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Amerikanische Soldaten vor dem Dorischen Tempel im Gustavsgarten.

Bad Homburg

Krieg endet zur Mittagsstunde

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Am 30. März 1945 marschieren die Amerikaner in Bad Homburg ein. Dass sich das Taunusdorf zum Zentrum der amerikanischen Besatzungszone entwickeln sollte, kann an jenem Tag noch niemand ahnen. Ein Rückblick zum Jahrestag.

Sie mussten kommen. Irgendwann würden sie da sein. Am Mittwoch, den 28. März 1945, hatten amerikanische Truppen das nahe Frankfurt eingenommen, im umliegenden Hessenland wurde gekämpft. Die Einwohner von Bad Homburg – eine weitgehend männerlose Gesellschaft, bestehend aus Frauen und Kindern – verharrte in banger Erwartung der näher kommenden Frontlinie.

Seit dem Schreckenstag vom 8. März lagen große Teile des Stadtkerns in Trümmern, diverse Straßen waren wegen de Bombentrichter nur noch mit Mühe zu passieren. Kaum ein Tag, an dem Sirenen nicht vor Fliegerangriffen gewarnt hatten. Die Kurstadt war bereit. Kein Schuss, so berichten Chronisten, habe den Einmarsch der US-Soldaten gehemmt. Hier und da seien weiße Bettlaken aus den Fenster gehängt worden.

Der Karfreitag 1945 ist ein trüber Tag. Frühling liegt in der Luft. Am späten Vormittag ein Dröhnen vom Autobahnzubringer her: Gepanzerte Fahrzeuge nehmen Kurs auf die Stadt, gelangen über den Ring ins städtische Herz. Bereits am Tag zuvor, dem Gründonnerstag, haben sich die Amerikaner in Gonzenheim gezeigt.

Offiziell wird die Übernahme Bad Homburgs mit dem letzten Märztag: Eine plakatierte „Bekanntmachung an die Zivilbevölkerung“ reglementiert das alltägliche Leben. Deutsche Wehrmachtsangehörige müssen sich im Schlosshof zwecks „Eintragung“ melden, niemand darf fortan die Stadt verlassen, Waffen, Radiogeräte und Brieftauben sind unverzüglich abzuliefern. Eine Ausgangssperre erlaubt das Verlassen der Wohnräume ausschließlich von 7 bis 9 Uhr sowie zwischen 15 und 18 Uhr. Wilhelm Dreydoppel, der amtierende NS-Bürgermeister, wird von seinen Amtsgeschäften entbunden – kurze Zeit später übernimmt Georg Eberlein die Position an der Verwaltungsspitze.

Während die Neuordnung vor der Höhe in ruhigen Bahnen verläuft, kommt es jenseits der Saalburgkuppe zu letzten schweren Kampfhandlungen. Erbitterte Scharmützel werden aus dem Gebiet Schmitten gemeldet, wo sich deutsche und amerikanische Einheiten im Häuserkampf aufreiben. Tote und verletzte Dorfbewohner sind unter den Opfern. Geschützdonner auch in Rod an der Weil und Merzhausen. Am Nachmittag des Ostersamstags schlagen erste Granaten in der alten Kreisstadt Usingen ein.

Am Karfreitag, 10 Uhr, erscheinen US-Panzer in Wehrheim, ziehen sich nach Feuergefechten aber zurück in die Saalburgwälder. Nachts beziehen SS-Truppen im Ort Stellung, ein Teil der Bewohner sucht Zuflucht im Gemeindeforst. Artilleriefeuer zerstört am frühen Ostersamstag Scheunen und Häuser, zwingt das SS-Kommando zum Abzug. Am folgenden Tag ist der Krieg für die Wehrheimer vorbei, nachmittags alles in amerikanischer Hand. Dass sich das Taunusdorf zu einem der wichtigsten europäischen Depot-Standorte der US-Streitkräfte entwickeln sollte, konnte in jenen Stunden noch niemand ahnen.

In Bad Homburg quartiert sich die nun zuständige „Militärregierung“ in dem Kurvillen-Anwesen Kaiser-Friedrich-Promenade 76 ein. In schneller Folge werden Hunderte von Wohnungen und Häuser beschlagnahmt – die betroffenen Bürger müssen innerhalb weniger Stunden das Nötigste packen und ausziehen. Die umfassende Requirierung von Gebäuden weist auf Kommendes voraus: Bad Homburg wird neben Frankfurt am Main zum Zentrum der Amerikanischen Besatzungszone.

Nach und nach weichen die Kampftruppen, machen Platz für Besatzungs- und Verwaltungseinheiten. Enteignet – manche der Immobilien kommen erst Ende der 1950er Jahre wieder in Erbauerhand – werden Villen, Hotels, Fabriken, auch Kinos und Bäder. Nahe des Kurparks separieren die Weltkriegssieger zwei Wohnbereiche, die von deutschen Zivilisten fortan nicht mehr betreten werden dürfen. In „Haus Hohenbuchen“ wohnen General Dwight D. Eisenhower und die ihm nachfolgenden Zonenbefehlshaber.

Wohnraum muss zudem für Evakuierte und Heimatvertriebene zur Verfügung gestellt werden. „Zusammenrücken und sich bescheiden“ ist das Gebot der Stunde. Zu den Amerikanern bestehen schon bald herzliche Bande: Überbleibsel der Nazi-Ära wie Fahnen, Uniformen und Abzeichen lassen sich gegen Tabak und Kaffee eintauschen, Homburger „Fräuleins“ gewinnen die Herzen kampferprobter US-Boys. Das erste deutsch-amerikanische Frauentreffen sorgt später für weitere Annäherung. Im September 1945 nehmen die Schulen wieder ihren Betrieb auf – „unbelastete Lehrer“ gelten als gesuchte Leute.

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