Caracas

Venezuela: Maduro lässt Milizen bilden

  • schließen

Die Zeichen in Venezuela stehen auf Konfrontation. 

Es ist erst kurz nach 13 Uhr, aber Rosanna Caziello verliert langsam den Überblick. Sie hält eine gelbe Mappe in der Hand, darin rund 20 Seiten mit Unterschriftenlisten. „Neunhundert oder tausend Menschen haben schon unterschrieben“, sagt sie. Und auf ihr Gesicht legt sich ein zufriedenes Lächeln. Caziello, 50 Jahre alt und von Beruf Lehrerin, arbeitet für „Caracas Ciudad Plural“, ein Zusammenschluss von Organisationen der Zivilgesellschaft der venezolanischen Hauptstadt. „Keine Parteien, nicht rechts nicht links“, sagt sie. „Wir wollen nur, dass endlich wieder die demokratischen Werte in unserem Land respektiert werden.“

Es ist Samstag, Tag des Protestes in Caracas und ganz Venezuela. Nicolás Maduro und Juan Guaidó, die beide jeweils das Präsidentenamt für sich beanspruchen, wollen der Welt zeigen, dass sie das Land hinter sich vereinen können. Maduro lässt auf der Avenida Bolívar im Zentrum von Caracas aufmarschieren, Juan Guaidó, Oppositionsführer und selbst ernannter Präsident, ruft im Stadtteil Las Mercedes zum Protest. Fünf Kilometer Luftlinie trennen die beiden Kundgebungen, deren Anhänger ideologische Welten voneinander entfernt sind und sich unversöhnlich gegenüberstehen. Guaidó nennt Maduro einen „Diktator“, der linksnationalistische Staatschef hält Guaidó für eine „Marionette des Imperialismus und der USA“. Eine Kritik, an der zumindest ein Körnchen Wahrheit ist.

Caziello hat mit ihren Unterschriftenlisten um neun Uhr morgens an der Plaza Alfredo Sadel, mitten im Stadtteil Las Mercedes, Position bezogen, da, wohin die Opposition zur Kundgebung gerufen hat. An dem Klapptisch neben ihr stehen die Menschen Schlange. Männer, Frauen, Alte, sogar Kinder wollen unterschreiben. Zur Stärkung der Demokratie, für die Anerkennung der Nationalversammlung als einzige demokratische Institution des Landes und für Juan Guaidó als Präsidenten. „Wir müssen erst Demokratie und Freiheit wiedergewinnen“, sagt die Ärztin Maria Álvarez, als sie unterschreibt. „Und dann müssen wir ein Projekt für alle entwerfen, in dem Opposition und auch die Chavisten Platz haben. Das sind ja auch Venezolaner.“

Venezuela: von Versöhnung spricht niemand

Bis dahin scheint es noch ein weiter Weg in Venezuela. Von Versöhnung spricht im Moment niemand. Die Zeichen stehen weiter auf Konfrontation. Die Regierung lässt Milizen bilden, bewaffnet angeblich Arbeiter und Studenten, wie Maduro am Sonntag sagte.

Ein Bürgerkrieg sei nicht auszuschließen. Die Gegenseite lehnt jede Verhandlungslösung ab und akzeptiert einzig und allein den Rücktritt von Maduro.

Sekundiert werden beide Seiten aus dem Ausland. Hier Russland, die Türkei und China, dort die Europäische Union, weite Teile Lateinamerikas und vor allem die USA, die offen zum Sturz Maduros aufrufen.

Doch bisher lässt sich der Autokrat dadurch nicht beirren – im Gegenteil, je enger es für ihn zu werden scheint, desto wohler fühlt er sich. Am Samstag auf der Avenida Bolívar läuft er zu großer Form auf. Er redet eine Stunde vor seinen Anhängern. Er tanzt, singt, animiert die ganz in das Rot der Staatspartei PSUV getauchten Menschen zu La Ola und verspricht wirtschaftliche Besserung. Vor allem versichert er, dass das Militär noch hinter ihm stehe. „Die Streitkräfte standen noch nie so geeint hinter dem Präsidenten, der ihr Oberbefehlshaber ist, wie jetzt“, behauptet Maduro im langärmeligen roten Hemd, das über dem Bauch spannt.

Wenige Stunden zuvor allerdings hatte sich der bisher hochrangigste Offizier von Maduro losgesagt. In den Onlinediensten kursierte am Samstagmorgen ein Video, auf dem ein Divisionsgeneral der Luftwaffe zum Sturz Maduros aufruft. General Francisco Estéban Yáñez Rodríguez vom Luftwaffenoberkommando sagt in der knapp zweiminütigen Botschaft, er erkenne die „diktatorische Macht von Nicolás Maduro“ nicht mehr an und stelle sich hinter den Oppositionsführer Guaidó. 90 Prozent der Streitkräfte stünden nicht mehr hinter „dem Diktator“, sondern „an der Seite des venezolanischen Volkes“. Der Übergang zur Demokratie sei nicht mehr aufzuhalten.

In Las Mercedes setzt Oppositionsführer Guaidó genau darauf, dass die Militärs die Seiten wechseln. Er steht fast zeitgleich mit Maduro auf einer Bühne, trägt ein weißes offenes Hemd und ein blaues Sakko und appelliert wie bei jeder seiner Reden an das Militär, sich „auf die Seite der Verfassung und des Volkes“ zu stellen. Und Guaidó verspricht: „Der Präsidentenpalast Miraflores ist immer einsamer, aber bald sind wir da und werden eine Übergangsregierung bilden und freie Wahlen ansetzen.“ Die Menschen quittieren seine Versprechen mit Jubel.

Guaidós Anhänger tragen kein Rot wie die Chavisten, sondern sind in die blau-gelb-roten Nationalflaggen gehüllt. Sie halten Pappschilder in die Höhe, auf denen steht: „Keine Diktatur mehr“ oder „Fahrradfahrer für die Freiheit“.

Die Menschen scharen sich hinter einem Politiker, den fast alle, die jetzt seinen Namen aus voller Kehle brüllen, vor vier Wochen noch gar nicht kannten. Guaidó, ein Abgeordneter aus der zweiten Reihe der von Maduro kaltgestellten Nationalversammlung, erklärte sich am 23. Januar auf einer Massendemonstration plötzlich in seiner Funktion als Vorsitzender der Nationalversammlung zum Staatschef.

Für die Venezolaner, die unter einer dramatischen Versorgungskrise leiden und in Apathie versunken waren, wirkte das wie ein Weckruf. Sie folgen diesem neuen frischen Gesicht, einem Politiker, der nicht nur redet, sondern auch handelt, der nicht zwischen Kompromiss und Konfrontation zaudert wie seine Vorgänger, sondern klar sagt, er wolle nicht verhandeln, sondern er wolle, dass Maduro gehe. Er hat einen klaren Plan von der Machteroberung.

Dabei stört es die Gegner der Regierung offensichtlich nicht im Geringsten, dass Guaidó den Plan offenbar gemeinsam mit den USA oder mit deren Unterstützung ausgeheckt hat, dass alles von langer Hand vorbereitet und mit den Falken der Regierung von US-Präsident Donald Trump koordiniert war.

Und es stört die Menschen wohl auch nicht, dass die USA immer wieder mit einer militärischen Intervention kokettieren. „Um Maduro loszuwerden, brauchen wir die Unterstützung aller Länder, selbst die der USA“, sagt Luisana Santamaría. „Wenn es jetzt nicht klappt, dann schaffen wir es nie mehr“, betont die 35-jährige Grafikdesignerin. „Danach sehen wir dann, wie wir die Gringos loswerden. Das ist die leichtere Aufgabe.“

Am Samstag haben beide Seiten Hunderttausende im ganzen Land auf die Straßen gebracht. Es ist ein Patt, mit leichtem Vorteil für die Opposition, vor allem wenn man bedenkt, dass Maduro alle Angestellten der Staatsbetriebe zwangsverpflichtet hat, sich an der Kundgebung zu beteiligen.

Rosanna Caziello mit ihrer Unterschriftenliste weiß auch, dass der Weg noch lang sein kann bis zu einem Machtwechsel in Venezuela. „Aber wir müssen jetzt schon anfangen, die Werte wieder aufzubauen, die uns in den vergangenen 20 Jahren Chavismus verlorengegangen sind. Demokratie, Respekt, das Akzeptieren anderer Meinungen.“

Rubriklistenbild: © afp

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion