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Krieg in der Ukraine: Moldau sitzt auf gepackten Koffern

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Von: Thomas Roser

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Blick auf die Hauptstadt Chisinau. Viele Menschen verlassen das Land, um ihr Glück woanders zu suchen.
Blick auf die Hauptstadt Chisinau. Viele Menschen verlassen das Land, um ihr Glück woanders zu suchen. © PantherMedia / Eugeniu frimu

In Moldau befürchten viele Menschen, dass sich der Krieg in der Ukraine auf ihr Land ausweitet. Moldau hätte Russland nicht viel entgegenzusetzen, glauben Fachleute.

Ihr erster Weg nach Kriegsausbruch führte Cezara ins Tiergeschäft. „Als ich von dem Angriff auf Kiew hörte, kaufte ich mir sofort eine Tragebox für meine Katze“, erzählt die Studentin im „Tucano“-Café in der moldauischen Hauptstadt Chisinau. „Damit ich mit Margret sofort weg kann, wenn es sein muss.“

Neun Jahre war die heute 23-jährige Moldauerin alt, als ihre Mutter nach Italien zog. 14 Jahre war sie, als ihr Vater nach Polen auswanderte. Sie sei in dem Emigrationsland keineswegs ein Einzelfall, sagt die bei ihren Großeltern aufgewachsene Cezara. „In meiner Klasse gab es fast nur Kinder, von denen mindestens ein Elternteil im Ausland lebte.“ Nun ist es der Krieg, der die junge Frau bereits länger gehegte Auswanderungspläne konkretisieren lässt.

„Fast jeder meiner Freunde hat einen Plan B“, berichtet Cezara und nippt nachdenklich an ihrem Kaffee. „Wenn die Russen Kiew und Odessa einnehmen, stehen sie vor unserer Tür. Wir haben keine richtige Armee. Wer sollte sie davon abhalten, uns auch noch einzusacken?“ Die meisten ihrer jüngeren Landsleute trügen sich ohnehin mit Emigrationsgedanken, sagt sie. „Die werden jetzt nur konkreter. Wenn der Krieg auch nach Moldau kommen sollte, sind die Jungen sofort weg.“

Krieg in der Ukraine: In Chisinau herrscht Betriebsamkeit

Es ist eine merkwürdig betriebsame Stimmung in Chisinau. Volle Tische in den Restaurants und ausgebuchte Hotels: Der Krieg in der Ukraine und der ungewohnt große Andrang von Flüchtenden, Angehörigen von Hilfsorganisationen, Diplomatinnen und Journalisten hat die Zimmerpreise in astronomische Höhen schnellen lassen. Der Außenminister der USA und seine deutsche Kollegin waren schon da. Andere werden noch kommen. Doch während Spitzenpolitiker:innen aus aller Welt sich im sonst kaum frequentierten Chisinau derzeit die Klinke in die Hände geben, ist bei immer mehr Einheimischen Kofferpacken angesagt.

„Manche, die ihr Geld und ihre Geschäfte in ein anderes Land transferieren können, sind schon gegangen. Und der Krieg könnte die Abwanderung noch beschleunigen“, sagt in seinem Büro Arcadie Barbarosie, der Direktor des renommierten Instituts für öffentliche Politik. „Die Leute haben Angst. Denn wenn der Krieg an unsere Grenzen gelangt, wird er sicher nicht am Dnister im Osten, sondern an der rumänischen Grenze am Pruth im Westen stoppen. Das wäre für uns sehr schwierig.“

Eigentlich decke Rumäniens Raketenschirm auch Moldau ab, so Barbarosie. „Aber ich bin mir keineswegs sicher, ob Rumänien uns schützen würde. Wenn allerdings irgendeine Art von Angriff auf Rumänien erfolgen sollte, würde das den Kriegseintritt der Nato bedeuten. Die würde in diesem Fall auch uns schützen – wenn es dann überhaupt noch irgendetwas zu schützen gäbe.“

Krieg in der Ukraine: Transnistrien träumt vom Anschluss an Russland

80 Kilometer weiter im Osten scheint in Tiraspol die Sonne über den trägen Fluten des Dnister – und auf die Gedenktafeln für die Toten der Stadt im Zweiten Weltkrieg, im sowjetischen Afghanistankrieg (1979-1989) und im Transnistrienkrieg 1992. „Ewiges Gedenken für die glorreich Gefallenen“, steht dort.

Nach Moldaus Unabhängigkeit 1991 hatte sich der mehrheitlich russophone Landstrich östlich des Dnister vom überwiegend rumänischsprachigen neuen Staat in einem kurzen, aber blutigen Krieg abgespalten. Die faktische Unabhängigkeit des 470 000 Seelen zählenden Transnistrien erkennt international zwar niemand an. Doch der Parastaat wird von Moskau schon seit seiner Gründung gestützt. Noch immer sind 1200 russische Soldaten als „Friedenstruppen“ in Transnistrien stationiert.

Rote Sterne zieren die Eingänge der russischen Kasernen am Ortseingang von Tiraspol. Als wäre die Zeit stehengeblieben, thront Lenin auf dem Denkmalsockel. Weltraumpionier Juri Gagarin grüßt überlebensgroß von einer Häuserwand. Die Sowjet-Insignien Hammer und Sichel haben zumindest auf der transnistrischen Flagge überlebt. Außer den Flaggen Russlands und Transnistriens hängen neben dem Reiterstandbild auch die Fahnen anderer nicht anerkannter Staaten wie Ossetien, Abchasien, Luhansk und Donezk im Wind. Mit dem Ukraine-Krieg scheint die Erfüllung des transnistrischen Traums vom Anschluss an Russland erstmals näher zu rücken.

Krieg in der Ukraine: Sorgen um die Armee Moldaus

Die Zeiten des Slalom-Fahrens auf der Dnister-Brücke sind vorbei. Ausgerechnet kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs wurden laut Barbarosie die 1992 installierten Betonblöcke auf der Brücke entfernt. „Ich vermute mal, damit auch Panzer über die Brücke rollen können“, sagt er.

Dennoch sei kaum mit einem Szenario wie zu Beginn des Ukraine-Kriegs zu rechnen, als die Separatisten in Donezk und Luhansk Moskau um militärische Hilfe baten. Wenn Transnistrien Russlands Präsidenten Wladimir Putin um Hilfe rufen sollte, würde es von der Ukraine und Moldau in die Zange genommen. „Das Regime in Tiraspol dürfte sich darum erst den Russen anschließen, wenn die hier sind“, glaubt Barbarosie.

Nein, sie habe keine Angst, dass der Krieg nach Transnistrien kommen könnte, versichert unweit der Festung in der Stadt Bender eine Dame. „Die Leute kümmern sich sehr um die Flüchtlinge aus der Ukraine, die nach Transnistrien kommen. Aber ich bin nicht beunruhigt, was die Entwicklung der Lage angeht.“ Auf die Frage hin, wie sie sich die wachsende Kriegssorge am moldawischen Westufer des Dnister erkläre, zuckt sie nur mit den Schultern: „Wir haben eben andere Medien – und Informationen.“

„Die Ukrainer verteidigen heute den Frieden von morgen“, sagt Ex-Verteidigungsminister Viorel Cibotaru.
„Die Ukrainer verteidigen heute den Frieden von morgen“, sagt Ex-Verteidigungsminister Viorel Cibotaru. © Thomas Roser

Den Transnistrien-Krieg erlebte Viorel Cibotaru als Soldat der moldauischen Armee. Heute listet der Direktor des Europäischen Instituts für Politikwissenschaften in Chisinau offen die lange Mängelliste der heimischen Streitkräfte auf. Zwar sei mittlerweile „eine große Zahl“ von Offizieren im Westen ausgebildet worden. Doch sei die Ausrüstung der 5500-köpfigen Armee völlig veraltet, es fehle an Munition, an allem. „Wir haben sechs MIG-29 und mehrere Transportflugzeuge, die nicht mehr flugfähig sind. Wir haben Helikopter, die verliehen sind. Wir haben praktisch keine Luftwaffe.“

Viel besser sei es allerdings auch nicht um die Ausrüstung der transnistrischen Armee bestellt – trotz ihrer Stärke von 7000 Mann und 18 betagten T64- und T72-Panzern. Zumindest auf beiden Seiten des Dnister sieht der ehemalige Verteidigungsminister durchaus ein militärisches Gleichgewicht. „Die Transnistrier haben keine Armee, um Moldau zu besetzen. Und Moldau kann Transnistrien nicht besiegen.“

Doch eine russische Spezialbrigade könne jede Verteidigung in Moldau brechen – genauso wie in Rumänien, ist Cibotaru überzeugt. Um dem Westen ein „härteres Signal“ zu schicken, wäre Moldau trotz Neutralität ein ideales Ziel. „Denn Moldau ist schwach und kann nicht reagieren.“

Krieg in der Ukraine: Es gehe Putin nicht um die Ukraine an sich, sagt ein Ex-Minister

Die russische Armee könnte das Land selbst ohne eine Invasion einnehmen. „Sie könnten zum Beispiel nach dem Krim-Modell erst einmal 3000, 4000 Leute auf die Straße schicken, um sie gegen die Regierung, gegen die Nato, Flüchtlinge oder sonst etwas demonstrieren zu lassen. Drei, vier Luftschläge auf Kommandoposten, um Panik zu schaffen, wären danach genug. Denn es gibt hier genügend Leute, die bereit sind, mit den Russen zu kooperieren.“

Zur Einnahme Moldaus wäre seiner Meinung nach auch keineswegs eine Eroberung des nur 50 Kilometer entfernten Odessa notwendig: „Wenn die Russen von Mikolajiw nach Transnistrien einen Korridor schaffen, haben sie die Ukraine auch so fast vollständig vom Schwarzen Meer abgeriegelt“, sagt Cibotaru.

Doch letztendlich gehe es Putin weder um die Ukraine noch um Moldau, sondern um eine neue Ordnung in Europa: „Wenn sein geplanter Blitzfeldzug in der Ukraine Erfolg gehabt hätte, würde er jetzt schon die Nato im Baltikum, Polen oder Rumänien herausfordern, davon bin ich überzeugt. Doch alle seine Spielchen wurden von der Courage der Ukrainer durchkreuzt: Sie verteidigen heute wirklich den Frieden von morgen.“

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