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Reste eines Polizeikonvois nach einem Anschlag in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny.

Der Kreml hat den internationalen Terrorismus bestellt

Verhandlungen könnten diesem "schlimmsten Feind"den Nährboden entziehen, doch Moskau lehnt Gespräche ab

Von ANDREJ PIONTKOWSKIJ

Die These, dass Russland in Tschetschenien gegen den internationalen Terrorismus kämpfe, kam dem Kreml und vor allem Präsident Wladimir Putin seit Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges im Herbst 1999 sehr entgegen. Nach dem 11.September 2001 fand Putin damit auch Gehör im Westen, vor allem in den USA. Nach den letzten Terroranschlägen verabschiedete der UN-Sicherheitsrat auf Moskaus Wunsch eine Resolution, die diese These Putins über Russland als Opfer des internationalen Terrorismus international rechtlich verankert. Unser Außenministerium betrachtet dies wahrscheinlich als großen diplomatischen Sieg.

Gegenseitige Radikalisierung

Was aber fangen wir mit diesem Sieg an? Wir haben so oft wiederholt, dass wir im Kaukasus den internationalen Terrorismus bekämpfen, bis dies zu einer sich selbst verwirklichenden Prognose wurde. Der Kreml hat den internationalen Terrorismus bestellt; er ist gekommen. In der Tat verändern sich das Verhalten und die Weltanschauung der tschetschenischen Rebellen und eines Großteils der Bevölkerung, die mit ihnen sympathisiert. Das gilt vor allem für Jugendliche. Rebellenkommandeure, die rein separatistische Ziele verfolgten, werden durch Leute abgelöst, die sich einem globalen islamistischen Netz anschließen oder ihm nahe stehen und von ihm Geld oder gar Kämpfer bekommen. Unsere Weigerung, mit den Separatisten zu verhandeln, und die Ausschreitungen russischer Truppen gegenüber der Zivilbevölkerung radikalisieren immer mehr Tschetschenen.

Unsere von KGB-Veteranen dominierte Regierung lehnt Verhandlungen mit Rebellenführer Aslan Maschadow oder einem kollektiven Maschadow - trotzig ab, weil sie dies fälschlicherweise für eine Idee von Menschenrechtlern hält, die sie gleichsam genetisch verachtet. Doch Verhandlungen mit gemäßigten Separatisten - falls wir solche nach zehn Jahren Krieg noch finden - wären kein Ausdruck humanitärer Schlappheit oder von Schwäche gegenüber dem Terrorismus.

Im Gegenteil wären Verhandlungen ein Beispiel für den von Putin angeblich so geschätzten Pragmatismus, der seine Gegner spalten könnte und dem schlimmsten Feind - dem globalen islamistischen Terrorismus, der einen Heiligen Krieg gegen den Westen und Russland führt - bei uns den Nährboden entziehen könnte. Der islamistische Terrorismus ist mit rein militärischen Mitteln nicht zu besiegen. Nicht in Tschetschenien, nicht in Irak, nicht in Palästina. Nur wenn wir ihm die breite Unterstützung der Bevölkerung entziehen, können wir dieses Übel vernichten. Tatsächlich aber fördern wir diesen Terrorismus durch unsere Politik und lassen ihn sich durch den ganzen Nordkaukasus ausdehnen. Es ist kein Zufall, dass in unseren Terroristengruppen nicht mehr nur Tschetschenen zu finden sind.

Schizophrenie gegenüber den USA

Geradezu schizophren ist, dass wir unser Bestes getan haben, um der Welt zu beweisen, dass wir gegen den internationalen Terrorismus kämpfen - doch mit gleichsam jubelnder Schadenfreude jeden Anschlag begrüßen, den eben dieser internationale Terrorismus unserem angeblichen Partner der Anti-Terror-Koalition, den USA, versetzt. Das kremlkontrollierte russische Staatsfernsehen zeigte trauervolle Szenen der Anschläge in Russland, gefolgt von jubelnden Reportagen russischer Korrespondenten über Explosionen in Bagdad und Falludscha. Auf einmal waren die Terroristen, die Wagen sprengten und Kinder ermordeten, Aufständische, Partisanen oder irakische Patrioten, die gegen die US-amerikanische Militärclique kämpfen.

Man kann natürlich seinen offiziellen "strategischen Partner" heftig hassen - doch nicht unendlich lange. Solch ein Bewusstseinsfehler strengt sogar die an schizophrene Weltsichten gewohnte russische Elite an. Deswegen hat unsere politische Beau Monde erleichtert Putins Rede vom 4.September - am Tag nach dem Ende des Geiseldramas von Beslan - gehört. Jetzt gibt es endlich wieder einen Feind. "Einige möchten von Russland ein dickes Stück abreißen, andere helfen ihnen", erklärte Putin seinem Volk. "Sie helfen und glauben, dass Russland, eine der größten Atommächte der Welt, immer noch eine Gefahr darstellt. Deswegen soll diese Gefahr beseitigt werden. Und Terrorismus ist natürlich nur ein Mittel zum Erreichen dieses Ziels."

Russen gegen den Rest der Welt

Nach dieser Erklärung steht in Russland alles wieder am alten Platz: Hinter dem Rücken des internationalen Terrorismus steht ein noch schrecklicherer, aber vertrauterer Feind. Als KGB-Veteran nannte Putin ihn zunächst abstrakt "andere" "jemand" "irgend jemand". Doch denjenigen, die es immer noch nicht verstanden hatten, erklärten später zur besten Sendezeit Michail Leontjew und Alexej Puschkow, zwei unserer gefürchtetsten Fernsehideologen, die "anderen" und der "irgend jemand" seien der Westen, die Nato, die USA und Liberale wie Grigorij Jawlinskij. Endlich dürfen wir Russen wieder gegen die ganze Welt, gegen Europa und die USA kämpfen. Wie Putin gewarnt hat: dieser Krieg wird lange dauern, sehr lange. Es wäre gut, das den Freunden George W., Tony, Jacques, Silvio und Gerhard zu erklären.

Aus dem Russischen von Florian Hassel

Dossiers: Tschetschenien - der vergessene Krieg und Die Terror-Diskussion in Europa im Dossier Terror gegen den Westen

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