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FR vom 15. September 2001

Totale auf den Krieg

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Zur Rhetorik und Liturgie des Verteidigungsfalls: Der Westen nach dem Massenmord in Manhattan.

Von allem Anfang an, wahrscheinlich nicht  erst seit der Schlacht bei Salamis oder auf den Katalaunischen Feldern, nicht  erst seit den Kreuzzügen oder auch Pearl Harbor galt die Erkenntnis: Das erste  Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Aber was ist das schon, die Wahrheit? Seit  den Reaktionen auf den entsetzlichen Terroranschlag auf das New Yorker World  Trade Center drängt sich die Einsicht auf: Die Wahrheit ist, dass auch die  Differenz aus dem „Global Village“ evakuiert werden soll.

Totale Krieg.  Erlaubt sie noch den Fokus auf Alternativen? Der Erstschlag war verheerend, der  Vergeltungsschlag wird, wenn er eintritt, mit allen Möglichkeiten, die CNN zur  Verfügung stellt, den ersten Krieg des 21. Jahrhunderts vor Augen stellen. So  wird es der Community der One World vom US-Verteidigungsministerium seit drei  Tagen annonciert. Fokus Rache. Ist da der Einwand noch opportun? Eine gewisse  Autonomie, die sich, in Zeiten der Rhetorik des Krieges, immerhin auf solche  Fundamente der abendländischen Zivilisation berufen kann wie den Eigensinn,  darf man sagen: den freien Willen?

Die Welt ist am 11. September Augenzeuge  eines Massakers geworden, doch trotz des Schocks, trotz des Entsetzens  angesichts des Leids, sollte der Gedanke erlaubt sein, ob die Attentäter von  Manhattan nicht eine Situation heraufbeschworen haben, die jetzt auch dazu  dient, den Clash of Civilisations (Samuel P. Huntington) nur noch 1:1, als  Hardliner zu lesen?

Auch die Bundesrepublik ist erstarrt. Allerorten herrscht  Entsetzen über das Inferno, Grauen angesichts des urbanen GAU. Die Trauer über  den Massenmord hat sich spontan geäußert, ebenso in Ritualen der Anteilnahme.  Dennoch sollte man nicht aus dem Auge lassen, dass in besonderer Weise die  Betroffenheit ein schlechter Berater in der Frage ist, ob die Nato-Strategie  eine angemessene ist – ein Gedanke, der mit Antiamerikanismus insofern etwas zu  tun hat, als dieser als Vorwurf stets rasch bei der Hand ist.

Das Szenario des  Nato-Verteidigungsfalls trägt nicht von ungefähr Züge einer profanen Liturgie:  Mit ihr werden die Reaktionen auf den Terrorakt eines sektiererischen  Fanatismus zum Anlass genommen, um tatsächlich das gesamte Morgenland unter  Verdacht zu stellen. In besonderer Weise war es der Fundamentalismus von  CDU-Politikern, der zu verstehen gab, die Existenz des Abendlandes stünde auf  dem Spiel.

Es war nicht so, dass allein die Solidarität mit den USA beschworen  wurde (Rhetorik), der CDU-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag faltete  bei seinem politischen Appell, der gemeint war wie ein Gestellungsbefehl, die  Hände (Liturgie). Das Abendland, die freie Welt, der Kampf des Guten gegen das  Böse: einmal mehr wird in diesen Tagen der Thesaurus der Dämonisierung in  höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Es war Henry Kissinger – die ARD hatte ihn  in einer Frankfurter Hotellobby aufgespürt –, der die Berliner Republik mahnte.  Wenn man die rhetorischen Schleifen des Ex-Sicherheitsberaters richtig  verstand, warnte der Amerikaner vor einem blinden Mitmachen der Bündnispartner  beim Vorgehen der USA. Kann es sein, dass der ehemalige Außenminister der USA –  noch nie eine Taube – in diesem Moment unabhängiger, eigensinniger dachte als  das gegenwärtige Kabinett in Berlin? Leistete er, abendländisch gesprochen,  eine ins Zivilisatorische, ja darüber hinaus gar eine ins Autonome  ausschweifende Denkanstrengung? Oder um es politisch zu sagen: Appellierte  Kissinger an die Zivilcourage?

Die Emphatie für die USA, ob nun im Berliner  Kanzleramt oder bei einem Gottesdienst in einer Frankfurter Kirche, ist  Ausdruck der Vernunft und überdies der Moral. Deutsche Nachkriegspolitik steht  in einer besonderen Verantwortung zu den Vereinigten Staaten, in einer  politischen Verpflichtung und auch in einer moralischen Haftung.

Gerade die  Moral ist jedoch eine Kategorie, die solche Begriffe wie bedingungslos oder  unverbrüchlich (bezogen auf Solidarität) nicht nur wie Banalitäten, sondern wie  Monstrositäten erscheinen lässt. Bedingungslos und unverbrüchlich in Bezug auf  was? Eine multilateralistische Politik Amerikas oder eine unilateralistisches  Politik der USA? Der SPD-Politiker Struck wusste um die symbolische Wirkung  seines Updates aus dem Geiste des Kalten Krieges, als er ausrief: „Heute sind  wir alle Amerikaner“. Geste? Oder mentaler Gestellungsbefehl über den Tag  hinaus?

Die Attentäter haben die Welt, darauf lassen Reaktionen deutscher  Politiker schließen, in die Epoche der ideologischen Konfrontationen  zurückgeschossen. Wer in den letzten vier Tagen nicht „bedingungslos“ auf  Seiten der USA gewesen ist, ob Individuum oder Staat, wurde damit konfrontiert,  sich als Feind des Weißen Hauses identifizieren zu lassen. Angesichts des  Weltdeutungsmonopols der USA darf man das Szenario in Aussicht stellen: Wenn in  den nächsten Stunden die Waffen sprechen werden, haben die vaterlandslosen  Gesellen im globalen Dorf erst recht zu schweigen.

Der Beschuss der  Twin-Towers, auch das könnte man symbolisch verstehen oder ikonographisch  lesen, hat die Welt in ein dichotomisches Weltbild zurückgebombt. Opportun sind  nicht antiamerikanische Ressentiments, wohl aber massive Zweifel nicht zuletzt  an der Globalisierung, zumal sie als säkulares Glücksversprechen daherkommt.

Der Terrorakt gegen das World Trade Center richtete sich gegen das weltweit  herausragendste Sinnbild dieses Prozesses. Zugleich bestätigte sich mit dem  Mord, dem Tausende zum Opfer fielen, dass der Attentäter (der Partisan) ein  Feind komplexer Strukturen ist. Der Anschlag auf das World Trade Center war  auch einer auf die Arbeit an der Differenzierung – ob das nun die Haltung zum  Nato-Partner angeht oder die Gefolgschaft mit dem Hauptakteur der  Globalisierung. Auch an sie knüpfen die USA einen täglich unbedingten  Vertrauensvorschuss der Weltbürgergesellschaft.

Die Globalisierung als  Schicksalsfrage – und diese wiederum als politische Doktrin. Das Attentat hat  eine Kettenreaktion ausgelöst, mit der bereits die leise Nachfrage in den Ruf  einer Fundamentalopposition gerät. Der Terroranschlag hat das globale Dorf zu  Geiseln eines kollektiven Differenzierungsverbots gemacht. Die Solidarität  sollte auch einem der wichtigsten Elemente der westlichen Zivilisation gelten,  ihrer Diskursfähigkeit.

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