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Viel Stress, wenig Geld: Nur rund sieben Jahre halten die meisten einen Job in der Pflege durch.
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Viel Stress, wenig Geld: Nur rund sieben Jahre halten die meisten einen Job in der Pflege durch.

Interview

Franziska Böhler über Gesundheitssystem: „Alle tragen ein unsichtbares Preisschild“

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Autorin und Krankenpflegerin Franziska Böhler über ein heruntergespartes Gesundheitssystem, ihre zermürbende Arbeit und die Tatenlosigkeit der Politik.

Rund vier Millionen pflegebedürftige Menschen gibt es in Deutschland. 2030 könnten es nach Schätzungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) 600.000 Menschen mehr sein. Aber schon jetzt fehlen Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Mit Folgen nicht nur für Alte und Kranke, sondern auch für das Personal. Die Krankenschwester Franziska Böhler warnt vor Zeitdruck, hoher Arbeitslast und niedrigen Löhnen.

Frau Böhler, in Ihrem Buch „I’m a Nurse““ schreiben Sie über Ihren Beruf als Krankenschwester. Das Buch ist ein Bestseller. Auch weil es einen persönlichen und unverstellten Blick auf den Klinikalltag gewährt. Dabei spielt das Stationsklo eine wichtige Rolle – wie genau?

Das Stationsklo war der einzige Rückzugsort. Es war ruhig, man hat nur das Summen der Klimaanlage gehört. Das hat unglaublich beruhigend auf mich gewirkt. Das Klo war für viele, nicht nur für mich, eine kleine Zuflucht, ein Ort zum Verschnaufen. Ich habe viele Kolleginnen und Kollegen gesehen, die es verheult verlassen haben.

Wie sieht es vor der Toilettentür aus?

Die Dienste in ständiger Unterbesetzung waren früher die Ausnahme und sind dann langsam zur Regel geworden. Ein schleichender Prozess: Irgendwann kam kein Nachwuchs mehr nach, Kollegen sind ausgestiegen oder in Rente gegangen. Wir mussten uns mit Zeitarbeitskräften über Wasser halten.

Franziska Böhler (34) arbeitete 13 Jahre auf einer Intensivstation, bevor sie im Jahr 2020 auf eine anästhesiologische Station wechselte. Unter @thefabulousfranzi berichtet sie auf Instagram aus dem beruflichen und privaten Alltag. Ihr Buch „I’m a Nurse“ ist 2020 bei Heyne erschienen und war auf Platz eins der Spiegel-Bestseller-Liste.

Franziska Böhler streitet für ein Gesundheitssystem, das sich an den Menschen orientiert

In Ihrem Buch geht es auch um die „moral injury“, eine moralischen Verletzung der Pflegekräfte. Was meinen Sie damit?

Der Begriff kommt aus dem militärischen Bereich und bezeichnet einen Verstoß gegen die eigenen Wertvorstellungen. Ein Beispiel: Der Moment, wenn Besucher ihre Angehörigen auf der Intensivstation nach dem Besuch zurücklassen müssen, ist immer besonders schwer. Man geht nach Hause und weiß nicht, wie es den Angehörigen geht. In diesen Momenten habe ich früher immer gesagt: Gehen Sie ganz beruhigt nach Hause, ich passe gut auf sie oder ihn auf. Und das habe ich auch so gemeint. Aber dann kamen vielleicht ein dritter und ein vierter Patient, dann kam ein Notfall – und am Ende des Tages ist mir klar geworden: Eigentlich habe ich mich überhaupt nicht gut gekümmert, sondern habe nur Notsicherung betrieben.

Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Das zermürbt dich, das macht dich fertig. Und deshalb schmeißen aus so viele hin. Man rettet sich in einen anderen Job, weil man merkt: So geht es nicht mehr weiter.

Was sind die Gründe für diesen Zustand?

Es gibt viele Gründe. Wenn man die alle aufarbeitet, ist man zwei Wochen beschäftigt. Es fing damit an, dass man Anfang der 2000er Personal abgebaut hat. Dann kamen die Fallpauschalen und insbesondere die Privatisierungswelle. Der Grundgedanke war, möglichst viel Profit zu erzielen. Das ist bis heute so. An der Pflege gibt es nichts mehr zu sparen, deshalb sparen große Klinikkonzerne Arztstellen und Servicekräfte ein. Deren Aufgaben werden auf die Pflegekräfte umgelegt und der Arbeitsdruck steigt. Das ist ein gruseliges Hamsterrad.

Franziska Böhler über Corona-Pandemie: Sterben im Akkord

Das klingt eher nach der Arbeit in einer Fabrik, als in einem Krankenhaus.

Ja, so empfinden das viele Kollegen. Dass man die Patienten nur noch abarbeitet, weil die Zeit fehlt.

Warum sorgt das nicht für einen großen Aufschrei in der Öffentlichkeit?

Weil viele Menschen nur indirekt betroffen sind. Wer gesund ist, denkt nicht ans Sterben. Man schiebt den Gedanken an das Sterben, und wie es in den Krankenhäusern aussieht, weit von sich weg. Das ist ja auch verständlich. Aber irgendwann wird man sich damit beschäftigten müssen.

In den letzten Monaten standen die Intensivstationen und die Arbeit der Pflegekräfte im Fokus. Es gab Applaus und viele Versprechungen. Nun klingt die Pandemie ab. Wie geht es weiter?

Es ist gestorben worden im Akkord. Das lässt niemanden kalt. Deshalb bräuchten alle, die die drei Wellen durchgearbeitet haben, einen Urlaub oder eine Reha, um sich erholen zu können. Aber das wird nicht passieren, im Gegenteil: Alle Krankenhäuser haben Minus gemacht und diese Verluste gilt es jetzt wieder reinzuholen. Das bedeutet für uns: Es wird normal weiter operiert, die Arbeitslast bleibt gleich oder nimmt zu.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden. Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de . Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um Rechte für Bürgerinnen und Bürger. Sie erscheint am Freitag, 09. Juli.

Zuletzt erschienen: eine Folge der Serie zu globaler Verantwortung am Freitag 02. Juli.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/bundestagswahl

Franziska Böhler über ihren persönlichen Merkel-Moment

Angela Merkel wurde 2005 Bundeskanzlerin, Sie arbeiteten von 2007 bis 2020 auf einer Intensivstation. Was war Ihr persönlicher Merkel-Moment?

Mein Merkel-Moment war die Wahlarena 2017, als der Azubi Alexander Jorde die Bundeskanzlerin mit den Missständen in der Pflege konfrontiert hat. Da war ich beeindruckt. Ich dachte: Okay, jetzt muss sie reagieren. Aber naja, passiert ist danach nichts.

Die Chancen für eine neue Regierung ohne CDU und CSU stehen aktuell nicht schlecht. Was würde sich mit einer rot-grün-roten oder grün-rot-roten Regierung ändern?

Nichts.

Nichts?

Ich habe mir die Agenden der Parteien ja angeschaut. Nirgends sehe ich den großen Beschluss oder die große Strategie.

Franziska Böhler sieht keine Perspektive für das Gesundheitssystem

Sie glauben nicht an Wandel?

Wir haben keine Perspektive, es gibt kein Licht am Ende des Tunnels. Niemand nimmt sich der Wurzel allen Übels an: dass alle Patienten ein unsichtbares Preisschild tragen.

Diese FR-Serie trägt den Titel „Wir können auch anders“. Treten wir deshalb einen Schritt aus der Realität: Was wäre in einer idealen Welt das Erste, was die nächste Bundesregierung tun sollte?

Die komplette Reform unseres Gesundheitssystems, alles überarbeiten. Damit der Beruf wieder attraktiver wird und wir die Leute halten können. Denn wir haben ja nicht nur ein Problem, Nachwuchs zu finden, sondern auch ein Problem mit der Verweildauer. Die durchschnittliche Pflegekraft bleibt sieben Jahre im Job.

Franziska Böhler: Pflege können nicht alle

Was genau muss sich ändern?

Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern. Das geht nur, wenn der Beruf wieder attraktiver wird. Und wie wird der Beruf attraktiver? Wenn es mehr Personal gibt und dadurch die Belastung für einzelne sinkt. Und wie bekommt man mehr Personal? Indem die Menschen besser bezahlt werden. Also ganz wichtig: Wir brauchen Personalschlüssel, die sich am tatsächlichen Bedarf orientieren und nicht eher willkürlich in einer Statistik festgelegt sind.

Das waren die Forderungen Ihrer Petition.

Ja, wir haben 300.000 Unterschriften gesammelt. Aber die Petition ist verpufft, sie ist einfach abgeschmettert worden. Das Bundesgesundheitsministerium hat uns mitgeteilt, man sehe keinen Handlungsbedarf. Das demotiviert. Ich frage mich an manchen Tagen, warum ich mir das alles noch antue.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie kein Licht am Ende des Tunnels sehen. Was passiert, wenn sich nichts ändert?

Ich habe die große Sorge, dass wir in eine Deprofessionalisierung rutschen. Es ist ja klar, dass wir Pflegekräfte brauchen. Aber Fachkräfte fallen nicht vom Himmel. Und wenn sich nichts ändert, kommen wir bald an den Punkt, an dem jeder und jede genommen werden muss – unabhängig von der Qualifikation. Pflege kann aber nicht jeder – das ist ein hochqualifizierter Beruf mit einer anspruchsvollen Ausbildung.

Interview: Steffen Herrmann

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