Spanien

Korrektes Gefühl der Unsicherheit

  • schließen

Die Fallzahlen aus Spanien klingen furchtbar - und verleiten zu falschen Schlüssen.

Jeden Tag um 11.30 Uhr gibt das spanische Gesundheitsministerium die aktuellen Zahlen zur Covid-19-Epidemie heraus. Am Freitag waren es: 64 059 positiv Getestete, 4165 Patienten auf den Intensivstationen, 4858 Tote, 9357 Geheilte. Die Zahlen sagen fast nichts. Die einzig aufschlussreiche und wohl präzise Zahl ist die der Toten – seit Donnerstag ist sie höher als die aus China. Immerhin: Die tägliche Wachstumsrate geht seit sechs Tagen – mit einem Ausschlag am Mittwoch – weiter leicht zurück, von 32,3 Prozent am vergangenen Samstag auf 18,8 Prozent am Freitag.

Die Zahl der Geheilten ist ein wenig Balsam: Nicht jeder, der mit Symptomen ins Krankenhaus kommt, stirbt dort. Die Zahl der Intensivpatienten ist irreführend. Offiziell ist es die Zahl aller Patienten, die während der Epidemie auf der Intensivstation gelegen haben. Manche Regionen geben hingegen nur die Zahl der Patienten weiter, die aktuell ein Intensivbett belegen. Das ist auch die sinnvollere Zahl, um ein Bild von der Belastung des Gesundheitssystems zu bekommen.

Die Zahl der positiv Getesteten zeigt nicht mehr als die Kapazität des Gesundheitssystems, Tests durchzuführen. Und die ist gering. Die Zahl der tatsächlich Infizierten dürfte etwa zehnmal höher liegen, es gibt gute Schätzungen dazu. Menschen mit leichten Symptomen gehen nicht ins Krankenhaus und wenn doch, werden sie ohne Test wieder nach Hause in Selbstquarantäne geschickt. In Madrid werden seit kurzem auch schwerkranke Patienten mit allen Symptomen einer Coronavirusinfektion nicht mehr getestet, sondern so behandelt, als hätten sie eine Infektion.

Witze statt Tränen

Dass Spanien über das Ausmaß der Epidemie im Nebel tappt, ist die Folge politischer Entscheidungen. Spaniens oberster Seuchenschützer, Fernando Simón, sagte am 5. März: „Menschen ohne Symptome zu testen ist nicht sehr sinnvoll.“ Ein negatives Ergebnis könne „ein falsches Gefühl der Sicherheit“ erzeugen. Die Konsequenz der Testverweigerung ist ein korrektes Gefühl der Unsicherheit bei allen.

Am 17. März hatte Simón dazugelernt und versprach, dass man „in zwei bis drei Tagen“ mit Massentests beginnen werde. Daraus ist bislang nichts geworden. Schnelltests, die die Regierung bestellte, erwiesen sich als unbrauchbar. Um nicht zu heulen, machen die Spanier Witze. „Ich hab den Test gemacht“, schrieb einer, „es wird ein Mädchen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion