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Werden Krebskranke in der Corona-Pandemie unterversorgt?

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Von: Pamela Dörhöfer

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In einem Krankenhaus machen zwei Krebspatientinnen Sportübungen mit Bällen.
Sport kann Krebskranken dabei helfen, wieder gesund zu werden. Nicht förderlich sind überlastete Krankenhäuser. © Heike Lyding

Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie sieht Unterversorgung von Krebskranken während der Corona-Pandemie. Notwendige Operationen müssen verschoben werden.

Frankfurt – Die Corona-Pandemie hatte in vielen Ländern und auch in Deutschland Folgen für die Versorgung von Krebskranken: Bei einem Teil der Patient:innen verzögerten sich notwendige Operationen. Das belegen unter anderem eine große internationale Studie und eine Untersuchung der Universität Halle; allerdings beziehen sich beide auf Daten aus 2020. Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie warnt aber auch wegen der aktuellen Welle der Omikron-Variante vor Versorgungsengpässen zulasten von Menschen mit Krebs.

Offiziell sollten Tumoroperationen ausgenommen sein, wenn Notfallpläne während der Pandemie greifen und planbare Eingriffe verschoben werden. Eigentlich. Wie die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie in einer Mitteilung schreibt, gebe es indes „vielerorts Berichte, dass die Realität doch anders aussieht“. „Bei Auslastung aller Ressourcen und Betten in den Krankenhäusern der stark betroffenen Regionen werden auch Krebspatient:innen unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt.“ Die Fachgesellschaft warnt deshalb vor einer Unterversorgung von Krebskranken, „die de facto schon vielerorts Realität“ sei.

Corona-Pandemie verhindert geplante Tumoroperationen

Erschreckend muten auch die Zahlen einer im Fachmagazin „The Lancet Oncology“ veröffentlichten Kohorten-Studie der „CovidSurg Collaborative“ an. Die Autor:innen hatten sich dafür die Daten von 466 Krankenhäusern aus 61 Ländern angeschaut; insgesamt ging es um mehr als 20.000 erwachsene Patient:innen mit 15 verschiedenen Krebsarten. Bei allen stand die operative Entfernung eines Tumors an.

Steigende Zahlen

Jedes Jahr erhalten in Deutschland rund 500 000 Menschen die
Diagnose Krebs. Rund 200 000 Menschen sterben jedes Jahr an ihrer Erkrankung. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg (DKFZ), rechnet damit, dass die Zahlen bis zum Jahr 2030 um 20 Prozent steigen werden.

65 Prozent leben fünf Jahre nach der Krebsdiagnose noch, damit liegt Deutschland international auf einem der vorderen Plätze. Insgesamt leben in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen mit Krebs oder haben eine Tumorerkrankung überstanden. pam

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass der bereits geplante Eingriff bei etwa zehn Prozent dieser Menschen auch nach 23 Wochen noch nicht stattgefunden hatte. In jedem dieser Fälle wurde ein Grund im Zusammenhang mit Covid-19 aufgeführt. Bei strengen Lockdowns war die Rate der Ausfälle besonders hoch, dann musste eine von sieben Personen auf den geplanten Eingriff warten. Überproportional stark betroffen waren Tumorkranke, die besonders intensive Pflege nach der Operation benötigten sowie Menschen mit zusätzlichen Erkrankungen oder fortgeschrittenem Krebs. Grundsätzlich wurden die Krebsoperationen in ärmeren Ländern häufiger verschoben als in reicheren.

Engpässe durch Corona-Pandemie: Strahlentherapien als Verzögerungstaktik

Trotz der Verzögerungen wurde (noch) kein vermehrtes Auftreten von Metastasen beobachtet; mit der Einschränkung, dass die seitdem vergangene Zeit zu kurz ist, um mögliche Schäden richtig einschätzen zu können. Damit Rezidive und Tochtergeschwulste als potenziell fatale Folgen einer Verschiebung von Operationen möglichst vermieden werden, rät die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie, eine Strahlentherapie einzusetzen, „um das Krebswachstum einzudämmen und die Zeit bis zur OP zu überbrücken“. In vielen Fällen könne sie eine „gleichwertige Alternative“ darstellen, etwa bei Prostatakrebs.

Dass auch in einem reichen Land Krebstherapien während des ersten Coronajahres verschoben wurden, belegt die Studie der Universitätsmedizin Halle, die im Fachjournal „Strahlentherapie und Onkologie“ erschienen ist. Die Forschenden analysierten dafür die Daten zur stationären Behandlung zweier häufiger Krebsarten an 14 deutschen Universitätskliniken. Im Fokus standen Tumore der Kopf-Hals-Region und des Gebärmutterhalses – Erkrankungen, bei denen eine Verzögerung besonders kritisch ist, „weil diese Tumore sehr schnell wachsen“, wie Studienleiter Daniel Medenwald im „Ärzteblatt“ zitiert wird.

Corona-Pandemie sorgt für Abweichungen in der Krebstherapie

Wie es in dem Bericht heißt, bestand „neben dem drohenden Mangel an Intensivbetten für alle Behandlungsmethoden das Risiko von Versorgungsengpässen aufgrund von Covid-19-bedingten Pandemieausfällen.“ So war bei Kopf-Hals-Tumoren die Anzahl der Krankenhausbehandlungen zwar vergleichbar mit denen in 2018 und 2019. Allerdings nahm die Zahl der operativen Eingriffe im Lockdown um elf und in der „Normalisierungsphase“ um 13 Prozent ab. Stattdessen gab es 13 beziehungsweise 15 Prozent mehr Strahlentherapien.

Bei Tumoren des Gebärmutterhalses war im Lockdown ein Rückgang aller stationären Behandlungen um zehn und in der Zeit danach um 20 Prozent zu verzeichnen, hier gab es auch mehr als 20 Prozent weniger Strahlentherapien. Studienleiter Medenwald vermutet, dass dieser Rückgang speziell bei Gebärmutterhalskrebs damit zusammenhängen könnte, dass weniger Frauen die Früherkennung in Anspruch genommen haben. (Pamela Dörhöfer)

Währenddessen forschen die Pharmakonzerne Biontech, Curevac und Moderna an mRNA-Impfstoffen gegen Krebs, mit erfolgversprechenden Ergebnissen.

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