Nicolas Berggruen will mit seinem Vermögen nicht nur Karstadt retten.
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Nicolas Berggruen will mit seinem Vermögen nicht nur Karstadt retten.

Berggruens Think Tank

Kreuzberg und Kalifornien

  • Holger Schmale
    vonHolger Schmale
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Karstadt-Investor Nicolas Berggruen will mit einem Think-Tank die Welt verbessern. Der Norweger zählt zu den 500 reichsten Männern der Welt. Damit will er jetzt etwas verändern.

Die Sache mit dem Kaffee ärgert Nicolas Berggruen. Es ist Sonntagnachmittag, er hat ein paar Journalisten in sein Berliner Büro in Kreuzberg eingeladen, und nun gibt es keinen ordentlichen Kaffee, die Kapseln für die Maschine sind ausgegangen. „Am besten gingen wir zu Karstadt, die haben guten Kaffee“ sagt er. Aber das Kaufhaus am Hermannplatz ist geschlossen. „Ja, das ist Deutschland“, seufzt er. „Sonntagnachmittag in Deutschland.“

An den gesetzlichen Ladenöffnungszeiten kann auch der Besitzer eines Kaufhauskonzerns nichts ändern. Das gehört zu diesen hinderlichen Strukturen. Und damit ist der Investor, Philanthrop, Weltverbesserer schon bei seinem Thema, das heute nicht Karstadt, sondern eher die Frage ist: Wie rette ich die Welt?

Nicolas Berggruen zählt zu den 500 reichsten Männern der Welt. In Deutschland ist er vor allem durch die Übernahme von Karstadt bekanntgeworden. Aber Geld, Geschäfte, Investitionen sind nicht alles in seinem Leben. Er will etwas bewegen. Darüber will er heute sprechen. Der schmächtige Mann mit dem Dreitagebart bittet an einen Konferenztisch im weitläufigen Büro seiner Berggruen Holdings.

Mehr Bürgerbeteiligung

Nicolas Berggruen gilt vielen als eine Art Phantom. Er hat keinen festen Wohnsitz, lebt in London, New York und Los Angeles, ist vor allem aber unterwegs, schwer greifbar. Nach Deutschland komme er etwa zweimal im Jahr für je zwei Tage, sagt seine Assistentin. Da ist es eine kleine Sensation, dass er sich nun einen Sonntagnachmittag Zeit nimmt für ein intensives Gespräch. Es geht um das Nicolas Berggruen Institute, das er 2009 in New York gegründet hat. Es sei gewiss ein Think-Tank, eine Denkfabrik, sagt Berggruen. Wichtiger aber: Es solle ein „Do-Tank“, ein „Action-Tank“ werden.

„Es geht darum, neue Ideen für gute Regierungsführung und Bürgerbeteiligung voranzutreiben“, heißt es in einer Broschüre des Instituts. Ein wenig wolkig spricht Berggruen nun über eine Verbindung asiatischer und westlicher Gesellschaftsstrukturen. Man könnte den Verdacht bekommen, dass ihn die Effektivität mancher sogenannter gelenkter Demokratien in Asien fasziniert, wobei er zugleich die individuellen Freiheiten des Westens als Quellen der Kreativität preist. Berggruen spürt die Zweifel in der Runde. Es gilt, konkret zu werden.

Kalifornien ist nun das Stichwort, die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt und doch ein Staat, der bankrott und praktisch unregierbar ist. Kalifornien ist das erste Projekt des Weltverbesserers Nicolas Berggruen. Er hat im vergangenen Jahr ein „Komitee für langfristiges Denken“ zusammengerufen, das sich an die Reform dieses Staates gemacht hat. Es besteht aus Wissenschaftlern und ehemaligen Politikern, darunter der bisherige Gouverneur Arnold Schwarzenegger, die ehemalige Außenministerin Condoleezza Rice und George Shultz, einst US-Außenminister unter Ronald Reagan. Die konservativ-republikanische Seite hat die prominenteren Mitglieder, aber die Demokraten sind ebenfalls schwergewichtig vertreten. Berggruen beschreibt die Gruppe als idealtypisch: überparteilich, repräsentativ, kompetent. Sie arbeitet an Vorschlägen, wie der Haushalt saniert, das Steuersystem reformiert, die Infrastruktur erneuert, das Regierungssystem effektiv gestaltet werden kann.

Es sind zwölf Projekte, von denen drei bereits durchgesetzt seien, berichtet Berggruen: Haushaltsüberschüsse werden für schlechtere Zeiten beiseitegelegt. Bürgerbegehren und Volksabstimmungen sind nur noch zulässig, wenn die Finanzierung ihrer Ziele sichergestellt ist. Der Staatshaushalt bedarf im Parlament nur noch einer einfachen, nicht mehr der Zweidrittelmehrheit. Vor allem die beiden letzten Punkte stellen Missstände ab, die den Staat in den Ruin getrieben haben.

Fehlende demokratische Legitimation

Da aber liegt auch die glückliche Fügung für Berggruen: Der Problemdruck war so groß, dass jede Hilfe von außen willkommen war. Und das gleicht die besondere Schwäche seines Ansatzes aus: die fehlende demokratische Legitimation. Im kalifornischen Fall werden die Empfehlungen der Kommission dem Parlament oder im Zweifel dem Volk zur Abstimmung vorgelegt und im Zweifel akzeptiert. Oder abgelehnt. Berggruen findet das in Ordnung; er macht keinen Hehl aus seiner Überzeugung, dass eine besondere Stärke seines Konzepts gerade darin liege, nicht von den Interessen bestimmter Parteien oder Lobbygruppen abzuhängen.

Darin sieht er den Hauptmangel in der herrschenden Politik, und zwar im Weltmaßstab, welcher der eigentliche Maßstab eines Nicolas Berggruen ist. Auch er selbst gehört dem von ihm berufenen „Rat für das 21. Jahrhundert“ an, mit dem er neue Impulse zur nachhaltigen Gestaltung der Globalisierung geben möchte.

Gerade komme er von einem Treffen mit Präsident Nicolas Sarkozy in Paris, erzählt Berggruen. Der leitet in diesem Jahr die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer, die sich in der Finanzkrise zu einer Art zeitweiliger Weltregierung entwickelt hat. Das Problem aber sei: „Frau Merkel vertritt dort immer nur die deutschen Interessen, Obama die amerikanischen und so weiter.“ Sie müssten sich ja zu Hause vor ihren Wählern und Parlamenten rechtfertigen. Deshalb seien die Resultate dieser Treffen so schwach.

Radikale Vorschläge

Berggruen hat deshalb eine andere Idee: Er will den Staats- und Regierungschefs eine Parallelgruppe herausragender Experten zur Seite stellen, die ihnen so radikale Vorschläge unterbreiten soll, wie sie selbst nie zu formulieren wagen würden. Sarkozy habe seine Idee akzeptiert, sagt Berggruen und hofft darauf, dass seine Gruppe nun so überzeugende Lösungsvorschläge entwickelt, dass diese nicht mehr beiseitegeschoben werden können.

Plötzlich gleitet ein Lächeln über Berggruens Gesicht. Er schaut aus den hohen Fenstern und zeigt auf ein Paar, das auf dem Dachgiebel des Nachbarhauses balanciert und über Kreuzberg blickt. Die Häuser sind in das Rot des Sonnenuntergangs getaucht, der Mann fotografiert, die Frau winkt anderen Leuten auf dem Nachbargebäude zu.

„Deshalb sind wir in Kreuzberg“, sagt Nicolas Berggruen. „Hier lebt Berlin. Auch am Sonntagnachmittag.“

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