Krieg des Monotheismus

Von der Unfähigkeit, sich als Zivilisation auszubreiten: Der Westen befindet sich in einem Kampf gegen sich selbst / Von Jean-Luc Nancy

Alle politischen, ökonomischen, moralischen und diplomatischen Kommentare zum Krieg in Irak sind abgegeben und bekannt. Ich möchte mich daher auf die Vorstellung konzentrieren, die den Horizont dieses Krieges bildet - dieses Krieges, der in allen möglichen Formen stattfindet, ob die Feldeinsätze offen in Gang gesetzt werden oder nicht, ob in Irak, in Afghanistan, in Palästina oder anderswo. Diese Vorstellung ist die eines "Kriegs der Zivilisationen".

Selbst wenn diese These in Büchern und Artikeln diskutiert und haargenau untersucht worden ist, bleibt es dabei, dass das Bild, das die öffentliche Meinung bestimmt, dieser Idee mehr oder weniger entspricht. Nun ist diese aber zugleich falsch und richtig. Sie ist insofern richtig, als es fortwährenden Krieg zwischen zwei Zielvorstellungen über die Herrschaft der westlichen Welt in einem weiten Sinne des Wortes gibt. Dieser fortwährende Kriegszustand folgt auf denjenigen, den man den Kalten Krieg nannte. Das bedeutet außerdem, dass ein und dieselbe westliche Welt sich im fortwährenden Zustand eines inneren Krieges befindet, der seit dem offenen Konflikt im Jahr 1914 nicht mehr der alte Krieg souveräner Staaten ist.

Seit ungefähr einem Jahrhundert ist die Epoche vorbei, in der diese Welt den wechselseitigen Beziehungen der "Mächte" unterlag, die sie seit langem geordnet hatten. Es hat sich ein verallgemeinertes inneres Chaos herausgebildet, das mit einer Auflösung jeglichen Gleichgewichts einhergeht und zugleich mit einer tendenziellen Auslöschung ihrer Differenz als Westen im Rahmen des Prozesses ihrer eigenen Globalisierung.

Dies verbietet es, von einem "Krieg der Zivilisationen" zu sprechen, als ob die westliche Zivilisation einer anderen, arabisch-orientalischen, die Stirn böte. Der begonnene Prozess ist ein Prozess im Inneren der westlichen Zivilisation. Sie selbst zerreißt sich, nachdem sie in sich selbst eine Situation hervorgerufen hat, die die Teile des alten Europas destabilisiert. Sie produziert auf der einen Seite die amerikanische Übermacht, auf der anderen das schwerwiegende Identitätsdefizit Europas, und sie bringt unübersehbar den Widerspruch ans Licht zwischen ihrem Anspruch auf eine rational-moralische Universalität (Wissenschaft und Demokratie) und der schreienden Ungerechtigkeit der Situationen, die durch ihre eigene Herrschaft geschaffen werden.

Allerdings haben die herrschenden Klassen oder Kasten der früher kolonisierten Länder oft alles unternommen, um die Kolonialrenten endgültig zu ihrem Vorteil zu verewigen; zugleich haben sie die neuen Renten hinzugefügt (speziell die aus dem Öl), die sich aus den technischen und ökonomischen Veränderungen ergaben. Dies verschärft dadurch die Phänomene der Ungerechtigkeit und der ökonomischen und kulturellen Unterschiede, dass sich Oligarchien, Clans und mafiöse Mächten entwickeln, die ihren eigenen Völkern schaden, indem sie bei ihnen den Glauben an eine mutmaßliche Autonomie aufrechterhalten, die tatsächlich nur den Autismus dieser Potentaten verdeckt.

Dieses Phänomen selbst enthüllt aber die Unfähigkeit der westlichen Zivilisation, anderes zu machen, als zum einen ihre Herrschaft, zum anderen ihre Ideale oder ihre Normen und dabei zum Dritten eine wachsende Unfähigkeit auszubreiten, die eine mit den anderen dialektisch zu vermitteln. In Wahrheit enthüllt diese Zivilisation ihre Unfähigkeit, sich als Zivilisation auszubreiten. Sie breitet ihre eigene Implosion aus. Ebenso könnte man in einer weit hergeholten Analogie sagen, dass das Chaos und die inneren Unruhen des römischen Reiches im Raum der pax romana die Gärstoffe der Auflösung und des Konfliktes verbreiteten. Nichts ist symptomatischer für diesen Stand der Dinge als die religiöse Vorstellung. Von einer Seite her taucht eine Karikatur des Islam auf, in der die seichtesten Züge der beschränktesten und naivsten Aspekte von dessen Tradition (die sich durch die gesamte Geschichte des Mittelmeerraumes gezogen hat) in Wundstarrkrampf-Steifheit erstarrt sind, von der anderen Seite will ihm die Zuversicht eines nicht minder naiven Moralismus antworten, der "in God we trust" den Rückhalt gibt, der notwendig ist, damit die Freiheit herrschen kann. Gleiches bietet hier Gleichem die Stirn. Ohne Zweifel überrascht nicht im Geringsten, dass man den ältesten der drei Götter des Monotheismus in die Auseinandersetzung verwickelt findet, die im Zusammenhang Israels alle selbstzerstörerischen Virtualitäten dieses Komplexes auskristallisiert. Der Monotheismus stellt die Einheit und den inneren Widerspruch dieser Zivilisation im Krieg gegen sich selbst dar.

Er stellt diese Schizophrenie gut dar, weil er sie als Vermögen in sich trägt - auch wenn er zugleich deren Infragestellung hervorrufen können muss. Dieses Vermögen ist das des Universalitätsanspruchs, der notwendig den Willen zur Herrschaft und zur Normalisierung nach sich zieht, sofern er nicht auf seine tiefste Wahrheit zurückgeführt wird. Diese Wahrheit ist keine andere als diese: Das Universelle kann nicht in Form einer Anwesenheit gegeben werden. Wenn der "eine und einzige Gott" als anwesender gegeben wird (in einem Namen, einer Doktrin, einer Macht), so ist er im selben Augenblick weder einer und einziger noch "Gott". Der sehr bemerkenswerte Umstand ist dabei, dass jedes große Denken dies in den unterschiedlichen Traditionen innerhalb des Monotheismus gewusst hat. Die großen Mystiker, die großen Theologen und die großen Philosophen haben alle zumindest diese Wahrheit geteilt, die die Wahrheit über die Wahrheit ist: dass man sie weder darstellen noch sich aneignen kann.

Eben dies steht im Widerspruch zu jedem Anspruch, eine Instanz der Universalität zu identifizieren. Und eben dies garantiert den Krieg, sobald ein solcher Anspruch erhoben wird. Nun wird er unvermeidlich erhoben, sobald man versucht, das Universelle zu identifizieren. Die Ambiguität unserer gesamten Zivilisation hat ihren Platz zwischen dem Willen zu dieser Identifikation und dem Wissen von deren radikaler Unmöglichkeit. Der einzige Punkt, an dem sich diese Ambivalenz auflöst, ist der Punkt, an dem das Universelle sich in der anonymen Form des allgemeinen Äquivalents darstellt: das heißt in der Geldform des Wertes, um es in den Begriffen von Marx zu sagen. Der Krieg des Monotheismus ist der Krieg, der dem "Wert" inhärent ist, insofern er keinen darstellbaren Wert außer seiner eigenen unendlichen Reproduktion hat. Er findet ziemlich genau an der Stelle statt, wo dem Denken von Marx zufolge die Revolution, das heißt genau die Umkehrung dieser Abstraktion des Wertes, möglich, wenn nicht gar notwendig ist.

Man wird mir sagen, dass ich sehr weit in meiner Spekulation über die drohenden Realitäten des Krieges gehe. Ich bin aber überzeugt, dass dieser Krieg das Schicksal einer Zivilisation ist, die ihre eigene Grenze berührt. Er kann nur in einer Änderung der Zivilisation enden. Diese kann drei Formen haben: entweder die Verschiebung der Pole der Zivilisation (wenn es möglich ist, dass aus Asien, Afrika oder Lateinamerika andere Pole auftauchen) oder die Verschärfung der identitären, nationalistischen oder ethnischen, regionalistischen oder Clan-Erscheinungen in der gesamten europäisch-mediterranen Welt (dieses zweite Resultat kann das erste begleiten als seine dunkle Seite und wie der Schiffbruch der Vergangenheit) oder aber die von dieser selben Welt gemachte Erfindung einer neuen Art des Bezugs auf den Wert, das Absolute oder die Wahrheit. Einer Art, der es gelänge, die Erschöpfung aller Vorstellungen des Wertes zur Kenntnis zu nehmen - des Menschen, der Vernunft, des Rechts, der Wissenschaft, Gottes, der Geschichte etc. - und auf eine andere Weise das Motiv des Universellen neu zu begreifen. Damit dasselbe aufhört, demselben die Stirn zu bieten, gibt es nur ein Mittel: dass es anders als es selbst wird.

Jean-Luc Nancy ist Professor für Philosophie an der Universität Straßburg. In deutscher Übersetzung ist von ihm zuletzt erschienen: "Corpus" (diaphanes). Aus dem Französischen von Nikolaus Müller-Schöll.

Dossier: Krieg gegen Irak?

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