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Krieg im Naturparadies

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Von: Johannes Dieterich

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Maasai-Männer organisieren sich, um gegen die in ihren Augen unrechtmäßige Vertreibung zu demonstrieren. Tony KARUMBA/AFP
Maasai-Männer organisieren sich, um gegen die in ihren Augen unrechtmäßige Vertreibung zu demonstrieren. Tony KARUMBA/AFP © Tony KARUMBA/AFP

Tansanias Regierung will das Nomadenvolk der Maasai Serengeti umsiedeln – und stößt auf Widerstand.

Sie sind so weltberühmt wie die Löwen und Elefanten, mit denen sie ihre Heimat teilen. Mit ihren langen Speeren und den rot karierten Tüchern dürfen die Maasai auf keinem Touristenprospekt des bekanntesten Tierparks der Welt, der Serengeti, fehlen. Doch der tansanischen Regierung fallen die traditionsreichen Nomad:innen zunehmend zur Last: Nun sollen mehr als 150 000 Maasai umgesiedelt werden, weil sie angeblich den Naturschutz gefährden. Die Pläne der Regierung sorgen für immer heftiger geführte Proteste: Bei einer Konfrontation zwischen Angehörigen des Nomadenvolks und Bereitschaftspolizei kamen Anfang dieses Monats im östlich der Serengeti gelegenen Bezirk Loliondo zwei Personen ums Leben. Die Opfer: ein von Polizeikugeln erschossener Maasai und ein vom Pfeil eines Maasai getroffener Polizist.

Der Konflikt zwischen den legendären Viehhirten und der Regierung ist so alt wie die Serengeti selbst: Bei deren Gründung 1959, an der der Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek maßgeblich beteiligt war, wurde den Nomad:innen der Zugang zu dem Nationalpark von der Größe Schleswig-Holsteins verwehrt. Ihre Rinderzucht vertrage sich mit dem Schutz der wilden Natur nicht, hieß es zu Begründung.

Fünf Jahrzehnte später sollten sie auf ein weiteres ihrer Weidegebiete verzichten: Die Regierung stattete die in den arabischen Emiraten beheimatete Firma „Otterlo Business Corporation“ (OBC) mit einer Jagdlizenz für ein 1500 Quadratkilometer großes Revier östlich der Serengeti aus. Schon damals wurden Tausende Maasai aus dem Loliondo-Bezirk vertrieben, um den Ölscheichs die Großwildjagd zu ermöglichen. Allerdings zog eine neue Regierung die Lizenz acht Jahre später wieder zurück: Sie sei auf korrupte Weise zustande gekommen, hieß es. Nach einem weiteren Regierungswechsel wurde das heiße Eisen nun wieder aufgegriffen.

Anfang des Monats waren 700 Polizeikräfte in Loliondo aufgetaucht, um das Jagd-Revier mit Grenzpfählen abzustecken. Doch Maasai entfernten die Markierungen in der Nacht wieder. Daraufhin setzte die Polizei am Morgen des 10. Juni Tränengas und scharfe Munition ein: Nach Angaben der Londoner Organisation „Survival International“ wurde ein Maasai getötet und 31 Menschen angeschossen, über 20 Personen landeten im Gefängnis. Sie sollen des Mordes beziehungsweise der Beihilfe zum Mord angeklagt werden.

Das Vorgehen der Sicherheitskräfte stieß auch im Ausland auf Kritik. Die Polizeiaktion käme einer unter internationalem Recht verbotenen „Zwangsvertreibung“ gleich, heißt es in einer Stellungnahme von UN-Menschenrechtler:innen. Das „physische und kulturelle Überleben der Maasai“ werde „im Namen des ‚Naturschutzes‘, des Safari-Tourismus und der Großwildjagd“ aufs Spiel gesetzt.

Außer im Loliondo-Bezirk soll es auch im südöstlich der Serengeti gelegenen Schutzgebiet des Ngorongora-Kraters zur Umsiedlung von bis zu 70 000 Maasai kommen: Dort habe sich ihre Zahl in den vergangenen sechs Jahrzehnten von 8000 auf 100 000 mehr als verzwölffacht, heißt es. Vertreter der Maasai legten vor Gericht Einspruch gegen die Pläne der Regierung ein: Das für vergangene Woche angekündigte Urteil des ostafrikanischen Gerichtshof wurde aus nicht genannten Gründen auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Regierung mache ihnen das Leben schwer, klagen die dort ansässigen Maasai: Ihnen würden öffentliche Dienste wie Schulen und Sanitäranlagen vorenthalten, um sie zum Wegzug zu zwingen.

Die Vorgänge um die Serengeti haben unter Fachleuten eine heftige Debatte ausgelöst. Tansanias Regierung wird eine von den einstigen Kolonialherren übernommene „Festungs-Strategie“ vorgeworfen, indem die Naturparks für ihre menschlichen Bewohner:innen gesperrt würden. Naturschützer:innen plädieren zunehmend für eine integrative Strategie, bei der Menschen und wilde Tiere zusammen leben. Kein einfaches, aber angesichts der Forderung internationaler Naturschutzverbände, künftig 30 Prozent der Erde unter Naturschutz zu stellen, ein unerlässliches Unterfangen.

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