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Hagen 2015 auf dem Weg zur Preisverleihung in Oslo.

Friedensnobelpreis

Krieg bei den Friedensjuroren

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Oslo streitet vor der Verleihung der diesjährigen Auszeichnung erbittert über das Nobelkomitee.

So giftige parteipolitische Töne hat man von den Hütern des Friedensnobelpreises lange nicht gehört. „Blockiert ihr unseren Rechtspopulisten, werfen wir euren Sozialdemokraten raus.“ Vor der Verleihung der diesjährigen Auszeichnung an die Anti-Atomwaffenkampagne ICAN am Sonntag in Oslo sagt das so direkt zwar keiner. Stattdessen sprechen Taten: Um den Einzug des kontroversen Rechtspopulisten Carl I. Hagen in das Nobelkomitee zu verhindern, hat eine Parlamentsmehrheit gegen die Mitterechtsregierung vage Regeln verbindlich festgezurrt, und das auch noch im Eilverfahren: Mitglieder und Ersatzmitglieder im Osloer „Storting“ sind ab sofort vom Einzug in die fünfköpfige Jury mit der Entscheidung über den wohl prestigeträchtigsten Preis der Welt ausgeschlossen. Um die politische Unabhängigkeit zu sichern, hieß es.

„Alles vorgeschoben. Das ist gegen mich persönlich gerichtet“, ereiferte sich der Ex-Parteichef mit hochrotem Kopf in den Wandelgängen des Parlaments. Niemand konnte dem Ersatzmitglied im Parlament überzeugend widersprechen. Auch mit 73 kämpft Hagen um möglichst ununterbrochene öffentliche Aufmerksamkeit. In der eigenen Fortschrittspartei, von ihm ab 1978 als „Steuerrebell“ über drei Jahrzehnte geführt, ist er längst abgehalftert und mit seiner Nachfolgerin Siv Jensen, als Finanzministerin schon im fünften Regierungsjahr, so über Kreuz wie das Duo Seehofer&Söder.

Nobelglanz sollte jetzt den Karriereabschluss bestrahlen. Auch die Parteichefin nickte das ab. Damit schien alles geritzt, denn eigentlich entscheiden die Parteien jeweils souverän allein, wen sie nach einem Zahlenproporz entsprechend ihrer Größe in das Komitee entsenden.
Aber der Ruf „Hagen ist komplett ungeeignet“ stand über allen Kommentaren und schallte warnend durch das Parlament. Wer könnte von Hagen Kooperation und volle Diskretion bei der Auswahl aus jährlich 200 bis 300 nominierten Kandidaten erwarten? Gar nicht zu denken an das Ausbreiten interner Differenzen! Bei der endgültigen Abstimmung über neue Mitglieder am Freitag wollen die anderen Parteien für den nach wie vor kandidierenden Hagen sogar eine Ex-Ministerin aus den Reihen der Konservativen in das Komitee wählen.

Außenministerin bleibt der Verleihung fern

Als Platzhalterin, bis die Populisten jemand anderen vorschlagen. Hauptsache, das Komitee bleibt „hagenfrei“. Unerhört, meinen seine Freunde, und verlangen einen Unvereinbarkeitsbeschluss zwischen internationalen Topposten und Nobelkomitee. Der träfe den sozialdemokratischen Ex-Ministerpräsidenten Thorbjörn Jagland, seit 2009 Generalsekretär des Europarates. Diese Funktion und zugleich den Komiteevorsitz in Oslo hatte Jagland, als er 2012 den kontroversen Friedensnobelpreis an die EU durchdrückte. Wie sah es denn da mit der politischen Unabhängigkeit der Juroren aus, fragt nicht nur Hagens Lager.

Der Verleihung an die Atomwaffengegner am Sonntag bleibt Norwegens Außenministerin Ine Eriksen Søreide demonstrativ fern. Nicht wegen des Komiteegerangels, sondern aus Verbundenheit mit den Nato-Verbündeten USA, Großbritannien und Frankreich, deren Botschafter aus Verbundenheit mit der heimischen Atombewaffnung wegbleiben.

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