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Die Müllhalden des Jemen und die Nahrungssuche dort befördern die Ausbreitung der Cholera.

Jemen

Krieg und Cholera

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Für die UN spielt sich im Jemen das „größte humanitäre Desaster der Gegenwart“ ab. Die Zahl der potenziell tödlichen Durchfallerkrankungen explodiert geradezu.

Im Jemen grassiert die derzeit schlimmste Cholera-Epidemie auf dem Globus. 200 000 Menschen haben sich in den letzten acht Wochen mit der lebensgefährlichen Durchfallkrankheit infiziert, die durch verseuchtes Wasser oder verunreinigte Lebensmittel übertragen wird. Erkrankte, die nicht behandelt werden, sterben binnen Stunden oder Tagen an einem dramatischen Flüssigkeitsverlust. Mindestens 1400 Menschen sind bereits Opfer der Seuche geworden, die sämtliche Regionen des Jemen erfasst hat. Jeden Tag stecken sich nach Schätzung der internationalen Helfer weitere 5000 Menschen an.

Bis Ende August rechnet Unicef mit mehr als 300 000 Erkrankten, die Hälfte von ihnen Kinder – für Geert Cappelaere, Unicef-Direktor für den Mittleren Osten und Nordafrika, eine „unglaublich schreckliche Situation“. Er habe noch nie einen Cholera-Ausbruch von solcher Rasanz gesehen, erklärte Cappelaere nach einen Besuch in der Hauptstadt Sanaa – „und das in einem Land, was durch den Krieg bereits mit der Gefahr einer Hungersnot kämpft und mit dem Kollaps seines Gesundheitssystems“. Zwei Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges ist ein Viertel der Bevölkerung stark unterernährt. Millionen haben keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser. Die Vereinten Nationen bewerten die Lage im Süden der Arabischen Halbinsel als „größtes humanitäres Desaster der Gegenwart“.

Denn der Bombenkrieg von Saudi-Arabien und den Emiraten geht mit voller Härte weiter. Zehntausende von saudischen Luftangriffen haben die Infrastruktur und das kulturelle Erbe des Jemen ruiniert. Immer wieder werden Schulen, Kliniken, Wohnviertel oder Märkte getroffen wie zuletzt in Maschnak nahe der jemenitisch-saudischen Grenze, wo 24 Menschen starben.

Gescheiterte UN

25 archäologische Denkmäler wurden bisher durch Raketen zerstört oder beschädigt wie Ende Mai der Marib-Damm, die älteste Staumauer der Menschheit.

Am Boden ist der Krieg längst zu einem blutigen Patt geronnen, alle diplomatischen Vermittlungsversuche der Vereinten Nationen sind gescheitert. Mindestens 10 000 Menschen sind gestorben, 45 000 wurden verwundet, drei Millionen irren als Binnenflüchtlinge umher. In dem blutigen Konflikt kämpfen auf der einen Seite die Huthis, die vom Iran unterstützt werden, zusammen mit den Truppen des 2012 abgesetzten Ex-Präsidenten Ali Abdullah Saleh. Auf der anderen Seite stehen die international anerkannte Regierung des Saleh-Nachfolgers Abed Rabbo Mansour Hadi sowie eine Allianz von Golfstaaten unter der Führung von Saudi-Arabien.

Dessen Verteidigungsminister Mohammed bin Salman kündigte letzte Woche nach seiner Ernennung zum direkten Thronfolger an, er werde 60 Millionen Euro an Unicef spenden, um die Cholera im Jemen zu bekämpfen. Ob dies Geld aus seinem Privatvermögen kommt, ließ er offen. Erst vor acht Monaten hatte der 31-Jährige während eines Urlaubs an der Côte d’Azur einem russischen Wodka-Magnaten spontan für 500 Millionen Euro dessen 134-Meter-Luxusyacht „Serene“ abgekauft.

Bevölkerung in Grundregeln der Hygiene schulen

Cholera lässt sich mit Antibiotika, Desinfektionsmitteln und Infusionen relativ gut bekämpfen. Doch die Hälfte der jemenitischen Krankenhäuser ist kaputt, die verbliebenen total überlastet. Bei den Medikamenten fehlt es am Nötigsten. Die 30 000 Ärzte und Pflegekräfte des Landes haben – wie alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes – seit fast einem Jahr kein Gehalt mehr bekommen. Die Helfer bemühen sich in Sanaa und anderen Städten, die Trinkwasserversorgung wieder in Gang zu bekommen und die Bevölkerung in Grundregeln der Hygiene zu schulen. Am Mittwoch wurden 750 000 Infusionen eingeflogen, mit denen 10 000 Cholerakranke vor dem Tod bewahrt werden können. Weitere Frachtflüge sollen in den nächsten Tagen folgen.

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