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Was braucht das russische Exil in Europa?

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„Nichts hindert Europa daran, aus der Gruppe der Exilanten Fürsprecher für die eigene Sache im zukünftigen Russland zu machen“: ein russischer Student und Kriegsdienstverweigerer im estnischen Narva.
„Nichts hindert Europa daran, aus der Gruppe der Exilanten Fürsprecher für die eigene Sache im zukünftigen Russland zu machen“: ein russischer Student und Kriegsdienstverweigerer im estnischen Narva. © Imago/Mauersberger

Wer Putins Diktatur hinter sich gelassen hat, benötigt Unterstützung in dieser schwierigen Zeit. Ein Gastbeitrag von Fjodor Krascheninnikow.

Wofür braucht Europa die Menschen aus Russland, die von Putin und dem Krieg weggegangen sind? Muss Europa sie nur aushalten oder sollten sie auch unterstützt werden?

Beginnen wir mit dem Wichtigsten: All diejenigen, die aus politischen Gründen vor Putin fliehen oder auch weil sie ihr früheres Leben nicht mehr leben können, sind Verbündete der europäischen Völker im Kampf um eine Zukunft, in der es keine Autokraten und von ihnen entfachten Kriege mehr gibt.

Berücksichtigt man alle Schwierigkeiten bei einem Umzug aus Russland nach Europa, die auch schon vor dem Krieg groß waren, sollten die Europäerinnen und Europäer wissen: Es gelang hauptsächlich den talentiertesten, aktivsten und motiviertesten jungen Leuten aus Großstädten wie Moskau, Sankt Petersburg, Jekaterinburg, Nowosibirsk und anderen Millionenstädten auszuwandern und in Europa zu bleiben. Diese Menschen gingen nicht, weil Europa ruhiger und wohlhabender ist, und schon gar nicht wegen sozialer Hilfen. Europa zog sie an, weil sie ihrem Lebensstil und ihren Werten nach Europäerinnen und Europäer sind.

Die EU-Staaten, die die Visa-Ausgabe verschärft haben, trafen höchstwahrscheinlich eben diese Menschen und nicht Putins Umgebung. Die Visabegrenzungen für alle Bürgerinnen und Bürger Russlands straft alle möglichen Menschen – nur nicht die Schuldigen für den Krieg. Sie fügen Putins Regime keinerlei Schaden zu. Dafür kann Putin, der der Jugend nichts außer dem Krieg anzubieten hat, die Reiseverbote für Russinnen und Russen nur begrüßen. Er hat ja immer schon gesagt, dass auf der ganzen Welt nicht er, sondern Russland und seine Bürgerinnen und Bürger gehasst würden, also hatte er Recht, behauptet jetzt wieder die Propaganda.

Indem er die europäisch gesinnte Jugend aus dem Land quasi herausdrängte, hat Putin die Zukunft Russlands in die Hände des Westens gelegt. Es hängt von den europäischen Eliten, europäischen Regierungen und der europäischen Bevölkerung ab, ob sie den Nutzen dieser Situation begreifen.

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Einige der Ausgewanderten werden nicht mehr nach Russland zurückkehren, besonders wenn niemand sie dazu motiviert. Aber einige kehren auf jeden Fall zurück, sobald es kein Risiko mehr gibt, ins Gefängnis oder an die Front zu kommen. Wenn Europa ein normales, demokratisches, europäisches Russland nach Putin erleben will, dann müssen die entsprechenden Schritte dafür jetzt getan werden: Wer die Putinsche Diktatur hinter sich gelassen hat, braucht Unterstützung in dieser schwierigen Zeit, braucht Bildung, muss lernen, wie eine Demokratie und soziale Marktwirtschaft funktionieren. Die Hilfe für die Exilantinnen und Exilanten ist nötig, damit sie später dieses Wissen nach Russland tragen können, wenn Putins Regime zusammenbricht.

Doch nicht nur das Wissen allein, sondern auch Kontakte zu europäischen Strukturen, Politikerinnen und Politikern, aber auch Dankbarkeit für die Hilfe in schwierigen Zeiten sollen diese Menschen nach Russland bringen.

Wichtig ist, dass die Hilfe des Westens nicht nur den bekannten Individuen und Gruppen aus Russland zugutekommt, die sowieso schon viel Aufmerksamkeit genießen. Sondern den vielen aktiven politischen Exilantinnen und Exilanten, die sich an Ideen und nicht an Anführern orientieren sollten. Nach Putin sollte Russland nicht etwa einen neuen Führer bekommen, sondern eine breite Palette an Meinungen, Ideen und Parteien, die miteinander im Parlament konkurrieren.

Es ist wichtig für das Wohl der Allgemeinheit, den politischen Aktivistinnen und Aktivisten zu helfen, ihre Individualität zu erhalten, sich selbst als politische Kraft zu begreifen und sie theoretisch und praktisch zu unterstützen.

Nichts hindert Europa daran, aus der Gruppe der Exilanten Fürsprecher für die eigene Sache im zukünftigen Russland zu machen. Denn diejenigen, die diese Zukunft gestalten werden, sind jetzt auf den Straßen Europas zu finden. Politische Arbeit mit ihnen ist ein umfassendes und bedeutendes Projekt, das ein Fundament für eine glücklichere Zukunft sein könnte.

Fjodor Krascheninnikow ist ein russischer politischer Analyst und Publizist. Er lebt seit 2020 in Litauen – in Russland wurde er zum „ausländischen Agenten“ erklärt.

Übersetzung: Viktor Funk

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