Hinter Mauern

Kreuzzugs-Rhetorik aus einem stillen Schweizer Tal

Besuch im Walliser Stammhaus der ultrakonservativen Pius-Bruderschaft - in Ecône wurde Holocaust-Leugner Williamson geschult.

Von JAN DIRK HERBERMANN

Ecône. Der hagere Franzose beugt sich leicht nach vorne, mustert durch die Fenster ein Holzkreuz am Wegesrand. Seine schwarze Soutane liegt eng am Körper, wohlgesetzte Wörter fließen klar aus dem schmallippigen Mund. "Ja, wir haben hier eine gute Aussicht", sagt Benoît de Jorna.

Die Alpen, steil ragen sie in den hellblauen Himmel, schirmen das enge Tal nach Norden und Süden hin ab. Im Bett der Rhône wälzt sich eisiges Wasser. Nur die Strommasten trüben ein wenig den Blick ins Unterwallis. De Jorna leitet das internationale Seminar der ultrakonservativen Priesterbruderschaft St. Pius X. im Schweizer Ecône, Stammhaus und größtes der sechs Pius-Seminare. "Der Gründer unserer Priesterbruderschaft, Erzbischof Marcel Lefebvre, entschied sich für Ecône auch wegen der Stille", erzählt Rektor de Jorna. Er öffnet das Fenster. Der Lärm der Welt ist fern.

Seit Tagen aber ist es mit der Ruhe um die Bruderschaft vorbei. Ein Naziskandal erschüttert die Traditionalisten, der Sturm umtobt inzwischen den Vatikan im fernen Rom. Papst Benedikt XVI. ist in Bedrängnis: Man spricht von der schwersten Krise seines Pontifikats. Um der Einheit seiner Kirche willen holte der Pontifex aus Deutschland im Januar vier Pius-Bischöfe in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurück. Benedikts Vorgänger, Johannes Paul II., hatte die vier 1988 exkommuniziert. Der Grund: Das Quartett war in Ecône vom französischen Kirchenrebellen Marcel Lefebvre geweiht worden - gegen den ausdrücklichen Willen des Heiligen Stuhls. Auch Lefebvre wurde exkommuniziert.

Einer der vier begnadigten Sünder ist Richard Williamson, äußerlich eine Art Gentleman in der Zunft der Gottesmänner und ehemaliger Ecône-Student. Doch der Brite ist alles andere als unbescholten. Er verharmlost den millionenfachen Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Gaskammern in NS-Konzentrationslagern? Nein. Die gab es für ihn nicht. Wie viele Juden brachten die Nazis in den Lagern um? So zwischen 200 000 und 300 000 waren es wohl, sagt er.

Auch in Ecône lasen die Pius-Brüder über die Nazi-Sprüche Williamsons. Die rund 60 Studenten und sechs Professoren verfolgen die neusten Wendungen des Eklats im Internet und im Pariser Le Figaro - Fernsehen gibt es offiziell hinter den Mauern des Walliser Hauses nicht. "Zu dieser ganzen Angelegenheit möchte ich nichts sagen", meint Rektor de Jorna. Ohne sichtbare Regung fügt er hinzu: "Unser Generalobere hat dazu Stellung genommen."

Der Generalobere der Priesterbruderschaft, Bischof Bernard Fellay, residiert im Deutschschweizer Menzingen auf Schloss Schwandegg. Von dort aus dirigiert er 500 Priester und versucht, die Anhängerschaft zu mehren: Weltweit sollen rund 500 000 Menschen den Pius-Brüdern folgen. Fellay kanzelte seinen Untergebenen Williamson ab und bat öffentlich um Entschuldigung "für die verheerenden Auswirkungen einer solchen Tat". Fellay und seine selbst ernannten Verfechter der reinen katholischen Lehre müssen jetzt mit dem Williamson-Makel leben. "Diese Art von Aufmerksamkeit brauchen wir nicht", flüstert ein Pius-Zögling und zieht die Tür hinter sich zu. Mehr will auch er nicht sagen. Darf er nicht mehr sagen?

Es ist 12 Uhr 15 am Mittag. Der Klang der Glocken der Seminaristen-Kirche dröhnt durch das Tal. Zum Mittagsgebet eilen die angehenden Priester in das Gotteshaus - Franzosen, Italiener, Schweizer, ein Schwede und ein Lefebvre-Jünger aus dem afrikanischen Gabun. Eine Viertelstunde üben sie sich in gregorianischen Gesängen. Danach sammeln sich die Seminaristen vor dem Kreuz. Tiefe Verbeugungen, zwei Gottesfürchtige sinken fast ganz zu Boden. Es folgt das gemeinsame Essen und nach einer Mittagsruhe Körperertüchtigung. "Hier im Wallis können unsere Seminaristen hervorragend Wintersport treiben", sagt der Rektor. Er zeigt mit seiner knochigen Hand auf die Langlaufskier im Keller. Geprägt ist das Leben hier aber vom Büffeln: Theologie, Philosophie, Latein und Geschichte.

"Am Ende von fünf Jahren in Ecône werden die jungen Männer Priester für ewig sein", erklärt de Jorna. Dann erzählt er über Marcel Lefebvre (1905 - 1991), den er noch selbst erlebte: "Er war ein liebenswürdiger Mensch." Doch der "sanfte Marcel" konnte auch anders. Lefebvre sympathisierte mit dem französischen Rechtsaußen Jean-Marie Le Pen. Es war jener Le Pen, für den die Gaskammern der Nazis "ein Detail in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs" waren. Lefebvre soll ebenso das faschistische Regime des spanischen Diktators Franco gelobt haben.

In aktuellen Mitteilungen geißeln die Pius-Brüder den Besuch einer Synagoge durch Papst Johannes Paul II. als ein "schlimmes Zeichen". Und der Distriktobere der Piusbrüder für Deutschland, Franz Schmidberger, schreibt über die "Juden unserer Tage": "Sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig", solange sie sich nicht von der "Schuld ihrer Vorväter" distanzierten. Zugleich stellte er am Mittwoch in einem Interview klar, ein "aufrechter Katholik" könne schon allein deswegen kein Antisemit sein, weil Jesus als Religionsstifter seiner menschlichen Natur nach Jude gewesen sei. Schmidberger galt laut dem erzkonservativen Internetportal kreuz.net als "rechte Hand" Lefebvres.

Noch heute gilt Lefebvres Credo vom "Kampf der Priesterbruderschaft St. Pius X.": "Wir müssen einen Kreuzzug beginnen." Vor allem wehren sich die Pius-Brüder gegen die Modernisierung der katholischen Kirche durch das II. Vatikanische Konzil. Unbeirrt halten die Traditionalisten an der "Alten Messe" in lateinischer Sprache fest - die "Neue Messe" grenzt in ihren Augen fast an Frevel. "In der Alten Messe feiern wir das Opfer unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz, also das Geschehen vom Karfreitag; in der Neuen Messe feiert man das ,Herrenmahl', also ein Gedächtnis des Abendmahls vom Gründonnerstag", liest man bei den Pius-Brüdern.

In Ecône erfahren die Studenten alles über diese Unterschiede. "Das ist natürlich essenziell, deshalb sind wir hier", meint ein junger Mann aus Frankreich. Warum hat er sich für das spartanisch-strenge Leben in der Pius-Bruderschaft entschieden? "Ich fühlte mich schon früh zum Priestertum berufen", meint er und blickt auf eines der vielen Fotos des gütig dreinblickenden Lefebvre. "Wenn ich es schon mache, dann will ich es auch richtig machen. Im Sinne von Erzbischof Lefebvre."

Die Riten der Piusbrüder faszinieren viele Menschen. Jeden Sonntag strömen rund 500 Gläubige zu den Gottesdiensten und Andachten der Lefebvre-Kirche. Für die Bruderschaft sind loyale Anhänger lebensnotwenig. Denn die Kassen der Gottesmänner werden fast ausschließlich von den Gläubigen gefüllt. In einem Geschäft mit Devotionalien liegen Bücher, Kruzifixe, Rosenkränze, Ansichtskarten und hölzerne Statuten der Gottesmutter aus.

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