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Häufig werden Menschen abgeschoben, auch wenn ihre Zukunft im Herkunftsland unsicher ist.

Abschiebung

"Kreuze aufhängen, aber Christen in islamische Länder abschieben"

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Einem zum Christentum konvertierten 21-jährigen Iraner droht die Abschiebung aus seinem derzeitigen Wohnort in Bayern. Der Freistaat ist für seine rigide Abschiebepolitik bekannt.

Wie rigide die Abschiebepraxis im bayerischen Freistaat ist, zeigt sich regelmäßig, wenn Abschiebeflüge von Deutschland nach Afghanistan starten. Nach wie vor wird das Land am Hindukusch durch die Taliban und immer stärker vom „IS“ mit Terror überzogen. Im vergangenen Jahr starben durch Anschläge mehr als 500 Menschen.

Trotz der unsicheren Lage schiebt die Bundesregierung immer mehr Leute ins Kriegsgebiet ab. Besonders aktiv zeigen sich die Bayern. Der 20. Abschiebeflieger startete von München aus, von den 36 abgeschobenen Männern lebten 23 in Bayern. Und es sind keineswegs nur Gefährder oder Straftäter, wie die Politik gerne glauben machen möchte. Am 7. Januar saß beispielsweise auch der 24-jährige Murtaza A. im Flugzeug, der eine Berufsintegrationsklasse besuchte und als Altenpfleger eine Ausbildung anstrebte. Die Schule sei nicht über die Abschiebung informiert worden, Mitschüler und Lehrkräfte sind entsetzt, wie der bayerische Flüchtlingsrat mitteilt. 

Aktuell erregt auch die Situation des 21-jährigen Iraners Hossein die Gemüter im oberfränkischen Kulmbach. Der junge Mann wurde am 15. Januar, um 6 Uhr morgens von der Polizei aus der Wohnung geholt, in der er mit seiner Mutter und seiner Schwester lebt. Er sollte in den Iran abgeschoben werden. Hossein ist in Deutschland zum Christentum konvertiert.  In seinem Heimatland droht ihm deshalb der Tod.

Pfarrer Jürgen Singer von der Kulmbacher Kreuzkirche setzt alle Hebel in Bewegung, um die Abschiebung zu verhindern. Hossein kenne er seit neun Monaten, jeden Sonntag habe er den Gottesdienst besucht, Singer habe seine Schwester getauft. Hossein, der gut Deutsch spricht, habe sich in der Gemeinde engagiert und in Bibelkursen als Übersetzer fungiert.

 Behörden haben es mit der Abschiebung plötzlich eilig

Der Pfarrer betont gegenüber der FR mehrfach die Integration des jungen Iraners, die Ereignisse der vergangenen Tage machen ihn fassungslos. Als er von der Verhaftung Hosseins erfuhr, sei er auf der Polizeiwache vorstellig geworden – von dort aus hätte der 21-Jährige nach München gebracht und in einen Flieger in den Iran gesetzt werden sollen. Hossein habe sich schließlich mit einer Klinge selbst verletzt. Dadurch habe er versucht, die Abschiebung zu verhindern und gleichzeitig seinen Tod in Kauf genommen: „Besser, ich sterbe hier als im Iran.“

Warum die Behörden es mit der Abschiebung plötzlich so eilig haben, kann sich Pfarrer Singer nicht erklären: „Er ist in einem laufenden Verfahren, trotzdem sollte er in Flagranti verhört und bei Nacht und Nebel abgeschoben werden.“ Tatsächlich war der Asylantrag der Familie abgelehnt worden, Hossein hatte jedoch, nachdem er 21 Jahr alt geworden war, ein eigenes Verfahren angestrengt, das noch nicht beschieden ist. Unter keinen Umständen will der zum Christentum konvertierte Iraner in sein muslimisches Heimatland zurück.  Sein Onkel, ein streng konservativer Muslim und Mitarbeiter der islamischen Religionsbehörde SEPAH, eine Art staatlicher Geheimdienst, habe schon mehrfach Hosseins Mutter und ihn mit dem Tode bedroht. Pfarrer Singer kenne dieses Problem auch von anderen iranischen Flüchtlingen christlichen Glaubens - jede Bewegung weg vom Islam werde registriert und geahndet.

Hinwendung zum christlichen Glauben

Den Pfarrer ärgert besonders, dass die Regierungsbehörde Oberfranken zwei Mal in einen juristischen Entscheidungsprozess eingegriffen habe. Obwohl für den 17. Januar eine Anhörung bezüglich seiner Hinwendung zum christlichen Glauben anberaumt war, habe die Behörde vorher abschieben wollen. Weiter habe eine Richterin die Abschiebehaft für unzulässig erklärt und die sofortige Freilassung des 21-Jährigen verlangt. Kurze Zeit später habe die Regierung erneut eingegriffen und die richterliche Entscheidung ausgesetzt. „Es ist unerhört, dass gleich zwei Mal in ein laufendes Verfahren eingegriffen wird.“

Hossein, von dessen Aufrichtigkeit der Pfarrer überzeugt ist, hat schließlich seinen Termin wahrnehmen können und vor Gericht habe er seinen Glaubensweg ausführlich dargelegt. Aktuell ist der Iraner wieder bei seiner Familie und wartet den Beschluss des Verfahrens ab. Sollte negativ beschieden werden, folgt der Gang in die nächste Instanz.

Pfarrer Singer plädiert dafür, die Situation von christlich Konvertierten grundsätzlich neu zu bewerten, da diesen häufig in ihren Heimatländern Verfolgung und Tod drohe. „Die Menschen wollen einfach nur frei ihren Glauben wählen und auch leben. Es kann doch nicht sein, dass wir in Bayern in öffentlichen Gebäuden Kreuze aufhängen und gleichzeitig Christen in islamische Länder abschieben.“

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