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Kim Jin Hyang wirbt für Kooperation mit Nordkorea.

Korea

Ein Südkoreaner mit Sympathie für Nordkorea

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Kim Jin Hyang aus Südkorea will zurück nach Kaesong - ein Porträt.

An das Treffen von US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Kim Jong Un in Hanoi knüpft der Südkoreaner Kim Jin Hyang höchste Erwartungen. Denn der Vorsitzende einer derzeit stillgelegten Industrieanlage in Nordkorea will zurück ins Feindesland. Das mit dem Norden, erklärt er, noch bevor er Platz nimmt, sei ein Missverständnis. „Man hat dieses völlig falsche Bild.“ Dass dort alle hungerten. Dass man vor lauter Überwachung einander nur misstraue. „Die Wahrheit ist anders“, sagt Kim Jin Hyang und setzt sich an den Eichentisch in seinem Besprechungszimmer. Er zeigt auf die Fotografie, die die gesamte Wand bedeckt: „Da will ich wieder hin.“

Gebirge im Hintergrund, im Tal ein Gewerbegebiet: Der Industriekomplex Kaesong, fünf Kilometer nördlich der Grenze, ist das prestigereichste Kooperationsprojekt auf der koreanischen Halbinsel. An die 200 Betriebe aus dem Süden haben dort mit Personal aus dem Norden Güter hergestellt. Diese Zusammenarbeit, die Devisen und Löhne nach Nordkorea und billige Produkte von Kleidung über Schuhe bis zu Elektroteilen gen Südkorea brachte, nennt Kim Jin Hyang einen „Riesenerfolg“, eine „ökonomische und kulturelle Brücke“. Nur liegt die 2004 gegründete Anlage seit Februar 2016, als Südkoreas Regierung nach einem nordkoreanischen Raketentest alle Zelte abbrechen ließ, leider brach.

Als Vorsitzender der Anlage in Kaesong war Kim Jin Hyang einer der sehr wenigen Südkoreaner, die in Nordkorea leben durften. Als junger Mann hatte er an der Uni Nordkoreastudien belegt, danach arbeitete er als hoher Beamter. 2008 bis 2016 lebte er überwiegend als Gesandter im Norden.

Kaum ein Südkoreaner kennt Nordkorea besser als Kim Jin Hyang. Schließlich verharren die beiden Länder seit 1953, als nach drei Jahren militärischer Konflikte und 4,5 Millionen Todesopfern ein Waffenstillstand geschlossen wurde, weiterhin im Kriegszustand. Südkoreaner erhalten kein Visum für Nordkorea. Und seit es vor drei Jahren mal wieder krachte zwischen den Bruderstaaten, muss eben auch Kim wieder in seiner Heimat Seoul wohnen und arbeiten. „Ich versuche mich einzurichten“, sagt er dazu nur.

Das fällt nicht leicht. In einem Gebäude im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt managt Kim nun ein Großraumbüro, das den leergeräumten Industriekomplex auf der anderen Seite der Grenze verwaltet. Drüben war Kim für 55 000 Menschen verantwortlich, hier sind es 60 Mitarbeiter. Und im Gegensatz zu dort hat man hier auch nicht übermäßig viel zu tun. „Wir versuchen den Kontakt zu all den Betrieben aufrechtzuerhalten, die in Kaesong angesiedelt waren“, sagt Kim und sieht geknickt aus. Viele Unternehmen hätten ihre Aktivitäten vorerst nach Südkorea oder Südostasien verlagert, wollten jedoch gern zurück nach Kaesong, falls die Anlage denn bald wieder öffne. „Aber natürlich, ewig werden die auch nicht mehr warten.“

Hoffnung auf die Rückkehr nach Norden

Im vergangenen Jahr gewann Kim seinen Optimismus zurück, als sich Tauwetter zwischen den zwei Koreas abzeichnete. Seit Januar bezeichnet Südkorea den Norden nicht mehr offiziell als Feind. Und positive Ergebnisse des Treffens Trump – Kim Jong Un dürften sich direkt auf die innerkoreanischen Beziehungen auswirken. Schließlich will Südkoreas seit 2017 regierender Präsident Moon Jae In in diesem Jahr Nordkoreas Herrscher in den Süden einladen. Moon hat auch schon die Absicht verkündet, Kaesong wieder zu öffnen.

Kim Jin Hyang, einem Mann mit ansonsten vorsichtiger Mimik, treibt der Gedanke an die Rückkehr nach Norden ein Lächeln ins Gesicht, es sieht fast wie kindliche Vorfreude aus. Und es verleitet ihn zu kühnen Prognosen: „Ich erwarte schon, dass alle Betriebe noch in diesem Jahr wieder zurück nach Kaesong dürfen.“ Er steht auf und zeigt auf ein weißes Hochhaus auf der Wandfotografie: „Da hab’ ich gewohnt. Es war eine schlichte Ein-Zimmer-Wohnung, wie sie jeder Offizielle bekam.“ Südkoreanisches Fernsehen konnte Kim empfangen, Internet hatte er keines. Eine Auswahl an Restaurants in der Nähe oder Optionen für das Nacht- und Kulturleben habe es auch nicht gegeben. Sein Büro sei hier in Seoul deutlich moderner als jenes dort in Kaesong.

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Trotzdem will Kim Jin Hyang zurück: „Es geht mir dabei nicht nur um die Karriere, sondern auch um das Leben dort. Ich habe mich wohlgefühlt.“ Enge Freundschaften habe er im Norden geschlossen, beim Angeln nahe der Industrieanlage, beim gemeinsamen Mittagessen. Den Geschmack des Nationalgerichts „Heiße Nudeln“, der viel milder sei als sein Pendant im Süden, habe er beim Gedanken daran sofort wieder im Mund. „Ich mag auch den derben Humor da oben“, sagt Kim. Und wer gemeinsam lache, der könne sich nicht hassen.

Sympathie für den Norden

Mit seiner Sympathie für den Norden gehört Kim im Süden zu einer Minderheit. Hier schwindet das öffentliche Interesse am Norden mit jedem Jahr der Teilung etwas mehr. Seitens der Nordkoreaner sei die Tendenz ähnlich, hat Kim Jin Hyang beobachtet. Durch den Mangel an Austausch entstünden bisweilen absurde Mythen. In Südkorea erzähle man sich etwa, Nordkoreaner hätten Hörner am Kopf. „Viele der Flüchtlinge aus dem Norden zeichnen auch häufig ein überspitztes Bild ihrer Heimat. So verfestigen sich Klischees.“

Mit solchen Ansichten sichert sich Kim Jin Hyang die Missgunst der Konservativen aus Südkorea, die Leute wie ihn Verräter oder Kommunisten schimpfen. Die Vorwürfe der Kollaboration mit dem Feind kümmerten ihn nicht, sagt er. „Ich würde mir wünschen, dass so viele Südkoreaner wie möglich etwas Zeit im Norden verbringen könnten, um dort Kontakte zu knüpfen“, sagt Kim. „Ich bin mir sicher, dass wir schnell ein besseres Verhältnis hätten.“

Doch was ist mit den Kriegsdrohungen, die bis vor kurzem noch vom Norden kamen? Das sei überhaupt das größte Missverständnis, meint der Kaesong-Chef. Nordkorea wolle nämlich Frieden, nicht Krieg. „Atomwaffen haben sie nicht, um anzugreifen, sondern um sich wehren zu können.“

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