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Beide Seiten werfen einander vor, erneut Wohngebiete zu beschießen.

Ukraine

Kriechoffensive im Donbass

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Der ukrainische Präsident Proschenko trifft Kanzlerin Merkel, um den Minsker Friedenprozess zu besprechen. Währenddessen gerät der Waffenstillstand immer mehr ins Rutschen.

Vor einer der ukrainischen Stellungen im Industriegebiet von Awdejewka hat ein Soldat mit Humor ein Schild aufgehängt: „Tagesordnung: Mittagspause von 13 bis 15 Uhr. Empfang von Journalisten und Kontrollpersonen bis 16 Uhr. Ab 16 Uhr Beschuss.“

Der Krieg setzt diese Ordnung seit Tagen außer Kraft. Geschossen wird jetzt rund um die Uhr. Gestern morgen meldeten die Ukrainer zwei Tote, am Vortag waren es fünf Gefallene. Zwei 30-köpfige Stoßtrupps des Feindes, der prorussischen Separatisten der sogenannten „Donezker Volksrepublik“ (DNR), hätten am Wochenende versucht, die ukrainischen Positionen zu stürmen und seien abgeschlagen worden. Im Gegenstoß habe man einen gegnerischen Vorposten erobert, seitdem feuere der Feind erbittert aus Panzern und Geschützen.

DNR-Vertreter vermelden das Gegenteil: Die Ukrainer hätten versucht, das benachbarte Jasinowataja anzugreifen, und seien unter schweren Verlusten abgewiesen worden. „Die fliehenden Ukrainer gerieten unter Artilleriebeschuss des ,Rechten Sektors‘“, behauptet ein Sprecher der Rebellen. Der „Rechte Sektor“, eine nationalistische Kampforganisation, die in der DNR und Russland regelmässig für die verschiedensten Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht wird, soll diesmal die eigenen Soldaten unter Sperrfeuer genommen haben. Die Rebellen meldeten insgesamt zwischen 15 und 50 gefallene Feinde. Allerdings beklagte der russische Freiwillige Alexander Schutschkowski per Blog auch zehn tote Separatisten. Und die russische Agentur Interfax berichtete unter Berufung auf das DNR-Verteidigungsministerium, bei der Abwehr der ukrainischen Attacke sei ein bekannter Bataillonskommandeur mit dem Kodenamen „Grieche“ heldenhaft ums Leben gekommen.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko traf sich gestern in Berlin mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, um die Erfolgsaussichten des im Februar 2015 ausgehandelten Minsker Friedensprozess zu besprechen. Währenddessen gerät der Minsker Waffenstillstand immer mehr ins Rutschen. Ende der vergangenen Woche wurden bei Donezk und Mariupol zum ersten Mal seit Monaten wieder Grat-Raketensalvenwerfer eingesetzt, die als die verheerendsten Waffen im Donbass-Krieg gelten.

OSZE: 2260 Waffenstillstandsverstöße an einem Tag

Beide Seiten werfen einander vor, erneut Wohngebiete zu beschießen, in Awdejewka sollen dabei zwei Menschen verletzt worden sein, die Rebellen sprachen vom Tod eines Zivilisten in Makejewka. Die Beobachter der OSZE-Mission in der Ostukraine registrierten allein am Sonntag 2260 Waffenstillstandsverstöße im Donbass.

Schon im Dezember war es bei Swetlodarsk nordwestlich des im Februar 2015 von Rebellen und Russen eroberten Eisenbahnknotenpunktes Debalzewo zu heftigen Zusammenstößen gekommen. Zuvor berichteten ukrainische Kommandeure im Südabschnitt der Front bei Mariupol der Frankfurter Rundschau, man sei zur aktiven Verteidigung übergegangen und dränge den Gegner mit örtlichen Operationen zurück. Die russische Internetzeitung gazeta.ru titelte unlängst: „Die Ukraine kriecht ins Donbass.“ Die Regierungstruppen nutzten eine neue Taktik nächtlicher „Froschsprünge“, mit denen kleine Einheiten 200 bis 500 Meter Gelände gewännen. So sollen die Ukrainer sich bis auf 1,6 Kilometer an Debalzewo herangearbeitet haben. Im ukrainischen Lager gilt die kriechende Offensive als offenes Geheimnis. „Es gibt eine Absprache des Generalstabs mit den örtlichen Kommandeuren: Macht, was nötig ist, aber haltet uns dabei heraus“, sagt der Volontär und Fronthelfer Sergei Zoologowitsch der FR. Offenbar sind die „Froschsprünge“ durchaus koordiniert.

Expräsident Leonid Kutschma, der die ukrainische Delegation in der Minsker Kontaktgruppe leitet, erklärte im September, die einzige Demarkationslinie, auf die sich alle Seiten geeinigt hätten, sei im 1. Minsker Abkommen am 19. September 2014 fixiert worden. Die 1500 Quadratkilometer, die die Rebellen danach erobert hätten, gehörten wieder unter ukrainische Kontrolle.

Oder, wie es der Kiewer Politologe Wadim Karasjew formuliert: „Die Ukraine geht militärisch in die Offensive, weil sie die Minsker Vereinbarungen komplett erfüllen will. Dazu gehört die Wiederherstellung der Frontlinie vom September 2014, als Debalzewo und Dokutschajewsk unter ukrainischer Kontrolle waren.“

Die Gegenseite bestreitet das allerdings heftig. „Über die Rückgabe von Debalzewo werden wir keine Diskussion mehr anfangen“, sagt DNR-Verhandlungsführer Denis Puschilin. Zudem Moskau, das den Rebellen militärisch wiederholt massiv unter die Arme griff, kaum zulassen wird, dass die ukrainische Kriechoffensive durchschlagenden Erfolg haben wird.

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