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Menschen mit Down-Syndrom, 2016 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen: Die Schau wurde von den Betroffenen mitgestaltet.

Praena-Test

Kostenloser Bluttest auf Trisomie rückt näher

Der Bundesausschuss aus Ärzten, Kliniken, Patientenvertretern und Kassen empfiehlt die Einführung – Bundestag debattiert im April.

Der Bluttest auf eine mögliche Trisomie des ungeborenen Kindes soll nach Ansicht des höchsten Entscheidungsgremiums der gesetzlichen Krankenversicherung künftig von den Kassen bezahlt werden. Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Josef Hecken erklärte in einer am Freitag veröffentlichen Beschlussempfehlung des Gremiums, angesichts der Risiken herkömmlicher Untersuchungen sowie der belegten hohen Testgüte der geprüften Bluttests sehe er eine Anerkennung als medizinisch begründet an. Hecken ergänzte, es gehe nach dem Beschluss des G-BA ausdrücklich um die Anwendung des Tests bei Schwangerschaften mit besonderen Risiken. „Es geht nicht etwa um eine Reihenuntersuchung aller Schwangeren“, betonte er.

Eine endgültige Entscheidung des G-BA wird frühestens für August dieses Jahres erwartet. Vorher will der Bundesausschuss noch Experten wie die Bundesärztekammer, die Gendiagnostik-Kommission oder den Deutschen Ethikrat anhören. Hecken hatte im Vorfeld auch mehrfach klar gemacht, dass er die im Bundestag geplante Debatte und mögliche Beschlussfassung über den Bluttest auf Trisomien als Kassenleistung begrüßt.

Der Bundestag ist völlig frei darin, ob er den Beschlüssen des G-BA folgt oder die Gesetzeslage doch noch ändert. Wie sich das Parlament verhalten wird, ist aber noch völlig offen. Eine erste „Orientierungsdebatte“ ist in der zweiten Aprilwoche geplant.

Unternimmt das Parlament jedoch nichts und legt auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kein Veto ein, dann könnte der Beschluss des G-BA frühestens im Herbst 2020 wirksam werden. Denn die Beschlussempfehlung sieht auch vor, dass die Patienten besser aufgeklärt werden. Diese neue Versicherteninformation muss noch erstellt werden.

Bislang müssen Eltern die Gentests privat bezahlen. Die herkömmlichen Methoden Fruchtwasseruntersuchung oder Plazentabiopsie, die bei Risikoschwangerschaften von den Kassen bezahlt werden, bergen ein Risiko für Fehlgeburten. Der sogenannte nicht-invasive Test ist dagegen praktisch risikofrei, weil nur der Mutter Blut abgenommen wird.

Der Gentest ist allerdings umstritten. Vor allem Behindertenverbände kritisieren eine mögliche Zulassung als Kassenleistung. Sie befürchten Reihenuntersuchungen, an deren Ende sich kaum noch Eltern für behinderte Kinder entscheiden, womit in der Folge der Druck auf Behinderte selbst wächst. „Wir befürchten, dass künftig weniger Kinder mit Down-Syndrom zur Welt kommen als bislang“, sagt etwa die Geschäftsführerin des Deutschen Down-Syndrom InfoCenters, Dr. Elzbieta Szczebak. Sie fordert, das Beratungs- und Hilfsangebot für Schwangere und betroffene Familien viel stärker auszubauen. Bislang sei die Beratung Schwangerer oft defizitorientiert. „Ärzte sagen ihnen oft sofort: ‚Sie müssen das Kind nicht bekommen.‘“ Diese Sichtweise müsse sich ändern, so die Familienberaterin.

Die Patientenvertretung im

G-BA plädierte dafür, die Tests generell erst ab der zwölften Schwangerschaftswoche zur Kassenleistung zu machen und die Beratung der Frauen zu erweitern. Abtreibungen sind nach diesem Zeitraum nicht mehr ohne weiteres möglich. Dem schlossen sich die anderen Vertreter im Ausschuss, also Kassen und Ärzte, allerdings nicht an.

Die Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin (DGPGM) hält die Pläne aus „Gründen der Gerechtigkeit“ für richtig. „So gibt es kein Gefälle mehr zwischen den Schwangeren, die sich den Test leisten können und denen, die ihn nicht bezahlen können“, sagte der Präsident Professor Dieter Grab. Er betonte zugleich, der Bluttest sei „insgesamt dennoch kritisch zu betrachten. Man sucht damit ja lediglich nach den Trisomien 13, 18 und 21. Alles andere, was es an Entwicklungsstörungen gibt, würde unter den Tisch fallen.“ Grab mahnte, Schwangere dürften nicht die Erwartung entwickeln, „dass mit dem Bluttest die gesamte pränatale Diagnostik erledigt ist. Er ist kein Ersatz für normalen Standard der Überwachung.“ Auch ein Trisomie-Befund nach nichtinvasiven Verfahren wie dem Bluttest müsse durch eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt werden, betonten Pränataldiagnostiker.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich für eine Kassenzulassung des Bluttests ausgesprochen, fordert allerdings das Angebot einer ethischen Beratung. Verschiedene katholische Verbände haben sich gegen die Zulassung als Kassenleistung gewandt. (ms/dpa/epd/kna)

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