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Krieg in der Ukraine: „Frauen müssen mit an den Tischen sitzen“

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Von: Sabine Hamacher

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Weltweit und auch in London protestieren Menschen gegen geschlechtsspezifische Kriegsgewalt in der Ukraine.
Weltweit und auch in London protestieren Menschen gegen geschlechtsspezifische Kriegsgewalt in der Ukraine. © NurPhoto/Imago

Elke Ferner von UN Women Deutschland über Vergewaltigungen in Kriegen, die Untersuchung dieser Verbrechen und feministische Perspektiven bei Friedensverhandlungen.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine mehren sich Berichte von Frauen, die von Vergewaltigungen durch russische Soldaten berichten. Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe einzusetzen, ist nicht neu.

Frau Ferner, die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine treffen Frauen besonders hart, das hat ein kürzlich veröffentlichter Bericht von UN Women und der Hilfsorganisation Care sehr deutlich gemacht. Was müssen Frauen erleiden, das Männer nicht auch betrifft?

Generell sind Frauen von Kriegen, dem Klimawandel oder Pandemien immer stärker betroffen, weil solche Krisensituationen bestehende Ungleichheiten verstärken. Konkret in der Ukraine sind zurzeit die Lebensumstände allgemein schlechter, und Frauen sind zum Beispiel in höherem Maß auf Ernährungshilfe angewiesen als Männer. Und besonders, wenn sie schwanger sind, brauchen sie eine gute medizinische Versorgung.

Wo gebombt wird, ist die nicht gegeben, und auch in anderen Regionen ist sie nicht immer gewährleistet. Und wie wir wissen, sind viele Frauen auf der Flucht – sowohl im Land als auch außerhalb. Meist müssen sie sich allein mit den Kindern auf den Weg machen und sind besonderen Gefahren ausgesetzt. Auch sexualisierte Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen durch russische Soldaten sind ein riesiges Problem.

Ukraine-Krieg: Vergewaltigung als Kriegswaffe ist nicht neu

Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen in bewaffneten Konflikten ist inzwischen als schwere Menschenrechtsverletzung anerkannt. Das schreckt potenzielle Täter offensichtlich nicht ab, oder?

Nein. Dass so etwas geschieht, ist zunächst ein Versäumnis in der Befehlsstruktur der Aggressoren, denn auch in einem solchen Krieg gilt in einer Armee Befehl und Gehorsam. Den Soldaten und Offizieren muss klar gemacht werden, dass solche Taten Kriegsverbrechen und schwerste Menschenrechtsverletzungen sind und nicht ungesühnt bleiben. Aber das passiert nicht. Außerdem ist eine Vergewaltigung immer schwer zu beweisen, erst recht dann, wenn die normalen Strukturen nicht funktionieren. Betroffene Frauen können sich nicht direkt untersuchen lassen, es erfolgt keine Spurensicherung, sie können nicht sofort zur Staatsanwaltschaft gehen und Anzeige erstatten.

Vergewaltigung als Kriegswaffe wird und wurde in zahlreichen Konflikten weltweit systematisch und gezielt eingesetzt – kein neues Phänomen. Was lässt sich dagegen tun?

Das muss die internationale Staatengemeinschaft aufarbeiten. Es kann nicht nur darum gehen, etwa Erschießungen zu ahnden, es muss versucht werden, jede einzelne Vergewaltigung aufzuklären und den Täter zu belangen. Es muss klar sein: Egal, unter welchen Bedingungen ihr solche Verbrechen begeht, am Ende bekommt ihr die Strafe, die ihr dafür verdient.

Zu Person und Sache

Elke Ferner, 64, ist seit April 2021 Vorstandsvorsitzende von UN Women Deutschland. Die SPD-Politikerin war von 2004 bis 2018 Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF). Seit 2018 gehört sie dem Vorstand des Deutschen Frauenrats an.

UN Women ist eine Einheit der Vereinten Nationen und setzt sich für Chancengleichheit und die Stärkung der Rechte von Mädchen und Frauen ein. UN Women Deutschland, 2011 als gemeinnütziger Verein gegründet, ist eines von zwölf nationalen Komitees weltweit.

UN Women Deutschland setzt sich gegenüber der deutschen Politik für die Gleichstellung der Geschlechter ein und sammelt Spenden für die internationale Arbeit von UN Women, momentan zum Beispiel zur Unterstützung von Mädchen und Frauen in der Ukraine und deren Nachbarländern. sha

Ukraine-Krieg: Wenn es zu „Friedensverhandlungen kommt, müssen Frauen mit an den Tischen sitzen“

Dafür braucht es die nötige Basis.

Wenn es später zu Friedensverhandlungen kommt, müssen Frauen mit an den Tischen sitzen. Im Moment sieht man wieder fast nur Männer, die miteinander sprechen. Wir haben aber gelernt, dass Nachkonfliktordnungen stabiler sind, wenn Frauen an ihrer Aushandlung beteiligt waren und ihre Belange eingebracht haben.

Das ist leider noch in weiter Ferne. Nochmal zurück zur aktuellen Lage: Für viele Frauen geht das Elend nach der Flucht weiter, sie müssen auch in den Aufnahmeländern etwa Angst vor Vergewaltigung haben. Wie kann man sie besser schützen?

Wir haben alle davon gehört, dass etwa an der ukrainisch-polnischen Grenze oder auch in Deutschland Menschenhändler versucht haben, Frauen und Kinder abzugreifen. Um so etwas zu unterbinden, geben sowohl Hilfsorganisationen als auch die Ankunftsländer Informationen weiter, zum Beispiel per App. So bekommen die Frauen erste Hilfsangebote, wenn sie sich ins Telefonnetz einloggen. Dennoch gilt es, vorsichtig zu sein; Sie müssen ja nicht nur auf sich selber achten, sondern auch auf die Kinder, die oft noch sehr klein sind. Was mich auch sehr betroffen macht: Für ungewollt schwangere oder vergewaltigte Frauen ist es in dieser Situation in Polen fast unmöglich, die Schwangerschaft legal abzubrechen.

Elke Ferner.
Elke Ferner. © UN Women Deutschland

Taliban führen Burkapflicht ein: Wäre sonst „eine Eilmeldung gewesen“

Sexualstraftaten, Bombenangriffe, Flucht – wie kommen die Frauen über solche furchtbaren Erlebnisse hinweg?

So etwas trägt man sein Leben lang mit sich. Es braucht eine gute Aufarbeitung dieser Traumata, wichtig sind psychologische Beratung und Therapie. Das ist im Ausland natürlich schwierig, da bedarf es entsprechender Psycholog:innen, die ihre Sprache sprechen oder zumindest mit Hilfe von Dolmetscher:innen arbeiten können. Es ist unglaublich viel zu tun. Was an Hilfe notwendig ist, geht weit über das Dach überm Kopf hinaus.

Teilen Sie die Sorge, dass derzeit Gräueltaten und Gewalt in anderen Regionen, etwa Afghanistan, zu wenig Beachtung finden, weil alle Aufmerksamkeit sich gerade auf die Ukraine richtet?

Absolut. Das läuft völlig unter dem Radar. Dass jetzt die Taliban den Frauen wieder die Burka verordnet haben, wäre unter normalen Umständen eine Eilmeldung gewesen; so habe ich es zufällig gelesen. Was Frauen anderswo angetan wird, dass sich ihre Lebensumstände extrem verschlechtern, passiert jetzt völlig unbemerkt von der Weltöffentlichkeit.

Interview: Sabine Hamacher

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