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Die Kontinuität der Eliten

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Von: Arno Widmann

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Gerhard Todenhöfer (1913–1973) , hier rechts mit Bundeskanzler Kiesinger in Österreich, arbeitete nach dem Krieg in leitender Stellung in der Industrie. dpa
Gerhard Todenhöfer (1913–1973) , hier rechts mit Bundeskanzler Kiesinger in Österreich, arbeitete nach dem Krieg in leitender Stellung in der Industrie. dpa © picture-alliance / dpa

Sie wussten, was sie begeistert getan hatten. Die meisten ihrer Vorgesetzten wussten es auch. Die FR dokumentiert vier Fälle von Führungskräften mit Nazi-Vergangenheit.

Die Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ (Blessing-Verlag) der von Joschka Fischer eingerichteten Kommission zur Geschichte des Auswärtigen Amtes und seiner Mitarbeiter während der NS- und in der Nachkriegszeit lässt sich dank eines Registers auch als eine Sammlung von Biographien lesen. Zentrale Aufgabe der NS-Außenpolitik war der Krieg gegen Ost und West, die der jungen Bundesrepublik die feste Bindung an den Westen. Die Karrierediplomaten fühlten sich für das eine wie das andere gleich kompetent.

1909 wurde Ernst Achenbach in Siegen geboren. Nach dem Jura-Examen Geschäftsführer der Stiftung Adolf- Hitler-Spende. 1937 NSDAP-Mitglied und Einstieg ins Auswärtige Amt. In Paris mitverantwortlich für Judendeportationen. Nach dem Krieg Eintritt in die FDP. Zuständig für die Besorgung von Spenden der Deutschen Industrie. Von 1957 bis 1976 FDP-Bundestagsabgeordneter. Von 1964-1977 auch Europaparlamentarier. Er verhinderte immer wieder erfolgreich die Verfolgung von NS-Verbrechern. 1991 starb er in Essen.

Das Roschach fügte der 1910 in Schwerin geborene Herbert Müller seinem Namen hinzu, um zu verbergen, dass er jener Herbert Müller war, der seit 1938 im diplomatischen Dienst gewesen war und unter anderem in der berüchtigten „Abteilung Deutschland“, zuständig für „Judensachen“ ? wie er selbst es formulierte ?, gearbeitet hatte. Im Außenministerium der BRD war er Abteilungsleiter, ja unter Kanzler Ludwig Erhard sogar Chef des Planungsstabes. Danach war er Botschafter in Lissabon. 1988 starb Herbert Müller in Freiburg.

Der 1913 geborene Gerhard Kreuzwendedich Todenhöfer ? Sohn eines evangelisch reformierten Pfarrers ? trat 1927 in die Hitlerjugend ein, 1929 in die SA, 1930 in die NSDAP und Ende der 30er Jahre ins Auswärtige Amt. Er war stellvertretender Leiter des Referats für „Judenangelegenheiten“ und förderte seinen guten Freund, den späteren Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Todenhöfer kehrte nach dem Krieg nicht ins Auswärtige Amt zurück, sondern arbeitete in leitender Stellung in der Industrie. Er starb 1973 in Tübingen.

1933 trat der 1915 geborene Erwin Wickert in die SA ein. 1940 in die NSDAP. Seit 1939 arbeitete er für die AA-Auslandspropaganda. Danach für das AA in Shanghai und Tokio. 1955 übernahm ihn das Außenminsterium der BRD in den Höheren Dienst ? ohne die entsprechende formelle Qualifikation. Er vertrat die BRD als Botschafter in London, Bukarest und Peking. Als Petra Kelly und Gert Bastian 1989 gegen das Massaker auf dem Tiananmen demonstrierten, erklärte Erwin Wickert, die Aktion erinnere ihn an die der SA. 2008 starb er.

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