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Russische Bevölkerung wird kriegsmüde – Putin verliert an Rückhalt

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Von: Sebastian Richter

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Eine unabhängige Zeitung aus Russland veröffentlicht die Ergebnisse einer internen Umfrage. Das Ergebnis der Analyse: Eine zweite Einberufung kann sich Putin nicht leisten.

Frankfurt – Wie steht die russische Bevölkerung zum Ukraine-Krieg? Keine leicht zu beantwortende Frage. Während Umfragen russische Meinungsforschungsinstitute großen Rückhalt zum Einmarsch russischer Truppen unterstreichen, kann man diesen Umfragen gegenüber durchaus skeptisch sein. Eine Analyse der unabhängigen Zeitung Moscow Times legt nahe, dass die Menschen in Russland immer weniger glauben, der Angriff auf das Nachbarland war eine gute Idee.

Die Zeitung gibt an, Zugang zu vertraulichen Umfragen aus der russischen Führung bekommen zu haben. Diese Umfragen sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Einmal in der Woche werden dabei 900 Menschen über ihre Einstellung zum Ukraine-Krieg befragt. Ein vom Kreml kontrolliertes Meinungsforschungsinstitut führt die Umfragen seit mindestens sechs Monaten wöchentlich durch. Die Teilnehmer werden nicht nur gefragt, ob der Krieg überhaupt begonnen werden sollte, sondern auch, ob er planmäßig verläuft und ob er weitergeführt werden soll.

Vor allem Jüngere sehen Ukraine-Krieg als Fehler

Aus den Daten zieht die Moscow Times einen wichtigen Schluss: Immer weniger Russinnen und Russen glauben, dass der Angriff auf die Ukraine eine gute Entscheidung war. Am 17. November waren 60 Prozent dieser Meinung. Immer noch die Mehrheit, aber immerhin 10 Prozent weniger als im Frühjahr.

Betrachtet man die Altersstruktur der Befragten, wird der Trend noch deutlicher. In der Altersgruppe zwischen 18 und 45 Jahren sind etwa 40 Prozent der Meinung, dass die „Spezialoperation“ der Ukraine eine gute Idee war. Gleichzeitig sind bei den über 45-Jährigen 76 Prozent der Meinung, dass der Krieg in der Ukraine zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung war.

Kriegsmüdigkeit in Russland: Laut einer geheimen Umfrage sinkt die Zustimmung zum Ukraine-Krieg. (Symbolbild)
Kriegsmüdigkeit in Russland: Laut einer geheimen Umfrage sinkt die Zustimmung zum Ukraine-Krieg. (Symbolbild) © Dmitri Lovetsky/dpa

Umfrage zum Ukraine-Krieg: Immer mehr junge Menschen geben keine eindeutige Antwort

Ein weiterer bemerkenswerter Teil der Analyse: in der jüngeren Gruppe hat die Zahl der Personen, die mit „unsicher“ geantwortet haben, stark zugenommen. Damit könnten die Jüngeren vermeiden, die Antwort zu geben, die sie eigentlich meinen. „Es ist möglich, dass ein Befragter denkt, dass die Antwort, die er geben möchte, die falsche ist, also gibt er sie nicht“, sagt Jekaterina Schulmann, Politikwissenschaftlerin und Forscherin an der Robert-Bosch-Akademie in Berlin gegenüber Moscow Times.

Was ist nun der Grund für die immer mehr werdenden „unsicheren“ Antworten? Grigorij Judin, Professor an der Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Moskau, führt das auf die Teilmobilisierung im September zurück. „Die Menschen haben schreckliche Angst. Sie vermuten, dass die Umfragen vom Staat durchgeführt werden und dass sie beobachtet werden“, sagte er.

Mehrheit der russischen Bevölkerung will weiter Krieg führen

Ein weiteres Ergebnis der Analyse wirkt auf den ersten Blick paradox. Während immer mehr Russ:innen der Meinung sind, dass der Beginn des Krieges ein Fehler war, steigt gleichzeitig der Anteil der Befragten, die sich eine Fortsetzung wünschen. 67 Prozent waren am 17. November für ein Weiterkämpfen in der Ukraine. Nur 18 Prozent wünschen sich ein Ende des Krieges – der niedrigste Wert seit sechs Monaten. Das ist bei beiden Gruppen zu beobachten.

Wie kann das sein? Die Berliner Expertin Schulmann meint, die Menschen erkennen allmählich, dass Russland verliere.  „Der Gedanke an eine Niederlage führt die Menschen zu dem Schluss, dass die Militäroperation jetzt nicht beendet werden darf.“ Die Menschen hätten Angst vor den Folgen einer Niederlage.

Ähnliches war bereits 2014 zu beobachten, als Russland die Krim annektierte. Dieses Phänomen hätten Soziologen bereits damals festgestellt, so Denis Volkov, Direktor des Levada Zentrums. „Dies ist eine typische Art von Logik“, sagt er. „War es das wert? Wahrscheinlich nicht, denn die Kosten dafür steigen, auch für die Menschen persönlich. Aber da wir uns diesen Schlamassel selbst eingebrockt haben, können wir genauso gut weitermachen.“

Ukraine-Krieg: Verhindern die Umfrage-Ergebnisse eine zweite Mobilisierung?

Dabei läuft in der Ukraine offensichtlich nicht alles so, wie Wladimir Putin und der Kreml sich die „Spezialoperation“ ausgemalt hatten. Das kommt auch bei der Bevölkerung an. 42 Prozent der Befragten sind nach der jüngsten Umfrage dieser Meinung – der höchste Wert seit Beginn der Umfrage. Umgekehrt sind nur noch 22 Prozent der Ansicht, der Angriff auf die Ukraine verlaufe nach Plan. Dabei sind nicht unbedingt die militärischen Niederlagen und die Aufgabe großer Gebiete der Grund für die Erkenntnis.

„Es gibt eine wachsende Zahl von Menschen, die glauben, dass der Krieg nicht gut läuft, aber wenn man sie fragt, warum, ist ihre erste Antwort, dass er sich [zu lange] hingezogen hat, was bedeutet, dass die Dinge nicht nach Plan gelaufen sind. Die zweithäufigste Antwort ist die Erklärung der Mobilisierung, was bedeutet, dass das Berufsmilitär versagt“, sagte Volkow der Moscow Times.

Russland im Ukraine-Krieg: „Ein Land mit einem gebrochenen Rückgrat“

Für die russische Führung haben diese Umfragen einen großen Wert. Darin wird die wachsende Frustration in der jungen Bevölkerung deutlich – das könnte dazu führen, dass es keine zweite große Mobilisierung mehr geben werde.  „Die Mobilisierung hat Panik ausgelöst und alle aufgewühlt. Die Menschen waren sehr erleichtert, als die Mobilisierung zu Ende war, und das System in Russland ist darauf ausgerichtet, sein eigenes Überleben zu sichern“, so die Berliner Expertin Schulmann. 

„Diese Umfragen spiegeln die russische Gesellschaft als träge und verängstigt wider, als ein Land mit einem gebrochenen Rückgrat“, zitiert die Moscow Times Schulmann weiter. „Das ist keine schlechte Nachricht für das autoritäre politische Modell, denn mit solchen Bürgern kann man alles machen - alles außer mobilisieren.“

Die von der Moscow Times analysierte Umfrage ist nicht die einzige, die eine sinkende Moral bei der Bevölkerung Russlands feststellt. Eine Umfrage des Exilportals meduza.io zeigt ähnliche Ergebnisse zur kriegsmüden Stimmung in Russland. (spr)

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