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Zu den Klima-Demos am 20. September 2019 brachten die Aktivistinnen von Fridays for Future 1,4 Millionen Menschen auf die Straße - viele davon auch in Frankfurt.

Greenpeace & Co

Kooperation statt Konkurrenz

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Die alten Umweltschutzgruppen freuen sich über die neuen Mitkämpfer – und neue Mitglieder.

Rund 1,4 Millionen Menschen auf den Klima-Demos am 20. September bundesweit – das war ein großer Erfolg für Fridays for Future, die die Proteste gegen das Klimapaket der Bundesregierung organisiert hatten. Und selbst wenn die von den Veranstaltern angegebene Zahl tatsächlich „nur“ halb so groß wäre: Die traditionellen Umweltverbände wie BUND, Nabu, Greenpeace und WWF haben solch eine gewaltige Mobilisierung noch nicht zustande gebracht, und das, obwohl sie das Feld Klimaschutz seit fast 30 Jahren intensiv beackern. Nämlich seit dem UN-Erdgipfel von Rio von 1992. Haben die „alten“ Aktivisten die Sorge, abgehängt zu werden?

Greenpeace und Co. versuchen, diesen Eindruck erst gar nicht aufkommen zu lassen. Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion (XR) böten den Menschen eine gute Gelegenheit, „ihrer Empörung Luft zu machen“, kommentiert zum Beispiel die Greenpeace-Klimaexpertin Lisa Göldner. „Was die losgetreten haben, ist absolut bemerkenswert und hat auch die Bundesregierung beeindruckt.“

BUND-Vorsitzender Hubert Weiger, ein Urgestein der Umweltbewegung, sagt: „Wir freuen uns sehr über die Fridays, vor allem darüber, dass die Jugend sich viel stärker engagiert, als das viele Jahre lang der Fall war. Es ist ein großes Glück, dass ich das noch erleben kann.“ Die Bewegung sei ein Mutmacher.

Für besonders wichtig hält Weiger, dass es nicht nur zentrale Aktionen gebe, sondern Proteste an Hunderten Orten – auch in Städten und Gemeinden, in denen vorher noch nie Menschen für mehr Klimaschutz demonstriert hätten. Etwas Nachhaltigeres, als wenn die Schülerinnen und Schüler zu Hause in der Familie durch Diskussionen zum Klima „die Revolution am Küchentisch“ starteten, könne es gar nicht geben.

Die Jugendbewegung der Fridays und auch die radikalere XR sind entstanden ohne einen Anstoß von den Umweltverbänden. Das Vorbild des Klimastreiks der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg, die ihre Aktion im August 2018 startete, war so stark, dass sich im Laufe des Herbstes dann spontan Schülergruppen bildeten, über die sozialen Netzwerke wuchsen und mit miteinander verbanden.

Keine Zeit für Kompromisse?

„Einen Schulstreik zu machen – das war eine neue Aktionsform, das hat mich sofort elektrisiert“, sagt zum Beispiel die Gymnasiastin Helena Marschall (17), die die Fridays-Aktionen in Frankfurt mit organisiert hat. Sie sei zwar schon vorher politisch interessiert gewesen. Doch in den Umweltverbänden mitzuarbeiten, sei ihr nicht sehr attraktiv vorgekommen. BUND und Co. leisteten seit Jahren gute Arbeit, „aber in der Politik ist kaum etwas passiert“.

Ein Knackpunkt ist, dass FfF und XR die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klimaforscher als absolut ins Zentrum stellen und daraus ihre Forderungen ableiten, die teils weit radikaler sind als die, die die Umweltverbände vertreten. So fordert XR ein komplettes Herunterfahren der Treibhausgas-Produktion schon bis 2025, FfF will die „Nettonull“ beim CO2 und 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2035. BUND und Co. haben als Mitglieder in der Kohlekommission einem Ausstieg aus der Kohle erst bis 2038 zugestimmt, zwar unter Bauchschmerzen, aber eben doch. BUND-Chef Weiger sagt zu dieser Diskrepanz, man sei sich mit der Klimastreik-Bewegung in den Zielen einig, Kompromisse seien aber nötig. Man müsse eben auch die Betroffenen, etwa in den Kohleregionen, mitnehmen.

Der Soziologe Holger Backhaus-Maul von der Universität Halle-Wittenberg sieht die Lage so: „Die etablierten Umweltverbände sind geübt im Verhandeln und in der Kompromissfindung. Dieses erfordert aber viel Zeit. Ein derart verschwenderischer Umgang mit Zeit in drängenden ökologischen Fragen trifft bei Fridays for Future auf Ablehnung.“

Die radikalen Forderungen sind begründet durch das schmale CO2-Restbudget für das 1,5- oder Zwei-Grad-Limit. Sie treffen aber auf langwierige, kompromissorientierte Verhandlungen in der Politik. Die Klimastreik-Bewegung sieht Backhaus-Maul daher am Scheideweg: Entweder sie löst sich auf, wenn sie sich nicht dauerhafter organisiert als heute. Oder es bilden sich neue Formen des Protests und der politischen Einflussnahme.

Denkbar erscheint freilich auch, dass am Ende BUND und Co. die Gewinner des Aufbruchs sind: Seit 2018 treten ihnen immer mehr neue Mitglieder bei.

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