle „Kompromissverhandlungen“ ab, die eine neue Demarkationslinie quer durch sein Land ziehen würden.

Es bleibt ein Abnutzungskrieg, allerdings ein schräger. Die Ukrainer:innen hoffen als Nation zu überleben, die Russen auf einen Sieg, nachdem sie wieder bei Ikea einkaufen gehen können. Sie werden Putins „Operation“ und deren unschöne Details weiter mit patriotischer Ignoranz abtun, auch das Leid der Opfer. „Bald ist alles vorbei, auch ohne Atomschlag, es gibt ja andere Massenvernichtungswaffen“, plaudert ein Moskauer Kirchgänger eine Viertelstunde nach dem Gottesdienst. Die Ukrainer dagegen gehen mit Zorn und nationalem Kampfgeist ins neue Jahr. „Wir, nicht die Russen, stehen auf der Seite des Lichts“, kommentiert eine junge Kiewer Geschäftsfrau mit pathetischer Ironie die Stromausfälle durch russische Raketensalven. „Wir werden unbedingt siegen.“

Krieg ist auch Psychologie. Dabei hat die Ukraine den Konflikt materiell schon im Mai verloren, als ihre eigenen Artilleriegeschosse zur Neige gingen. Seitdem ist ihre Armee praktisch völlig auf die Munitionslieferungen des Westens angewiesen.

Ukrainische Militärs klagen schon, die Amerikaner würden sie nur „dosiert“ unterstützen, um zu vermeiden, dass der psychisch instabil wirkende Feind das Gleichgewicht völlig verliert. Der Westen dürfte auch 2023 kein Interesse haben, einen blutig blamierten Putin zum Äußersten zu treiben. Aber in Kiew herrschen große Zweifel, ob man Putins Armee so „dosiert“ zurückdrängen kann, dass der nicht mit wütender Rache reagiert.

Zurzeit gibt sich der Kreml mit den Raketenangriffen gegen das ukrainische Energiesystem zufrieden. Aber seine Propagandistinnen und Politiker haben nie aufgehört, lautstark über den Einsatz von Chemie- oder Kernwaffen nachzudenken. Auch viele Ukrainer:innen glauben, dass Russland 2023 neue Misserfolge mit „Vergeltungswaffen“ aller Kaliber quittieren wird. Zu dem Horrorarsenal gehören ein von den Russen organisierter radioaktiver „Unfall“ im Kernkraftwerk Saporischschja, der massenhafte Einsatz des als Mordgift bekannt gewordenen und berüchtigten Nowitschok-Kampfstoffs oder Raketenbeschuss mit taktischen Atomsprengköpfen.

Der Ukraine-Konflikt droht zum Langzeitkonflikt mit durchaus katastrophalen Eskalationsfenstern zu werden. Dabei träumen beide Seiten von glücklichen „politischen“ Fügungen. Die Ukrainer:innen hoffen auf einen Putsch oder auf Magenkrebs im Kreml, die Russ:innen auf einen neuen, ihnen wohlgesinnten Donald Trump im Weißen Haus.

Auf jeden Fall wird das Sterben in der Ukraine weitergehen. Zum Stichtag 11. Dezember zählte das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte mehr als 6700 tote Zivilpersonen, sagt aber selbst, die tatsächlichen Opferzahlen dürften mehrfach höher sein. Nach den vorsichtigsten Schätzungen verloren beide Seiten jeweils deutlich mehr Soldaten als die knapp 15 000 Toten der Sowjetarmee in zehn Jahren Afghanistan-Krieg. Die tatsächlichen Zahlen dürften kommendes Jahr die Verluste der USA im Vietnamkrieg von 58 000 Gefallenen deutlich übertreffen. (Stefan Scholl)

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