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In Suweida, einer Hochburg der drusischen Minderheit, sprengten sich Selbstmordattentäter in die Luft.

Syrischer Bürgerkrieg

Der Krieg in Jabr Akels Kopf

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In Sicherheit in Deutschland muss eine syrische Familie via Handy mitansehen, wie die IS-Miliz zu Hause Freunde und Verwandte terrorisiert. Sie sind Drusen. Die Minderheit steht zwischen Regime und Islamisten.

Als sich Jabr Akel am Abend des 24. Juli ins Bett legt, ist er glücklich: Neben ihm schläft seine Frau, ein Zimmer weiter liegen Tochter und Sohn in einem Stockbett. Drei Jahre lang war die Familie getrennt.

Drei Jahre, in denen der Syrer sich über den Balkan nach Deutschland durchschlug, dann von einer Unterkunft zu nächsten wechselte, Deutsch lernte und einen Job fand. Drei Jahre, in denen seine Frau in ihrer südsyrischen Heimat die Kinder großzog und jeden Tag erleichtert war, wenn sie unverletzt von der Schule nach Hause kamen. Drei Jahre, in denen sie alle jeden Tag auf die rettenden Zeilen hofften: Sehr geehrter Herr Akel, Ihr Antrag auf Familiennachzug wurde bewilligt.

Anfang Juli in diesem Sommer war es so weit.

Jabr Akel lächelt, wenn er von den ersten gemeinsamen Tagen nach dem Wiedersehen erzählt. Der 40-Jährige mit grauem Kurzbart und kariertem Hemd sitzt in einem wuchtigen Sessel im Wohnzimmer der Dreizimmerwohnung, die die Familie mit Hilfe von Unterstützern in der Nähe von Kassel gefunden hat. Seine Augen suchen den Blick seiner Frau. Sie lehnt im Türrahmen und diskutiert grade halblaut mit dem neunjährigen Sohn, der raus zum Spielen will. Ihr luftiges Blumenshirt ist der einzige Farbtupfer in der kargen, mit geschenkten Möbeln eingerichteten Wohnung. Kurz lächelt sie herüber. Akels achtjährige Tochter fläzt gemütlich auf dem Sofa und zieht Grimassen. Seine Frau und seine Kinder sollen nicht mit Namen genannt werden.

Dann spricht Akel vom 25. Juli. Noch schläfrig öffnet er seine Facebook-App, wie jeden Morgen will er die neusten Berichte aus seinem Heimatdorf erfahren. Akel stammt aus der Provinz Suweida im Süden Syriens – einer Hochburg der drusischen Minderheit. Auch seine Familie gehört der Gruppe an. An jenem Juli-Tag ist sein Postfach voll mit schrecklichen Nachrichten. Verwandte und Freunde teilen Videoschnipsel, berichten von Angriffen, von Toten, Verletzten. Langsam begreift Akel, was passiert ist: IS-Milizen haben in der Nacht mehrere Nachbardörfer überfallen. Sie ermordeten ganze Familien in ihren Betten und entführten mehr als 30 drusische Frauen und Mädchen. Einige Stunden nach den ersten Angriffen sprengen sich mehrere Selbstmordattentäter im Zentrum der Provinzhauptstadt in die Luft, mehr als 200 Zivilisten sterben.

Drusen als Assad-Unterstützer

Als Akel die ersten Nachrichten liest, morden die IS-Milizen noch immer. Fast in Echtzeit kriegt er mit, was geschieht. Die Details werden immer grausiger. Seine Stimme bebt, als er von Kindern erzählt, die sich in Wasserzisternen versteckt hätten.

„In Suweida bringen alle ihren Kindern bei, was sie tun sollen, wenn ein Angriff kommt. Es geht nicht anders.“ Ein Mädchen sei im Wasserspeicher ihres Hauses ertrunken. „Das ist immer noch besser, als wenn sie beim IS wäre.“

Bewohner aus anderen Dörfern eilen den Opfern zu Hilfe. Sie schießen aus Autos heraus auf die Angreifer. Die schießen zurück. Auch Akels Vater kämpft – und wird dabei schwer verletzt. Lungendurchschuss.

Akel stockt, die Augen sind gerötet, als er in seinem Wohnzimmer in Deutschland davon berichtet. „Es ist anstrengend, darüber zu reden.“

Warum will er dann erzählen? Jabr Akel nimmt sein Smartphone in die Hand, das neben ihm auf dem Tisch liegt. Ein paar Mal wischt er über das Display, dann zeigt er ein Bild, eine Art Fotocollage mit den blassen, ernsten Gesichtern mehrerer Frauen und Mädchen. Es sind die Geiseln des IS. Inzwischen sollen zwar schon einige Frauen wieder freigekauft worden sein, doch viele sind noch immer verschwunden.

IS-Kämpfer wurden nicht verfolgt

„Niemand, niemand hat den Drusen geholfen! Warum?“ Die Wut kocht in Akel hoch. Auf die internationale Gemeinschaft, die sich für das Schicksal der Drusen nicht interessiere. Auf die syrischen Muslime, die sich, wie er glaubt, heimlich über Angriffe auf die religiöse Minderheit freuten, weil sie in ihnen Assad-Unterstützer sähen. Am meisten aber auf Assad selbst.

Lange gab das Regime vor, Minderheiten zu schützen. Im Krieg aber instrumentalisiert es sie. Einen Beleg dafür sieht Akel darin, dass die Regimetruppen den Drusen erst viele Stunden nach den Angriffen zu Hilfe gekommen seien. Sie hätten IS-Kämpfer nicht verfolgt. Akel glaubt sogar, Assad habe die Angriffe auf die Drusen bewusst provoziert. Warum sonst hätte er den Islamisten nach einem Kampf nahe Damaskus erlaubt, sich in das Wüstengebiet bei Suweida zurückzuziehen? „Er wusste ganz genau, wie gefährlich das für die Drusen ist.“

Akel seufzt, steht langsam auf. Ein würziger Duft erfüllt die Wohnung. Seine Frau hat Fleisch-Kartoffel-Auflauf auf den Tisch gestellt. Dazu gibt es Reis, Joghurt in Schälchen, Salat und flache Brotfladen. Die Kinder häufen sich große Portionen auf die Teller, erzählen mit vollen Mündern. Ihr Vater dagegen sagt wenig, gedankenverloren schiebt er den Reis auf seinem Teller herum. Seit dem Angriff fällt es ihm schwer, sich auf den Alltag zu konzentrieren. „Im Kopf bin ich dort“, sagt er.

„Dort“, das sind die rauen Bergdörfer der Provinz Suweida, von denen er fürchtet, sie nie wieder zu sehen. Kalt sei es da, aber sehr schön. Bei uns gibt es ein Sprichwort, sagt Akel: „Fische können nicht außerhalb des Wassers leben, und Drusen können nicht außerhalb von Suweida leben.“

Die Religion habe in ihrer Gegend im Alltag keine große Rolle gespielt. „In Suweida haben Christen und sogar Juden gelebt.“ Mit ihrem Nachbarn, einem sunnitischen Muslim verstand sich die Familie gut. Akel legt seine beiden Zeigefinger nebeneinander: „Wir waren Brüder. Wir alle waren Syrer.“

Akel liebt Syrien – oder besser: das Syrien, für das er 2011 als einer der Ersten in Suweida auf die Straße ging. Er demonstrierte für einen säkularen Vielvölkerstaat, aber auch für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit – zu einer Zeit, als die meisten dort noch zu Assad hielten. Denn damals, vor sieben Jahren, ging es den Menschen einigermaßen gut in Suweida. Reich war die Gegend zwar nicht, aber es herrschte Frieden, ein brüchiger Frieden. „Was wir hatten, war eine Freiheit im Kleinen. Aber große Freiheit, politische Freiheit, die gab es nicht.“ Menschen wurden willkürlich eingesperrt, Kritik nicht geduldet. „Wer auch nur ein Wort gegen Assad gesagt hat, bekam Probleme. Wer Freiheit gefordert hat, bekam Probleme.“

Schon nach den ersten Protesten kommen Warnzeichen, Bekannte werden nach ihm befragt. Doch Akel wartet lange, hofft auf das, was viele Drusen fürchten: den Sturz Assads. „Aber stattdessen wurde er immer stärker.“ Zugleich muss Akel mitansehen, wie unter den Aufständischen radikale Islamisten die Oberhand gewinnen.

Die Schrecken des syrischen Bürgerkriegs 

Mitte 2015 kann er nicht mehr länger warten. Jemand gibt ihm den Tipp, dass er auf einer Art schwarzer Liste stehe. Heimlich organisiert er seine Flucht, nicht einmal seiner Frau erzählt er davon. Sie denkt zwar wie er, aber ihre Familie gilt als regimetreu. Er hofft, dass sie ohne ihn, den bekannten Dissidenten, weniger gefährdet ist, bis er sie nachholen kann. Eines Nachts im August 2015 schleicht er sich aus dem Haus. Erst einen Tag später ruft er seine Familie an, da ist er schon außer Landes. Zwei Monate darauf kommt Akel in Deutschland an.

Bei der Erinnerung an diesen Tag, an dem er nicht nur seine Familie zurückließ, sondern auch zum ersten Mal und – so fürchtet er – für immer Syrien verließ, kommen ihm wieder die Tränen. Seine Frau setzt sich auf seine Sessellehne, reicht ihm ein Taschentuch.

Jabr Akel schnäuzt sich, fängt sich, blickt auf die Kinder auf dem Sofa. Seine Tochter starrt aus dem Fenster. Der Sohn neben ihr drückt sein großes, gelbes Minion aus Plüsch fest an sich.

Eigentlich wollten Akel und seine Frau die Schrecken des syrischen Bürgerkriegs von den Kindern fernhalten, ihnen auch nichts von dem Angriff auf Suweida erzählen. Am Vormittag des Tages der Angriffe auf Suweida scrollt der Vater deswegen heimlich durch seinen Newsfeed, tippt hastig Nachrichten an seine Mutter ins Chatfenster. Doch es ist illusorisch, die Kinder abzuschirmen. Sie bekommen mit, dass jemand aus der Familie verletzt ist, fragen nach. Da erzählen ihnen die Eltern was passiert ist. „Sie haben den ganzen Abend geweint.“

Seitdem führt die Familie zwei Leben. Mit ihren Gedanken und Gefühlen sind sie in Syrien, in Deutschland versuchen sie, sich ein neues Leben aufzubauen. Jeden Morgen steht Jabr Akel auf, fährt mit dem Bus zur Arbeit bei einer Firma für Innenausstattung im Nachbarort. Seine Frau bringt die Kinder in die Grundschule, stellt drei Mal am Tag Essen auf den Tisch. In Suweida hat die studierte Soziologin mit autistischen Kindern gearbeitet. Hier in Deutschland beginnt sie bald einen Deutschkurs.

Sie versuchen, den Kindern Normalität zu ermöglichen. Sie sollen lernen, Pläne schmieden, endlich wieder nach der Schule im Freien spielen können. Tatsächlich wirken die beiden bis auf kurze Momente fröhlich. Sie poltern durch die Wohnung – aber psst, nicht zu laut, die Nachbarn untendrunter schauen immer so böse – und präsentieren stolz ihre neue Murmelsammlung. Durch das bunte Glas blinzeln sie in die Spätsommersonne.

„Kinder sind stark“, sagt Jabr Akel leise. „Sie vergessen schlimme Dinge schnell, wenn sie nicht immer wieder davon hören.“ Für sich selbst scheint er da wenig Hoffnung zu haben.

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