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Ukraine-Krieg: „Wäre gut für Debatte, wenn beide Seiten abrüsten“

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Von: Bascha Mika

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Sind Waffenlieferungen ethisch zu rechtfertigen?
Sind Waffenlieferungen im Ukraine-Krieg ethisch zu rechtfertigen? © AFP

Friedensethik im Wandel: Theologe Peter Dabrock spricht über Pazifismus in Kriegszeiten, die Logik der Abschreckung und die Rechtfertigung für Tötung eines Tyrannen.

Herr Dabrock, „Gott befiehlt Krieg, um den Stolz der Sterblichen auszutreiben, zu zerschmettern und zu unterwerfen.“ Das schrieb im 5. Jahrhundert der Kirchenvater Augustin und fand Krieg deshalb nicht schlecht. Und Sie?

Ich halte es mit der ersten Vollversammlung des Weltkirchenrates 1948 in Amsterdam: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Allerdings kommt jetzt das „Aber“: Der Mensch ist ein krummes Holz, einer, von dem Luther gesagt hat, dass wir den „alten Adam“ bis an unser Lebensende täglich „ersäufen“ müssen. In der Spannung zwischen der nüchternen Einschätzung, wozu Menschen in der Lage sind, und dem Willen Gottes zum umfassenden Frieden müssen wir unser Leben mit anderen in gerechten Institutionen leben und dabei versuchen, Gewalt zu minimieren.

„Die klassischen Friedensethiken greifen nicht mehr“, meinten Sie kürzlich in einem Interview. Waren es nur Schönwetter-Ethiken, die im Ernstfall wie dem Ukraine-Krieg nicht mehr gelten?

Ich will es erklären. Diejenigen, die glauben, dass der friedensethische Impuls real- und auch geopolitisch 1:1 umzusetzen ist, springen meiner Ansicht nach zu kurz. Aber diejenigen Positionen, die mit diesem Impuls ein Signal setzen wollen, dass Gewalt nicht der richtige Weg zur Friedenssicherung ist und damit ein großes „Trotzdem“ in die Gesellschaft werfen, haben eine ganz wichtige Funktion. Ihre Intervention ist absolut nötig in einer Zeit, in der auch nüchterne Wissenschaftler als erstes sofortige Waffenlieferungen fordern.

Theologe über Ukraine: „Haben in Europa seit 2. Weltkrieg keinen derartigen Krieg mehr erlebt“

Demnach schließen auch Sie sich dem Gerede von der Zeitenwende an, ab der nichts mehr ist, wie es vorher war?

Von ‚Gerede‘ würde ich nicht sprechen: Wir haben in Europa seit dem Ende des 2. Weltkriegs keinen derartigen Angriffs- und Vernichtungskrieg mehr erlebt. Die Friedensethik, wie sie sich in der Bundesrepublik mit Blick auf die Wiederbewaffnung, den Vietnamkrieg oder den Nato-Doppelbeschluss entwickelt hat, gab wichtige Impulse. Aber sie wurde nicht existenziell herausgefordert, wie es jetzt der Fall ist...

... im Gegenteil. Noch nie zuvor wurde diese Überzeugung so herausgefordert und auf ihre Tauglichkeit hin abgeklopft.

Ich verstehe diesen Einwand sofort. Es geht auch um die Weitung des Möglichkeitsraums – also, was kann man noch machen? Die Auseinandersetzung mit dem Ukraine-Krieg erschöpft sich ja nicht bei der Frage nach Waffenlieferungen ‚ja‘ oder ‚nein‘. Wenn es nicht eine pazifistische, friedensethische Position gäbe, die Sand ins Getriebe wirft, würden wir unserer Verantwortung gegenüber der Ukraine, Europa, unseren Verbündeten, aber letztlich auch gegenüber Russland nicht gerecht.

Die Friedensethik ist also nicht gescheitert, wie in vielen verbalen Schützengräben behauptet wird?

Wenn man sie in diesen unglaublich wichtigen gesellschaftlichen Diskurs zum Ukraine-Krieg einbettet, ist sie nicht gescheitert. Sie ist aber auf den Boden der Tatsachen geholt worden, was ihre unmittelbare Anwendung angeht. Zudem wäre es gut für die gesellschaftliche Debatte, wenn beide Seiten abrüsten würden. Sowohl die einen, die sich auf die Seite des ersten offenen Briefes gegen Waffenlieferungen stellen und die Gefahr eines Atomkriegs betonen, als auch die anderen, die sich ungefragt bisweilen zum Generalfeldmarschall aufspielen.

Theologe über Krieg: „Auch der Frieden muss aktiv vorbereitet werden“

Wie sähe denn eine ethische Rechtfertigung für Krieg aus?

Das ist die Frage nach dem Gerechten Krieg. In diesem Zusammenhang gibt es eine große Debatte innerhalb der Evangelischen Kirche, ob die Friedensdenkschrift von 2007 noch aktuell ist. Deren Hauptpointe besteht darin, dass die bis auf Cicero und dann Augustin zurückgehende Lehre vom Gerechten Krieg umrahmt werden soll von der Vorstellung eines gerechten Friedens. Bevor ich also über den gerechten Krieg rede, möchte ich ihn einbetten in die größere Konzeption des gerechten Friedens. Es müssen alle friedlichen Mittel ausgeschöpft werden, bevor man einen Kriegsgrund erkennen kann. Zudem darf es nicht nur um die Vorbereitung des Krieges durch Abschreckung gehen, auch der Frieden muss aktiv vorbereitet werden.

Was angesichts der Lage in der Ukraine derzeit überhaupt keine Option zu sein scheint.

Auch wenn man die umfassendere Vision vom gerechten Frieden aufrechterhält, gibt es Situationen, in der Gewalt ein hohes Maß an Legitimation hat. Nachdem Wladimir Putin alle Kriterien des „Rechts zum Krieg“ und „des Rechts im Krieg“ verletzt hat, ist es von Seiten der Ukraine und ihrer Verbündeten ein legitimer Krieg.

Wird die Freiheit des Westens in der Ukraine verteidigt?

Hm, ich zögere, weil ich das als Erstes weder bejahen noch negieren würde. Zunächst geht es doch darum, dass die Ukrainer sich selbst und ihre Freiheit verteidigen. Sonst instrumentalisieren wir diesen Kampf und funktionalisieren die Menschen dort zu unserem eigenen Zweck. Wenn wir aber von einer komplexen Weltgesellschaft sprechen, von der Einbettung in eine globale Architektur – ja dann muss ich schon sagen, dass es in der Ukraine auch um unsere Freiheit geht.

Theologe über Ukraine-Krieg: Frage nach Wehrpflicht „wahnsinnig schwer“

Wir bewundern alle den Verteidigungswillen der Bevölkerung, es gibt sehr viele Ukrainer, die freiwillig in den Kampf gehen. Aber entscheiden können die Männer im wehrfähigen Alter das nicht, sie müssen im Land bleiben und im Zweifelsfall kämpfen. Ist diese Maßnahme legitim?

Puh, das ist eine wahnsinnig schwere Frage. Ich selbst hatte als Theologe das Privileg, weder zum Wehrdienst noch verweigern zu müssen. Das fand ich zunächst prima. Aber im Laufe meines Studiums wurde mir klar, dass dies ein parasitäres Verhalten ist, ich wollte meinen Dienst am Gemeinwesen leisten. Mir war ziemlich schnell klar, dass ich verweigern werde und habe dann meinen Zivildienst als Rettungssanitäter gemacht.

Mehr als dreißig Jahre später bin ich mir unsicherer geworden, ob diese Entscheidung richtig war. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Angesichts dessen, dass die Ukraine vernichtet werden soll, verstehe ich die politischen Entscheider, wenn sie alle Kräfte mobilisieren und rekrutieren wollen. Ich kann mir kein Urteil darüber anmaßen, ob es nicht sinnvoll wäre, auch eine Option für den Dienst ohne Waffen, der aber dem Land nützt, zu schaffen.

Zur Person

Peter Dabrock, geboren 1964, ist Professor für Systematische Theologie (Ethik) an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. 2012 bis 2020 war er Mitglied des Deutschen Ethikrates, den er von 2016 bis 2020 leitete. Seine Forschungsschwerpunkte sind sozial-, bio- und technikethische Fragestellungen. mik

Hierzulande zeigen Umfragen, dass die Menschen selbst in der globalen Finanzkrise nicht so besorgt waren wie jetzt. Wie würden Sie die Stimmungslage der Nation beschreiben?

Wir sind aus einem Schlummerschlaf der Bequemlichkeit brutal herausgerissen worden ...

... aber das doch schon durch die Pandemie ...

Nein, glaube ich nicht. Corona war zwar ein böses Erwachen, aber inzwischen reicht die Verunsicherung tiefer. Uns kommt zu Bewusstsein, dass wir wieder einen Feind haben – und das Wort zu gebrauchen, fällt mir schwer. Und der ist uns, was die Entfernung angeht, sehr nahe gerückt. Das ist die Verunsicherung von außen. Hinzu kommt die Verunsicherung von innen, nämlich die Angst vor einer galoppierenden Inflation. Wir sind eine Sparernation und fürchten, dass unser mehr oder weniger vorhandener Wohlstand den Bach runtergeht und gefressen wird. Diese Ängste sind ein qualitativer Sprung gegenüber Corona.

Über Jahrzehnte war es für Deutschland selbstverständlich, internationale Stärke nicht mit militärischer Schlagkraft gleichzusetzen. Nun bestimmen nur noch die Kritiker dieser Position die Debatte. Sind wir auf dem Weg in eine militarisierte Gesellschaft?

So würde ich es nicht sagen. Aber klar, alte Selbstverständlichkeiten sind obsolet, wir müssen uns in vielerlei Hinsicht neu erfinden. Stellen wir uns nur mal vor, Trump hätte die Wahl gewonnen, dann wären wir noch mal in einer anderen Not. Und auch weiterhin bleiben die USA ja ein unsicherer Kantonist. Deshalb müssen wir uns in Europa autarker machen ...

… Sie meinen durch Aufrüstung?

Es geht um eine europäische Sicherheitsstrategie samt militärischer Verteidigung. Auch angesichts des neuen Machtblocks aus China und Russland, die nichts zusammenhält außer der politischen Aversion gegen den Westen. Zudem zeigt Indien, ein Land mit mehr als einer Milliarde Menschen, durchaus Sympathien für die neue Konstellation.

Mit diesen drei Ländern hätten wir eine unfassbare ökonomische und politische Gegenkraft und ein neues Blockdenken, in dem unsere westlichen Vorstellungen von Zivilität und Liberalität so nicht gelten. Dieser potenziellen Gefahr muss man konstruktiv und präventiv begegnen. Dabei sehe ich als Verlust, dass wir im Blick auf das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Demokratie und Rechtsstaat keine Wehrpflicht mehr in Deutschland haben. Diese ist ein wichtiger Beitrag für die Einbindung des Militärs in die Gesellschaft.

Theologe über Ukraine-Krieg: „Vermisse Eingeständnis, dass eine stärkere Abschreckung kein Tugendakt ist“

Wieso sollte es konstruktiv sein, gegenüber diesem Drei-Länder-Block eine militärische Drohkulisse aufzubauen? Zumal Europa ja militärisch überhaupt keine Chance hätte.

Das ist zu schwarz-weiß gedacht. Wir müssen das eine tun und das andere nicht lassen. Wir brauchen die umfassende Vision einer Zivilität, die auf Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Gemeinsinn beruht. Und gleichzeitig – auch wenn ich es selbst erschütternd finde – kommen wir angesichts eines solchen Aggressors wie Putin nicht umhin, eine neue militärische Sicherheitsarchitektur mit der Nato aufzubauen.

Sie glauben an Abschreckung?

Ich glaube nicht an Abschreckung. Aber mit Luther gesprochen glaube ich, dass man die Mittel haben muss, damit ein Aggressor nicht alles an sich reißen kann, was er gern möchte. Auch die vorhin erwähnte Friedensdenkschrift spricht als ultima ratio von der rechtserhaltenden Gewalt. Die aber muss so viel Power haben, dass sie denjenigen abschreckt, der aktiv Gewalt ausüben will. Ich sage das nicht mit Hurra oder Kriegsgeschrei, sondern mit zerknirschtem Herzen.

Was an der Abschreckungsideologie allerdings nicht viel ändert.

Wie Dietrich Bonhoeffer, einer der eindrücklichsten Theologen des 20. Jahrhunderts, schrieb, bleibt nichts anderes übrig, als zwischen zwei Übeln zu wählen. Deshalb vermisse ich in der jetzigen Debatte das Eingeständnis, dass eine stärkere Abschreckung kein Tugendakt ist, sondern dass man es tut, um Schlimmeres zu verhindern – dabei aber mit Sicherheit auch Schuld auf sich lädt.

Theologe über Tyrannentötung: „Selbst wenn es richtig erscheint, dies zu tun, lädt man Schuld auf sich“

Die Aggression des Westens richtet sich vor allem gegen den Kriegstreiber Putin. Und nicht nur am Stammtisch, auch in den Feuilletons wird über „Tyrannenmord“ phantasiert. Wäre der zu rechtfertigen?

Dietrich Bonhoeffer musste diese Frage in Bezug auf Hitler für sich beantworten. Bonhoeffer hatte Kontakt zu pazifistischen Kreisen und fühlte sich einer christlichen Ethik verpflichtet. Und dann musste er einen Tyrannen erleben, der als Einzelperson die Geschicke und Geschichte lenkte und welche Bedeutung das Moment des Individuellen dabei hatte.

Was ja durchaus auch auf Putin zutrifft ...

Putin hat eine ganz herausragende Einzelbedeutung. Deshalb denken Menschen darüber nach, ob eine Tyrannentötung nicht moralisch geboten wäre – ein Mord wäre es ja nicht, weil der Tatbestand der Hinterhältigkeit und des niederen Beweggrundes fehlt. Sowohl völkerrechtlich als auch ethisch ließe sich nach Auffassung Vieler die Tötung rechtfertigen. Dennoch komme ich noch einmal mit Bonhoeffer und seiner großartigen Ethik. Bonhoeffer hatte sich entschieden, sich an einem Komplott gegen Hitler zu beteiligen. Doch er sagte: Selbst wenn es richtig erscheint, dies zu tun, lädt man Schuld auf sich. Dieser Ambivalenz müssen wir uns immer bewusst sein.

Interview: Bascha Mika

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