Der Grüne Kretschmann macht sich bei seinen Parteigenossen nicht beliebt.
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Der Grüne Kretschmann macht sich bei seinen Parteigenossen nicht beliebt.

Die Grünen

Kretschmann wirbt für die „klassische“ Ehe

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann attackiert seine eigene Partei. Die Grünen moralisierten zu viel und müssten weg von einer übertriebenen politischen Korrektheit.

Seit Winfried Kretschmann 2011 zum ersten grünen Ministerpräsidenten der Bundesrepublik aufstieg und im Frühjahr sogar die Union überrundete, ist er zweifellos Hoffnungsträger seiner Partei. Nicht wenige betrachten Baden-Württembergs Premier – je länger, desto mehr – aber auch als Quälgeist derselben. Sie werden sich in dieser Einschätzung durch den jüngsten Aufsatz des 68-Jährigen in der Wochenzeitung „Die Zeit“ bestätigt sehen.

Darin räsoniert er über den Aufstieg der AfD und schreibt, dass sich die Auseinandersetzung über Modernisierung und Rollback wahrscheinlich zwischen dem grünen und dem rechtspopulistischen Milieu entscheiden werde. Kretschmann stellt weiter fest: „Die errungenen Freiheiten werden wir ohne Wenn und Aber verteidigen.“

Er fährt aber fort, die Grünen hätten Anlass zur Selbstkritik. Sie moralisierten zu viel. Dabei bleibe der Mensch, wie der Philosoph Immanuel Kant gesagt habe, „aus krummem Holz geschnitzt“. „Wir sind keine Heiligen und werden es auch dann nicht, wenn man uns dazu machen will“, so „Kretsch“. Überdies warnt er davor, die Individualisierung „ins Extrem zu treiben“, etwa in der Familienpolitik. „So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so.“ Es gehe um den „Kampf für eine gute Ordnung der Dinge“. Die Grünen wie überhaupt der gesamte politische Diskurs müssten weg von einer „tendenziell übersteigerten politischen Korrektheit“ und weg vom „Besserwisser-Gestus“.
Man kann den Text als Beitrag eines besorgten Staatsbürgers lesen. Er ist jedenfalls eine Erwiderung auf einen Text von „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der von einer „kulturellen Hegemonie“ und „grüner Allmacht“ geschrieben hatte. Man kann ihn allerdings auch als erneuten Versuch lesen, die Partei von Stuttgart aus vor sich her zu treiben. Schließlich hat Kretschmann das zuletzt schon wiederholt versucht – so, als er forderte, sie müsse aus der linken Mitte ganz in die Mitte rücken.

„Propaganda von rechts“

Der grüne Innenpolitiker Volker Beck teilte denn auch mit: „Familie ist da, wo Kinder sind. Da gibt es in Deutschland eine große Vielfalt. Und die Vielfalt ist auch gut so.“ Parteichefin Simone Peter setzte folgenden Tweet ab: „Ehe für alle – was denn sonst?“ Der stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion, Jan Korte, verdächtigt den schwäbischen Regenten, nach der CDU wolle er sich „auch der CSU als Regierungspartner anbiedern“. Die „taz“ attestiert Kretschmann gar, er bediene sich „aus dem klassischen Repertoire homophober Propaganda von rechts“.

Tatsache ist, dass Kretschmann unverändert für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wird – wenn auch nur mit Außenseiterchancen. Und zum Anforderungsprofil des Staatsoberhauptes wird überwiegend die Fähigkeit gezählt, das Land und seine Lager zusammenzuführen. Was den konservativen Teil des Landes angeht, dürfte ihm das mit seiner jüngsten Intervention gelungen sein. Der Abstand zur eigenen Partei hingegen ist wohl eher noch etwas größer geworden.

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