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11.000 Farbquadrate, mit Hilfe des Computers angeordnet.
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11.000 Farbquadrate, mit Hilfe des Computers angeordnet.

Richter-Fenster

Das Konzept des Zufalls

Der Kunstpsychologe Martin Schuster analysiert Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom. Er findet, es setze einen Gegenakzent zur Rückständigkeit der katholischen Kirche.

Von Martin Schuster

Vordergründig beruht die Faszination des Richter-Fensters auf der Schönheit der Farben. Seit dem Mittelalter gilt sie als prägendes Merkmal des Kirchenraums. Gegenständliche Glasmalerei macht dieses elementar Schöne ebenso sichtbar wie abstrakte. Gerhard Richters Farbmuster erinnert an eine bunte, sonnenbeschienene Blumenwiese und weckt so ein Wohlgefühl im Betrachter.

Hintergründig, unbewusst spielt das Moment des Zufalls eine wichtige Rolle. Richter hat das Arrangement der von ihm ausgewählten Farben ja – abgesehen von wenigen nachträglichen Retuschen – einem Zufallsgenerator überlassen.

In der europäischen Geistesgeschichte hat die Aufklärung die Menschen mit dem Konzept des Zufalls als Zusammentreffen unabhängiger, nicht-intentionaler Kausalitäten von der Vorstellung befreit, dass höhere Mächte, ob gut oder böse, hinter unerwarteten oder unerklärlichen Geschehnissen stünden. Wenn wir heute sagen, „das ist ja Hexerei“, hat das eine spielerische Note. Für die Menschen des Mittelalters war das vermeintliche Wirken von Hexen und Zauberern eine existenzielle Not.

Mit Richters Werk als Gestaltung des Zufalls halten also Aufklärung und Moderne Einzug in die Kirche. Ein Hauch von Zeitgeist weht durch den alten, muffigen Raum. Ich würde nicht erwarten, dass auch nur einer von tausend Befragten nach der Betrachtung des Richter-Fensters diese Erkenntnis so auf den Punkt brächte. Es sind vielmehr eben die hintergründigen, fern liegenden Ahnungen oder Assoziationen einer Hoffnung auf Aufklärung und Erneuerung, die sich in unterbewussten Prozessen der ästhetischen Wahrnehmung einstellen und sich mit den ebenfalls unter- oder halbbewussten Kirchenbildern verbinden.

Natürlich spielt psychologisch auch das Wissen eine Rolle, vor dem Werk eines so berühmten Mannes wie Gerhard Richter zu stehen. Rang, Ruhm und Renommee beglaubigen auch dem Laien gewissermaßen die Genialität des Künstlers und machen den Betrachter eher geneigt, die tiefere Botschaft eines Kunstwerks zu suchen, sich dafür zu öffnen und in sich hineinzuhorchen, was die Wahrnehmung dieses Werkes in ihm auslöst.

Von zentraler Bedeutung für die Wirkung von Kunst ist auch ihr Standort. Das Richter-Fenster interagiert mit dem Kölner Dom also nicht nur über die Reflexion des farbig gebrochenen Lichts auf den Steinflächen und den Pfeilern, sondern auch über die epochenübergreifende Begegnung zeitgenössischer, säkularer Kunst mit der mittelalterlichen Kirchenarchitektur. Die katholische Kirche gilt in vielen ihrer Positionen als vormodern. Das Richter-Fenster setzt über die bildende Kunst einen Gegenakzent: Punktuell rückt die Kirche ab von ihrer Rückständigkeit.

Deswegen reicht die Kritik des verstorbenen Kölner Kardinals Joachim Meisner am Richter-Fenster weit hinaus über eine bloße Kontroverse in Geschmacks- oder Stilfragen. Der verstorbene Erzbischof hatte seinen Vorbehalt mit den Worten formuliert, Richters Werk hätte ebenso gut in eine Moschee gepasst. Im tiefsten Sinn geht es hier gar nicht um eine religiöse Präferenz oder um theologische Kategorien, sondern um eine Öffnung der Kirche für den Zeitgeist, der sich Meisner widersetzen wollte.

Dabei wäre diese Öffnung gerade im Fall zeitgenössischer Kunst angebracht, die sich nach dem Verdrängungswettbewerb mit der Fotografie als abbildendes Medium auf die Suche nach neuen Aufgaben begeben und dabei die Sphäre des Spirituellen für sich selbst neu entdeckt hat. Mit ihrer therapeutischen Kraft ist die Kunst heute für viele Menschen heilsam. Von daher bietet sie sich der Kirche von deren eigenem Heilsanspruch her neu als Partnerin und Bundesgenossin an.

Aufgezeichnet von Joachim Frank

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