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Parlamentswahlen in Frankreich: Kreolischer Wahlkampf in der Banlieue

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Von: Stefan Brändle

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Bei Frankreichs Parlamentswahlen am 12. Juni will Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon mit seiner „Volksunion“ siegen.

Valmy – „Bonjour, wie geht es Ihnen?“ Azzédine Taïbi (57) setzt sein gewinnendstes Lächeln auf, als ein Familienvater in Unterwäsche und mit zwei Kleinkindern am Hals die Wohnungstür in der Siedlung Valmy öffnet. „Ich kandidiere bei den kommenden Parlamentswahlen, von denen Sie sicher gehört haben.“ Der misstrauisch dreinblickende Mann weiß aber von nichts. Als der Kandidat anfügt, er kandidiere für Jean-Luc Mélenchon, hellt sich das Gesicht des Gegenübers auf: „Bei den Präsidentschaftswahlen im April habe ich für ihn gestimmt.“ Taïbi freut sich und hält dem Mann ein paar Flugblätter hin, auf dem er selbst neben Mélenchon abgebildet ist. „Geben Sie das weiter an Ihre Familie und Freunde“, sagt Taïbi. Dann, mit Nachdruck: „Ich zähle auf Sie!“

In La Courneuve sind die Mélenchon-Fans unter sich. Von den 45.000, die hier wohnen, stimmten im ersten Präsidentschaftswahlgang nur 14,7 Prozent für Präsident Macron und 9,4 Prozent für die Rechte Le Pen. 64 Prozent konnte Mélenchon verbuchen, der linkspopulistische Kandidat von „La France insoumise“ (unbeugsames Frankreich).

Parlamentswahlen in Frankreich: Von den Ex-Sklaven lernen

Warum sind hier in der bettelarmen Vorstadt – 44 Prozent leben unterhalb der Armutsschwelle – alle für Mélenchon? „Weil er den Mindestlohn auf 1500 Euro anheben will“, sagt der Mann, der seine zwei Kinder nun abgestellt hat, als Taïbi bereits ein Stockwerk tiefer ist. „Zudem will er das Rentenalter auf 60 Jahre senken, nicht wie Macron, der es erhöhen will.“ Dann streicht sich der Mann, der lieber anonym bleiben will, über den Bart. „Und Mélenchon hält uns nicht für Deppen“, sagt er nach kurzem Überlegen. „Er ist der Einzige, der uns versteht, der auf unserer Seite steht.“

Vor der Parlamentswahl in Frankreich durchquert der eher verbale Abenteurer Jean-Luc Mélenchon (Mitte) den Clain in Poitiers. Man beachte die heldenhaften Rettungswesten für knietiefes Wasser.
Vor der Parlamentswahl in Frankreich durchquert der eher verbale Abenteurer Jean-Luc Mélenchon (Mitte) den Clain in Poitiers. Man beachte die heldenhaften Rettungswesten für knietiefes Wasser. © Yohan Bonnet/afp

Gemeint ist: auf der Seite der Zugewanderten – der Menschen aus dem Maghreb oder Afrika, der Muslime. Sie wählen seit jeher eher links, 2012 etwa für den Sozialisten François Hollande, wenn auch mit eher gebremster Begeisterung. Jetzt ist die Banlieue aber Feuer und Flamme für Mélenchon. Vor allem, weil er ein neues Wort in den Wahlkampf einbringt: „Kreolisierung“. Das Konzept geht auf den französischen Poeten und Sklavennachfahren Edouard Glissant (1928 bis 2011) zurück, der auf der Karibikinsel Martinique für eine „gemeinsame Kultur der Menschheit“ plädierte. Ein Gemisch wie die kreolische Musik (Salsa, Merengue) oder Küche, in gewissem Sinne.

Parlamentswahlen in Frankreich: „Kreolisierung“ im Wahlkampf

Mélenchon benutzte den Begriff der Kreolisierung erstmals im September 2021 in einem Streitgespräch mit dem rechten Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour. Als dieser der Assimilierung der Eingewanderten das Wort redete, entgegnete Mélenchon, Frankreich sei doch längst „eine kreolisierte Gesellschaft“. Zemmour warf ein, das sei nur ein anderes Wort für „Multikulturalismus“ und für „Islamisierung“. Mélenchon korrigierte, das habe nichts mit Religionen zu tun – denn die vermischten sich nie. Zemmour hielt ihm vor: „Mir scheint, Sie suchen nur eine neue Wählerschaft, da die Linke das Volk verloren hat.“ Mélenchons Replik: „Sie sollten sich schämen, gehören etwa die französischen Muslime nicht zum Volk?“

Früher mal – 2021 – war La Courneuve bekannt als Ort der kommunistischen Sommerfete „de l’Humanité“.
Früher mal – 2021 – war La Courneuve bekannt als Ort der kommunistischen Sommerfete „de l’Humanité“. © Lucas Barioulet/afp

Dieses nun schon legendäre Wortgefecht hat dazu geführt, dass die „Kreolisierung“ in aller Munde ist – und Mélenchon neuerdings ein Banlieue-Star, der in einzelnen Orten zwei Drittel der Stimmen einheimst. Taïbis rechte Hand Belaid Ait-Meziani leitet in La Courneuve die erste Aktionsgruppe „Ma France créole“ – „Mein kreolisches Frankreich“. Mit Betonung auf Aktion: „Wir helfen älteren Arbeitern der ersten Einwanderergeneration, Behördendokumente auszufüllen; und letzthin haben wir Medikamente in die Ukraine geliefert“, erzählt der 59-jährige Kabyle.

Dass er aus Algerien stammt, findet er aber unwichtig: Bei der Kreolisierung gehe es gerade nicht um die Herkunft, meint er: „Es geht um die gemeinsame Zukunft einer gemischten Kultur. Das ist der Gegenentwurf zur rechtsextremen Theorie von der ‚großen Ablösung‘ der weißen durch die islamische Zivilisation.“

Vor Frankreich-Wahl: Antisemitische Graffiti an Wänden

Vor Energie sprühend, führt Ait-Meziani aus, während er Flugblätter in die Briefkästen steckt: „Bin ich Muslim? Nein, ich bin ein Bürger. Sind die Besucher der Synagoge dort drüben Juden? Nein, es sind Bürger.“ Das sehen aber nicht alle so: Mitte Mai sprühten Unbekannte in La Courneuve antisemitische Graffiti an die Wände. Der kommunistische Bürgermeister der Stadt, Gilles Poux, reichte Klage ein.

Ait-Meziani seufzt nur laut. Er hat auch noch andere Sorgen. Sein Baugeschäft kommt beim Bau des nahen Schwimmbeckens für die Olympischen Sommerspiele von Paris 2024 nicht zum Zug. „Wieder einmal nimmt die Regierung keine Firmen aus der Banlieue“, klagt der Kleinunternehmer. Immerhin räumt er ein, dass die Stadt bis 2024 doch ein komplett neues Antlitz erhalten solle. Die letzten zwölfstöckigen Wohntürme der berüchtigten „Cité des 4000“ werden geschleift; und erstmals will Bürgermeister Poux seiner Stadt zu einem richtigen Zentrum mit Kinos, Geschäften und Kunstgalerien verhelfen.

Azzedine Taïbi, selber Kommunist und Bürgermeister der Nachbargemeinde Stains, ist aber auf Parteifreund Poux nicht gut zu sprechen. Die Linke geht nur dem Schein nach geeint als „Neue Volksunion“ (Nouvelle Union populaire écologique et sociale, abgekürzt: Nupes) in die Wahl. Der Name Mélenchon ist der Kitt; ansonsten überwiegen Differenzen, die „oft den lokalpolitischen oder gar religiösen Klientelismus zum Hintergrund haben“, wie die Laizistin Célina Pina erklärt. In La Courneuve etwa hat Taïbi in der Person von Soumya Bourouaha eine Nupes-Rivalin vor die Nase gesetzt bekommen. Beide wollen Mélenchon für sich verbuchen.

Parlamentswahlen in Frankreich: Der rote Gürtel zieht an

Das schmälert auch die Chancen der gesamten Volksunion, die Mehrheit in der Nationalversammlung zu erobern. Und darum geht es letztlich bei den kommenden Parlamentswahlen in Frankreich. Erstmals seit langem treten die Linke und die Grünen wieder geschlossen an, und wenn sie die Parlamentsmehrheit erringen, können sie Präsident Macron in eine „Cohabitation“ mit einem linken Premierminister wie Mélenchon zwingen.

Die Umfragen zeichnen derzeit kein klares Bild der 577 Wahlkreise. Etwas ist aber sicher: Der „rote Banlieue-Gürtel“, der sich im 20. Jahrhundert um die Großstädte von Paris, Lyon oder Marseille zog, bevor die Linke fast überall einbrach, nimmt langsam wieder Form an. „Es ist eine neue Form – politisierter, selbstbewusster“, glaubt Ait-Meziani. „Eben auch kreolisierter.“ (Stefan Brändle)

Vor den Parlamentswahlen ist in Frankreich erneut die Burkini-Debatte entfacht. In der französischen Stadt Grenoble wurde über neue Regeln zur Badebekleidung diskutiert.

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