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Auch bei einem Gefängnisbesuch wie hier in Leeds denkt Premier Johnson wohl nur an das eine.

Brexit

Im Kopf der Brexiteers

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Die Warnungen aus Politik und Wirtschaft vor einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU werden immer lauter. Doch die Hardliner stellen sich taub - und ihre Anhänger auch. Was treibt sie an?

Die schrille Stimme überschlägt sich fast, als die Politikerin auf der Bühne dem Publikum entgegenschreit: „Himmel Herrgott, wenn wir uns von diesem Haufen regieren hätten lassen, dann hätten wir in Dünkirchen aufgegeben.“ Dieser Haufen, damit meint Ann Widdecombe die EU. Und mit Dünkirchen zückt die mittlerweile ins Europaparlament eingezogene Abgeordnete der EU-feindlichen Brexit-Partei die Trumpfkarte, die zuverlässig bei Hardlinern funktioniert: der Zweite Weltkrieg.

Auch an jenem Wahlkampfabend im Städtchen Peterborough im Osten Englands kommt es an, den Geist des Widerstands zu beschwören, den Heroismus der Briten, die sich Hitler widersetzt haben, selbst als im französischen Dünkirchen tausende britische Truppen von der deutschen Wehrmacht eingekesselt waren. Damals, 1940, appellierte der Premier Winston Churchill an das Volk, bei der Rettung der Landsleute zu helfen. In einer beispiellosen Solidaritätsaktion setzte neben Kriegsschiffen eine Armada aus privaten Fischerbooten, Yachten und Segeljollen über den Ärmelkanal und evakuierte hunderttausende Soldaten.

Der Ruf zum britischen Zusammenhalt und die Antwort der Nation in einem Moment der Krise gelten als eine der feinsten Stunden in der Geschichte des Königreichs. Nun ist wieder Krise, wenn auch hausgemacht, aber das wollen sie in bestimmten Kreisen nicht hören. Und Premierminister Boris Johnson ist nicht Churchill, obwohl er sich gern so präsentiert und seine Anhänger bereits Vergleiche ziehen.

Krise also, da ist in der Regel auch der Krieg nicht weit. Ob der Exzentriker Johnson etwa im Sinne seines Vorbilds Churchill mit pathetischen Durchhalteparolen, Patriotismus und Anspielungen auf die Zeit während des Zweiten Weltkriegs und der folgenden Jahre das Volk optimistisch zu stimmen versucht oder Brexit-Hardliner wie der Rechtspopulist Nigel Farage mit falscher Nostalgie von alten Zeiten schwärmen und gegen die EU wettern. Es hat im Vorfeld der Referendumskampagne verfangen – und es verfängt heute, wenn das Königreich darüber diskutiert, dass bei einem ungeregelten EU-Austritt Benzin, Lebensmittel und Medikamente knapp werden, Sozialkosten steigen oder Unternehmen in die Insolvenz rutschen könnten. Schuld sind stets andere – ob die EU oder die Brexit-Gegner, die angeblich das Land herunterreden und mit ihrem Pessimismus den Erfolg des Projekts gefährden.

Will man Johnson glauben, wird die Zukunft außerhalb der Staatengemeinschaft allein durch die „Wir-schaffen-das“-Mentalität rosig. „Dass die Menschen statt auf rationale Argumente zu hören auf das Emotionale ansprechen, ist ein Abwehrmechanismus“, sagt Ian Robertson, emeritierter Psychologie-Professor am Trinity College Dublin. „Das Bild von der Rolle im Zweiten Weltkrieg zu bemühen, erlaubt es ihnen, ihre Sorgen zu unterdrücken und stattdessen diesem einfachen Narrativ zu folgen, nach dem man nur an einem Strang ziehen muss und so harte Zeiten durchsteht.“

Etliche Briten betrachten sich als Teil einer zusammengehörigen Bewegung, die – angeführt von der Regierung – im Chor „Packen wir es an“ ruft. Verschiedene Gründe sind dafür verantwortlich, warum 51,9 Prozent der Wähler 2016 für den Brexit gestimmt haben. Und unterschiedliche Motive sind es, warum sie 2019 trotz Horrorszenarien an ihrer Entscheidung festhalten.

Die Ablehnung einer europäischen Identität sei einer der psychologischen Faktoren gewesen, sagt Robertson. Hinzu kommt, dass sich viele Briten fast 80 Jahre nach dem „Wunder von Dünkirchen“ abermals von den Europäern eingekesselt fühlen, dieses Mal politisch in Gestalt der EU. Angestachelt und bestätigt von Volksverführern wie Farage fürchten sie durch die Staatengemeinschaft eine Bedrohung in Form von Einwanderung oder Überregulierungen.

Es war an einem Dienstag, als Simon Richards zum EU-Skeptiker wurde. Der Brite erinnert sich noch gut an jenen Abend, der seinen Feldzug gegen die Gemeinschaft einleiten sollte. Es war der 20. September 1988 und Margaret Thatcher erklärte dem Europakurs der Deutschen und Franzosen offiziell den Krieg. In ihrer scharfen Art schimpfte die britische Regierungschefin, man habe auf der Insel den Staat nicht deshalb erfolgreich zurückgedrängt, „um ihn auf europäischer Ebene mit einem europäischen Superstaat wiedererrichtet zu sehen“. Die Konservative legte mit der berühmten Ansprache im belgischen Brügge den Grundstein für das Drama, das seit Monaten im Königreich unter dem Titel Brexit läuft. Simon Richards möchte diese Episode endlich beendet sehen. Seiner Ansicht nach ist die EU zutiefst undemokratisch. „Für die Briten ist Geschichte von Bedeutung, und unsere Demokratie hat eine lange Tradition“, sagt der 61-Jährige. Da ist sie wieder, die Geschichte, der Stolz.

Der im Handelsmarketing tätige Richards, der die Insel künftig liberaler und zum Steuerparadies entwickelt sehen würde, setzt alle Hoffnung in Johnson. Dieser bekräftigt regelmäßig, das Königreich am 31. Oktober aus der EU zu führen, „do or die“ – machen oder sterben. Es geht um alles. Und alles ist in diesem Fall der Machterhalt der Konservativen.

Wähler wie Richards würden es Johnson und Co. kaum verzeihen, sollte er die Scheidungsfrist noch einmal hinauszögern. Oder schlimmer noch: der EU klein beigeben. Raus also, im Notfall ohne Deal, wobei der Notfall für Richards, der als Vorsitzender der rechtsliberalen Freedom Association für den Austritt warb, der Wunschausgang bedeutet.

Dass eine harte Grenze in der von einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg gebeutelten Region zwischen Nordirland und der Republik Irland droht, weil das Königreich aus Binnenmarkt und Zollunion austritt? „Hier wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht“, winkt der Brite ab, der ursprünglich aus Wales stammt und nun in Cheltenham im Südwesten Englands lebt. Die Briten hätten stets klargemacht, dass sie keine Grenze wünschen. Es handele sich um einen bewussten Versuch der EU, die Dinge zu behindern. Jedenfalls: „Wir werden keine errichten.“ Fall gelöst? Für die Hardliner ja, weniger zuversichtlich reagieren dagegen die Menschen auf der irischen Insel, bei denen die Angst umgeht, dass wieder Unruhen aufflammen könnten, sollten Grenzbeamte künftig Waren und Personen kontrollieren.

Dass bei einem ungeordneten Austritt zudem für das Königreich die Regeln der Welthandelsorganisation gelten und damit etwa automatisch Zölle eingeführt würden? Ebenfalls geschenkt. „Wir fangen von ganz von vorne an und können Abkommen mit Ländern auf der ganzen Welt schließen“, sagt Richards.

Jedoch gibt nicht nur ein gerade erst öffentlich gewordenes internes Dokument der britischen Regierung düstere Prognosen ab. Im Großteil der Wirtschaftswelt werden katastrophale Szenarien gemalt, sollte die Scheidung ohne Vertrag durchgehen. Es drohen hohe Zollbarrieren und Handelsverwerfungen, ein Absturz des ohnehin bereits im Wert gefallenen Pfunds, eine höhere Inflation und kilometerlange Staus rund um die Häfen, etwa in Dover, zudem steigende Lebensmittel- und Treibstoffkosten bei gleichzeitig sinkenden Löhnen und zurückgehenden Investitionen.

„Pure Angstmacherei“, tönt es von den Austrittsbefürwortern. Auch Simon Richards winkt ab. „Wenn ein Produkt gut ist, werden es die Menschen kaufen.“ Er glaubt nicht, dass es den Menschen langfristig schlechter gehen werde. „Sobald wir aus der EU sind, werden wir prosperieren.“ Wenn Vertreter des Automobilsektors beinahe verzweifelt aus Sorge vor gravierenden Lieferschwierigkeiten ein Abkommen fordern, kommt bei Richards alles andere als Mitleid auf. „Es passt ihnen gut, alles auf den Brexit zu schieben.“ Dabei seien vor allem der Dieselskandal, das Überangebot und die schwächere globale Konjunktur für die „schwierige Lage“ verantwortlich.

„Die Idee, dass ‚Projekt Angst‘ eine erfundene Sache ist, war ein wirkungsmächtiges Narrativ des Brexit-Lagers während der Referendumskampagne“, sagt Alan Wager, Politikwissenschaftler am Londoner King’s College. Mit dem Totschlagargument werden Negativmeldungen abgeschmettert, auch wenn es sich längst nicht mehr nur um Prognosen handelt. Im zweiten Quartal 2019 ist die britische Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft – das erste Mal seit Ende 2012. Zwar erkennen laut Wager manche Brexit-Wähler an, dass es kurzfristig zu einigen Störungen kommen könnte, aber den meisten Vorhersagen der Experten und Unternehmern glauben sie nicht. Bestärkt durch die Tatsache, dass sich die Schreckensprognosen des Ex-Finanzministers George Osborne vor dem Referendum als falsch erwiesen haben, schieben sie die Warnungen beiseite.

Denn die britische Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren als widerstandsfähig erwiesen. Die Arbeitslosigkeit hat einen historischen Tiefstand erreicht und die steigenden Löhne seien laut Johnson der Beweis, wie hervorragend es dem Land gehe. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit, der Brexit außerdem noch nicht passiert. Die Unsicherheit hängt wie ein Damoklesschwert über der Insel, Investitionen werden zurückgehalten und der Dienstleistungssektor, der rund 80 Prozent zur Wirtschaftskraft des Königreichs beiträgt, stagniert praktisch.

Während etwa in der einen Welt, nennen wir sie Remainer-Welt, Mark Carney, immerhin britischer Notenbankchef, im Fall eines No-Deal-Brexits vor einem „sofortigen Schock“ für die Volkswirtschaft in Form einer scharfen Rezession warnt, titelt am nächsten Morgen das Europa-skeptische Hausblatt von Boris Johnson, „The Telegraph“, für die andere, nennen wir sie Leaver-Welt: „Carney beschuldigt, Projekt Angst wiederzubeleben“. So geht das seit Jahren. Realität ist, was jeder für sich daraus macht. So einfach.

Warum aber sorgen die Horrorszenarien aus Wirtschaft und Politik, aus Nordirland und dem abspaltungswilligen Schottland nicht für den Meinungsumschwung? Die Sache ist mittlerweile größer als der Brexit. Wie bei treuen Fans von Fußballklubs, die ihrem Team auch in erfolglosen Zeiten beistehen, handelt es sich laut Politologe Wager bei Brexit-Unterstützern und -Gegnern um so etwas wie eine Stammessache. „Während man früher Anhänger der Konservativen oder der Labour-Partei war, ist es heute wichtiger, ob man ein Leaver oder ein Remainer ist.“ Jene, die für den Brexit gestimmt haben, gegen die Pro-EUler. Mittlerweile werde die politische Identität darüber definiert, zu welchem Lager man gehört, so Wager.

Hinzukommt, dass manche Menschen nicht den Eindruck haben, dass es noch schlimmer kommen könnte. Oben im Norden Englands etwa, wo einst die Eisen- und Stahlproduktion florierte. Die Wirtschaft fiel schon vor Jahrzehnten den Privatisierungsplänen von Premierministerin Thatcher zum Opfer, Viele Briten aus der Arbeiterschicht haben hier für den Brexit gestimmt, aus Protest gegen Westminster, aus Verzweiflung über den Sparkurs, der die Region so hart getroffen hat wie kaum eine andere. Wenn sie die Befürchtungen der Wirtschaftselite hören, herrscht Unverständnis. Was geht uns das an? Stattdessen scheint sich das Votum bislang für sie ausgezahlt zu haben: Plötzlich reist Johnson in die Region und verspricht Investitionen. Plötzlich erhalten die Vergessenen Beachtung.

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