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Südkorea feiert seine Unabhängigkeit von Japan - und will sie auch im Handelsstreit mit aller Kraft verteidigen.

Japan

Kostspieliger Streit

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Im Handelskonflikt zwischen Tokio und Südkorea entpuppt sich Japans Premier Abe als Nationalist im multilateralen Gewand.

Es ist nicht lange her, da profilierte sich Shinzo Abe noch als glühender Multilateralist und Vermittler zwischen zerstrittenen Regierungschefs. Als die 20 größten Industrienationen Ende Juni in Osaka zum G20-Gipfel zusammentrafen, bemühte sich der japanische Premierminister als Gastgeber, alle Seiten zum Ausgleich zu bringen. Sein erklärtes Ziel: eine Rückkehr zu allgemeingültigen Regeln für grenzüberschreitenden Waren- und Dienstleistungsverkehr, die Handelskriege wie jenen zwischen China und den USA unmöglich machen. Wünschenswert sei, wenn es einen einzigen Vertrag gäbe, an dessen Statuten sich alle Länder der Welt hielten.

Einen Monat später wirken solche Visionen wie Ironie. Japan führt mittlerweile seinen eigenen Handelskrieg gegen seinen regionalen Nachbarn Südkorea. Und es waren nicht etwa die Beamten aus Seoul, die zuerst nach harschen Mitteln griffen, sondern die Regierung in Tokio. Nach einem Hochschaukeln über die vergangenen Wochen haben sich die beiden Staaten offiziell die Freundschaft aufgekündigt. Japan hat Südkorea von seiner Liste „befreundeter Staaten“ gestrichen, die durch diesen Status bevorzugte Handelsbedingungen genießen. Südkoreas Handelsministerium teilte am Montag mit, es sehe in Japan auch keinen „bevorzugten“ Partner mehr.

Dies ist erst der letzte Schritt einer Eskalationsspirale, von der sich schwer absehen lässt, wohin sie noch führen wird. Im Juli veranlasste Japans Regierung Exportbeschränkungen für Elektronikprodukte nach Südkorea. Ausfuhren sind damit nur nach einem langwierigen bürokratischen Verfahren möglich.

Wirtschaftlich gesehen ist die Sache, wie so viele Handelskonflikte, für beide Seiten schlecht. So kommen die mit Abstand meisten der in Südkorea weiterverarbeiteten Maschinenteile für Chips und Autos aus Japan. Und da solche Lieferungen hochspezialisiert sind, ist ein schnelles Umsteigen auf neue Zulieferer kompliziert. Koreanische Konzerne wie Samsung oder Hyundai haben darunter zu leiden. Umgekehrt verzeichnen auch die japanischen Exporteure dieser Produkte Umsatzeinbußen.

Hinzu kommen sekundäre Effekte. In Südkorea sind etwa schon japanische Hersteller in allen Branchen betroffen, da dort auf Massendemos zum Boykott aller möglicher japanischer Produkte aufgerufen haben. Auswirkungen reichen von japanischer Kleidung bis zu japanischem Bier, im Juli brachen japanische Umsätze in Korea teilweise um 40 Prozent ein.

Falls wiederum südkoreanische Hersteller mit ihrer Produktion elektronischer Waren nicht mehr weiterkommen, weil dafür die Zutaten aus Japan fehlen, dann wird sich dies in den kommenden Monaten auch auf die globale Wertschöpfungskette für Halbleiter und Smartphones auswirken. Dabei ist der Konflikt im Kern kein ökonomischer, sondern ein politischer oder gar historischer. Seinen Ursprung hat er in den Jahren von 1910 bis 1945, als Südkorea japanische Kolonie war und japanische Betriebe dort Koreaner unter anderem in Zwangsarbeit beschäftigten. Die Aufarbeitung dieser Vergangenheit sieht Japan durch einen zwischenstaatlichen Vertrag von 1965 abgeschlossen, der Japan unter anderem zu einer Zahlung von 300 Millionen US-Dollar verpflichtete.

Nur kam im vergangenen Jahr Südkoreas Oberstes Gericht zu dem Schluss, dass die japanischen Konzerne Nippon Steel und Mitsubishi Heavy Industries Entschädigungen an koreanische Arbeiter von damals zahlen müssen. Auf japanischer Seite erkennt man das Urteil nicht an, Tokio will die Sache nun vor dem Internationalen Gerichtshof klären.

Dabei seien die nun ergriffenen handelspolitischen Schritte gegen Südkorea, so behauptet man in Tokio, keine Vergeltungsmaßnahme gegen den Nachbarn und dessen Gerichtsbarkeit. Vielmehr sehe man das bilaterale Vertrauen verletzt. Und zum Handeln miteinander brauche man das nunmal. Allerdings fällt bei den japanischen Handelsbeschränkungen insbesondere das Timing auf, das wiederum für Südkorea nicht gerade vertrauensfördernd daherkommen dürfte: die ersten Schritte seitens Japans erfolgten fast postwendend nach dem G20-Gipfel. Solange die Welt in Osaka zu Gast war, hatte sich Shinzo Abe noch als Multilateralist gegeben. Kurz darauf, mit einer Oberhauswahl daheim im Visier, übte Abe dann eine auffallend offensive Rhetorik gegen Südkorea. Damit dürfte Abe auch auf Stimmenfang gewesen sein.

Der bilaterale Konflikt, so schätzt es der US-amerikanische Council on Foreign Relations ein, sei aber auch deshalb aufgeflammt, weil sich Abe und der südkoreanische Staatschef Moon Jae In überdies auf anderen Feldern nicht einig sind. Mit Blick auf Nordkorea dränge Moon zu einer Lockerung der Handelssanktionen und Verständigungspolitik, während sich Japans Präsident Abe für Härte ausspreche.

Und während Südkorea auch in China eine Chance zur Integration sehe, erkenne Japan eher Gefahr und Konkurrenz. So sei der Handelsstreit nun ein Ventil für diverse Uneinigkeiten.

Das Ganze könnte noch weitere sicherheitspolitische Kreise ziehen. Südkorea drohte zuletzt an, einen Vertrag mit Japan über den Austausch sensibler Informationen aufzukündigen, was auch den Umgang mit Nordkorea betrifft. Dies macht wiederum die USA nervös, die nicht nur gegenüber Nordkorea, sondern auch China auf Zusammenarbeit mit den beiden Sicherheitspartnern Südkorea und Japan zählen.

Möglich aber, dass sich zumindest die handelspolitische Dimension des Konflikts mittelfristig beilegen lässt. Zwar gibt derzeit keine Seite nach. Aber Südkorea sucht den Weg über die Welthandelsorganisation, um den Fall zu klären. Es wäre eigentlich genau das Prinzip der Konfliktprävention und -lösung, für das sich Shinzo Abe im Juni in Osaka noch starkgemacht hatte.

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