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Krieg auf kurzen Wegen

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Von: Peter Rutkowski

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Ukrainische Strategie zwischen Ost und Süd

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert seine Landsleute in der Oblast Donezk auf, das Weite zu suchen. Sie sind angesichts der bisherigen Hauptlast der militärischen Auseinandersetzungen in immer weiter steigender Gefahr, wenn sich die Kämpfe ihren Wohnorten nähern sollten. De facto geht allerdings seit Wochen im Donbass kaum etwas vor noch zurück.

Es hat lokal begrenzte russische Angriffsversuche gegeben, ab und an registrieren die ukrainischen Stäbe Vorstöße von Aufklärern, die versuchen, die Stärken der gegnerischen Positionen zu ergründen. Ansonsten schießt die russische Artillerie und fliegen russische Kampfbomber. Der kontinuierliche Beschuss sollte ausreichend Grund für die ukrainische Bevölkerung sein, sich in Sicherheit zu bringen. Aber immer noch harren viele Menschen in Donezk aus, geschätzt werden darunter allein um die 50 000 Kinder. Selenskyjs Aufruf scheint mehr als dringend.

Gleichzeitig scheint am südlichen Abschnitt der Front alles in Bewegung: Wenn nicht die Zivilbevölkerung, so doch auf jeden Fall verstärkt ukrainisches wie russisches Militär. Die einen sammeln sich zwischen Odessa und Mykolajiw, um die von den Russen besetzte Gegend von Cherson zu befreien, die anderen führen in aller Eile Truppen aus dem zentralen Frontabschnitt zum Abwehrkampf vor Cherson zu – von wo sie zuerst abgezogen wurden, um die Offensiven im Donbass zu ermöglichen. Die Reaktion der ukrainischen Stellen auf diese Truppenverlagerung ist bemerkenswert zurückhaltend.

Das mag an den zurückzulegenden Wegen liegen. Im Kampfgeschehen gilt generell, dass die Seite mit den kürzeren Verbindungs- und Nachschubwegen im Vorteil ist. Die Ukrainer haben praktisch seit Invasionsbeginn die kürzeren Wege – und damit eine engmaschigere Kommunikation, materiell wie informationell, als die durch mangelhafte Kommunikationssysteme und weite Versorgungswege schwerfälligere russische Armee.

So besehen kommt Selenskyjs Aufruf, Donezk zu verlassen, noch eine ganz andere Bedeutung bei: Ist die Bevölkerung in Sicherheit, das Kampfgebiet und seine Infrastruktur also menschenleer, können die ukrainischen Truppen noch viel einfacher und schneller umgruppieren.

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